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Quartalsbericht, Teil 4: Wie misst man eigentlich Wohlfahrt?

Ralf Julke
Wie misst man die Lebensqualität einer Stadt wie Leipzig?
Wie misst man die Lebensqualität einer Stadt wie Leipzig?
Montage: L-IZ
Kann man Glück messen? Die Forscher aus dem Leipziger Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften würden wahrscheinlich mit breiter Brust sagen: "Ja!" Da leuchten ganze Regionen im Gehirn auf. Der Kreislauf kommt in Schwung. Die elektrische Spannung an den Messpunkten steigt. Aber wie ist das mit ganzen Städten? Kann man deren Glück auch messen?

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Darüber denken in Europa nicht nur Statistiker nach. Auch Politiker in den etwas klügeren Regierungen tun es. Denn eine beunruhigende Erfahrung der letzten Krisenjahre ist ja auch: Weder Geld noch Wirtschaftserfolg allein machen glücklich. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein ungenaues Maß, um das Glück und die Wohlfahrt eines Landes zu messen.

Die Leipziger Statistiker versuchen schon seit Jahren regelmäßig, die Lebenszufriedenheit der Leipziger zu ermitteln. Ihr Instrument dazu ist die Bürgerumfrage. Es ist also nicht verblüffend, wenn sie im neuesten "Quartalsbericht" auch mal einen Wiener Stadtplaner zu Wort kommen lassen, der sich mit der Lebensqualitätsforschung in der österreichischen Landeshauptstadt beschäftigt - und ihrer Rolle bei der "an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierten Stadtentwicklung". Immerhin gehört Wien bei diversen Umfragen immer wieder zu den europäischen Großstädten mit den höchsten Zufriedenheitswerten. 68 Prozent der Wiener leben "sehr gern" in ihrer Stadt, 28 Prozent immerhin "gern".

Nur das Autofahren gefällt den Wienern nicht so. Da hat die Stadt wie alle anderen Großstädte Europas Probleme: Sie ist nicht für die Blechkarawanen des 20. Jahrhunderts gebaut. Mancher liest solche Fragebeantwortung dann meist als Aufforderung an die Stadtverwaltung, "das Problem nun endlich zu lösen". Aber die Wiener zumindest wissen, dass Lebensqualität ein Produkt aus vielen Faktoren ist - von den Erholungsmöglichkeiten in und bei der Stadt über die Kulturangebote bis zur Lage und Größe der Wohnung.

Wenn man die Werte aus der beigefügten Tabelle nimmt, ist auch das Wiener Radwegenetz besser als das Leipziger, die Einkaufsmöglichkeiten sind brillant, der ÖPNV ist klasse, die Arbeitssituation ist gut und familiär geht's auch den meisten prima. Das ist in Leipzig bei einigen Parametern nicht so. Auch wenn Leipzig für die Lebenssituation seiner Bürger meistens gute Noten bekommt.

2010 haben die Statistiker die Bürger auch mal direkt befragt: Was ist denn nun eigentlich wichtig für ihr Leben? Nicht alles kann die Stadt erfüllen. Es steht nicht in ihrer Macht. Oder doch? Wie stark beeinflussen eigentlich die Rahmenbedingungen das persönliche Wohlergehen, die Chance, eine Familie zu gründen, Freunde zu finden, eigenverantwortlich leben zu können?

Das sind die wichtigsten Lebensziele der Leipziger. Genau in der Reihenfolge. Benotet mit 1,4 bis 1,7. Danach kommen Dinge wie Gesundheit, das Leben genießen, Sicherheit und "Kinder haben" - benotet von 1,7 bis 2,0. Viel Geld haben ist nur 35 Prozent der Leipziger wichtig, Karriere immerhin 47 Prozent. Umweltbewusstsein dafür 83 Prozent.

Wie misst man die Lebensqualität einer Stadt wie Leipzig?
Wie misst man die Lebensqualität einer Stadt wie Leipzig?
Montage: L-IZ

Die Stadtverwaltung hadert ja gern beim Thema Bürgerbeteiligung. Aber was ist das eigentlich? Ist es das politische Engagement, für das nur 18 Prozent der Leipziger zu begeistern sind? Das soziale Engagement, das 44 Prozent wichtig ist? Und was ist dann mit dem gewünschten "Mitspracherecht in Staat und Gesellschaft", das 60 Prozent der Leipziger wichtig finden?

Wie weit darf es reichen? - Weiß natürlich keiner. Die Bürgerbeteiligung in Leipzig ist noch ein Experimentierfeld. Genauso wie der Versuch, die Stadtpolitik auf die Wohlfahrt ihrer Bürger zu justieren. Denn auch eine Stadt wie Leipzig würde ja gern "eigenverantwortlich leben". Und kann's nicht, weil sie in ihrer Finanzierung von der Gnade von Bund und Land abhängig ist, die beide keine große Lust zeigen, die Kommunen in Deutschland finanziell auf eigene Füße zu stellen. Obwohl die Kommunen jene Angebote schaffen, die tatsächlich das ausmachen, was in modernen Staaten als Wohlfahrt bezeichnet wird. Was auch die große Attraktion der Städte gegenüber den ländlichen Räumen ist.

Peter Dütthorn, Mitarbeiter des Amtes für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig, referiert in einem Beitrag die aktuellen Ansätze, Wohlfahrt in der Welt neu zu vermessen. Ziemlich einig sind sich die Statistiker da, dass zu den simplen Wirtschaftsfaktoren auch die Themenfelder Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Umwelt hinzukommen müssen.

Und da wird's schon schwierig. Nämlich dann, wenn die Indikatoren miteinander in Konflikt geraten und einige Teilnehmer am Diskurs die Faktenlage ideologisch betrachten. Zum Beispiel beim Frachtflugbetrieb am Flughafen Leipzig/Halle, der den Leipziger Norden Nacht für Nacht zulärmt.

Und da ist den Leipziger Statistikern derselbe Lapsus passiert wie der so trommelsüchtigen LVZ. Unter den "Kurzinformationen" wird die fragwürdige Studie der Geers-Stiftung tatsächlich wieder unter der Überschrift "Wenig Lärm in Leipzig" verkauft. Obwohl sich das Fraunhofer Institut für Bauphysik eindeutig auf die unvollständige Lärmkartierung der Stadt Leipzig beruft. Der Fluglärm wurde dabei überhaupt nicht berücksichtigt.

Völlig ausgeblendet die eigene Arbeit des Statistik-Amtes, das im Bericht zur Bürgerumfrage 2010 selbst eine Karte zur Lärmbelastung in den Stadtbezirken veröffentlicht hat. Und unübersehbar ist der Fluglärm in den Stadtbezirken Nordwest und Altwest längst die größte Lärmquelle. Eine Rolle, die für gewöhnlich mit großem Abstand der Straßenlärm spielt.

Wohlfahrt aber entsteht nur dann, wenn die notwendigen Belastungen für die Bewohner möglichst reduziert und kanalisiert werden. Das trifft auch auf den Kfz-Lärm zu und die bewohnerfreundlichen Angebote für alternative Verkehrsarten.

Insgesamt ist Wohlfahrt aber - wie das ganze Leben - ein komplexes Gebiet. Es gibt mehrere Erhebungen im Bundesrahmen, in denen dabei auch Dinge wie emotionale und körperliche Gesundheit, Arbeitsumfeld und Grundversorgung mit einbezogen werden. Was Dütthorn zu dem Finalsatz animiert: "Aus kommunalstatistischer Sicht ist zu bedauern, dass Indikatoren zur Messung der Wohlfahrt leider nur in beschränktem Umfang auch auf der Ebene einer kreisfreien Stadt vorliegen."

Was - siehe Bürgerumfrage - nur mit Einschränkung zutrifft. Die Statistiker der Stadt Leipzig wissen eine Menge über Wünsche und Wohlfahrt ihrer Bürger. Nur die Spielräume der Stadt, einfach mal die Ärmel hochzukrempeln und die richtigen Dinge zu tun, schmelzen mit jedem neuen Haushalt dahin. Denn eines stimmt auch: Die Wohlfahrt der Kommunen ist den politischen Entscheidern in Deutschland (obwohl sie Kommissionen dafür einsetzen) schnurzpiepegal. Die kurzfristigen Bedürftigkeiten ihrer jeweiligen Klientel sind ihnen wichtiger.

So betrachtet ist das Engagement der Städte für eine nachhaltige und selbstgestaltete Zukunft ein hilfloses. Daten gibt es genug. Der aktuelle Quartalsbericht zeigt aber auch: Da, wo das Geld gebraucht würde, um es in die Wohlfahrt aller zu investieren, fehlt es. Und kommt auch mit Steuern und Flugfrachttonnagen nicht rein.


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