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Kassensturz: Sachsens Export brummt, der Arbeitsmarkt ist fast gesättigt

Ralf Julke
Statistiker bleiben auch dann zurückhaltende Menschen, wenn Politiker auf der Bühne kleine Jubeltänze hinlegen. Sie wissen: Zahlen sind nur Zahlen. Und egal, wie hübsch sie sind: Sie machen keinen satt. So schreiben die sächsischen Landesstatistiker nur ganz nüchtern: "Anstieg der Erwerbstätigenzahl verlangsamt – Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf Höchststand".

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Mit 0,3 Prozent Anstieg im dritten Quartal 2011 wuchs die Erwerbstätigenzahl in Sachsen gegenüber dem Vorjahresquartal langsamer als noch im Vorquartal. Die positive Entwicklung basierte vorwiegend auf einem Anstieg bei den Arbeitnehmern.

Innerhalb dieser Personengruppe waren in Sachsen allerdings auch im dritten Quartal 2011 deutliche Rückgänge der marginalen Beschäftigungsverhältnisse zu verzeichnen, benennen die Statistiker eine leichte positive Entwicklung. So lange wird ja noch nicht über marginale Beschäftigungsverhältnisse in Sachsen berichtet. Zumindest in den Kommunen aber weiß man im Jahr sechs nach Peter Hartz, dass der jahrelang gepflegte Hype um die Billiglohnverhältnisse als "gute Einstiegsmöglichkeit" in den Arbeitsmarkt für die Städte und Gemeinden keinen müden Cent an Entlastung bringt. Viele dieser marginal Beschäftigten bleiben weiterhin von den Überweisungen des Jobcenters abhängig, ihre Familie kommt nicht aus der Bedürftigkeit heraus, die Aufstiegschancen sind gleich Null und neue Steuereinnahmen bringen diese Billiglohnverhältnisse auch nicht.

Manch Politiker, der den Reformweg lauthals mitging, hat zumindest begriffen, dass das ganze Instrumentarium der marginalen Jobs eher eine neue Variante staatlicher Subvention von diversen Unternehmen ist, die öffentlichen Haushalte aber nicht entlastet - von den Haushalten der Betroffenen ganz zu schweigen.

Die stille Kritik der Statistiker zum Rückgang der Marginalbeschäftigung: "Hauptsächlich wurden hier Stellen bei der Beschäftigung in Arbeitsgelegenheiten (sogenannte Ein-Euro-Jobs) abgebaut." Was auch bedeutet: Die geschaffenen marginalen Jobverhältnisse wurden auch beim Warmlaufen der Wirtschaftsmaschine Sachsen nicht in vollwertige Arbeitsverhältnisse umgewandelt.

Was möglicherweise auch die Angst vieler Unternehmen spiegelt vor dem nächsten Crash, der ja in großen bunten deutschen Magazinen seit über einem halben Jahr eifrig beschworen wird.

Die entsprechenden Wirtschaftsredakteure scheinen zumindest begriffen zu haben, dass Wirtschaft zu 50 Prozent Psychologie ist, wie Ludwig Erhard mal gesagt haben soll. Dass sie selbst Teil des psychologischen Problems sind, haben sie aber fast alle noch nicht begriffen. Sie analysieren nicht mehr, sie orakeln und lassen sich dabei zum Sendboten diverser interessengesteuerter Institute machen.

Deutschlandweit stieg die Zahl der Erwerbstätigen im dritten Quartal 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 1,2 Prozent. Während die alten Länder (ohne Berlin) einen Zuwachs um 1,4 Prozent verzeichneten, stagnierte die Erwerbstätigenzahl in den neuen Ländern (ebenfalls ohne Berlin). Das kann alles Mögliche bedeuten - zum Beispiel, dass der Markt gesättigt ist und die vorhandenen Unternehmen gar nicht mehr Arbeitskräfte aufnehmen können. Es kann aber auch das bedeuten, was den ansässigen Unternehmen mittlerweile richtig Bauchschmerzen macht: Dass sie gar nicht mehr alle Arbeitsplätze besetzen können. Was wohl - nach all den Alarmmeldungen aus den Kammern - wohl genau die richtige Interpretation ist: Die nachwachsenden Jahrgänge decken nicht mehr die Abgänge ab, die durch den Wechsel älterer Beschäftigter in den Ruhestand entstehen.

Sie können den zusätzlichen Bedarf nur noch decken, indem sie deutlich mehr in die Qualifikation des Nachwuchses, in Familienfreundlichkeit und in höhere Gehälter investieren. Das droht bei manchem Unternehmen schon die finanziellen Spielräume zu sprengen.


Der Herbst ist also so ein Zeitpunkt, an dem die Grenzen der Aufnahmefähigkeit des ostdeutschen Arbeitsmarktes sichtbar wurden.

Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich zum 30. September 2011 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Sachsen immerhin noch um knapp 27.000 Personen und erreichte den höchsten Stand seit September 2001. Überdurchschnittliche Impulse gingen vom Verarbeitenden Gewerbe aus. Innerhalb des Dienstleistungsbereiches verzeichnete speziell die Arbeitnehmerüberlassung sowie der Handel, die Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen deutliche absolute Zuwächse.

Auch die Wirtschaftszahlen selbst zeigen eine auf Volldampf arbeitende Wirtschaft. Die Industrie in Sachsen hat im September 2011 mit einem Gesamtumsatz von 5,0 Milliarden Euro eine neue Bestmarke erreicht. Der Zuwachs betrug zum Vormonat satte 13,2 Prozent und zum Vorjahresmonat sogar 15,4 Prozent.

Von Januar bis September 2011 summierten sich die Industrieumsätze auf 40,0 Milliarden Euro und übertrafen damit das Vorjahresergebnis um 14,7 Prozent. Sowohl das Inlands- als auch das Auslandsgeschäft legten dabei zweistellig zu. Die Exportquote, das heißt der Anteil des Auslands- am Gesamtumsatz, stieg auf 39,0 Prozent, wie Sachsens Statistiker ausgerechnet haben.

Was aber auch zeigt, wie sehr der wirtschaftliche Erfolg des Freistaates mittlerweile von den Exporterfolgen insbesondere im Auto-, Maschinen- und Anlagenbau abhängt. Wenn es hier Auftragseinbrüche auf den internationalen Märkten gibt (die etliche Unternehmen schon befürchten), dann schlägt das - wie 2009 zuletzt - auch wieder auf Beschäftigung und Steuereinnahmen des Freistaats zurück.

Ganz so schwarz, wie von einigen Wirtschaftsexperten gemalt, zeichnet sich die Auftragslage aber noch nicht ab. Die Auftragseingänge lagen zum Beispiel im Verarbeitenden Gewerbe im 3. Quartal um 65 Prozent über den Richtwerten des Jahres 2005 und eben auch 19 Prozent über dem Vorjahresniveau. Und im Herbst 2010 zog die wirtschaftliche Produktion in Sachsen wieder richtig an.

Mittlerweile wird über die Hälfte, 21,6 Milliarden Euro, vom Gesamtumsatz im Außenhandel generiert, davon wieder die Hälfte (bis September über 10 Milliarden Euro) mit EU-Staaten. Was den Blick auf die aktuelle Schuldenkrise in der EU etwas verändern sollte. Auch auf die so umjubelten "Sparhaushalte", die derzeit nicht nur Griechenland, sondern auch Italien, Irland, Spanien oder auch Großbritannien verordnet wurden und werden.

Es ist nicht die Frage, dass gespart werden muss und auch die so genannten reichen europäischen Staaten anfangen müssen, Haushaltsüberschüsse zu produzieren, um ihre Kreditberge tatsächlich endlich abzutragen. Es geht um das Wie. Und die simplen IWF-Rezepte, die derzeit z.B. in Griechenland angewendet werden, könnten sich dabei als die gefährlichste Arznei erweisen. Die immer neuen "Rettungsfonds", die geschnürt werden, ohne den Finanzmärkten auch nur die Mindestregeln aufzuzwingen, könnten ein weiteres Abführmittel sein, das den Patienten noch wehrloser macht.


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