Wieder ein Ranking und ein Jubel: Mit der Wünschelrute durch den Zahlenwald
Ralf Julke
12.12.2011
Hochhaus von Sparkasse und Sachsen Bank.
Foto: Ralf Julke
Wenn die LVZ ein neues Ranking in die Hand bekommt, in dem irgendwo Leipzig vorkommt, dann klingt das Ergebnis meist so: "Leipzig zeigt wirtschaftliche Dynamik: Platz zwei unter 50 deutschen Großstädten". Das Ranking ist tatsächlich neu, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat es am 9. Dezember veröffentlicht. Und sie tat natürlich auch so, als hätte sich irgendwas geändert seit einem Jahr.
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Oder seit zwei Jahren. Als wäre wirtschaftliche Entwicklung etwas für flotte Parteitage: heute beschlossen, morgen Erfolge. Das klappt nicht einmal in der Politik. Und dass die "Wirtschaftswoche" das flockige Spiel mitmacht, ist zumindest nicht gerade Zeichen für Ernsthaftigkeit.
Der Jubel von Henning Krumrey, stellvertretender Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“: „Die Region Kassel hat mit VW und Daimler beachtliche industrielle Highlights zu bieten. Diese Unternehmen stehen für die exportstarke deutsche Industrie, die sich in Krisenzeiten sehr robust gezeigt hat. Sie ist nach wie vor ein zentraler Beschäftigungsmotor in Deutschland. Wer noch vor Jahren behauptet hat, dass einer modernen Industriegesellschaft die Arbeit ausgehen könnte, ist eines Besseren belehrt worden. Zum Ende der Phase des 'Jobless Growth' haben auch die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre beigetragen.“
Die "Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre"? Man hört die Nachtigall. Man sieht sie nicht. Aber jedes Jahr führt ein neuer Vogel die Liste an. Kassel also diesmal.
Die INSM: "Überraschend hat sich in diesem Jahr Kassel an die Spitze des Dynamikvergleichs gesetzt. Am Arbeitsmarkt verzeichnete die nordhessische Stadt zwischen 2005 und 2010 insgesamt die stärksten Verbesserungen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze stieg hier um 13,9 Prozent – mehr als doppelt so stark wie in allen untersuchten Großstädten im Durchschnitt (plus 6,6 Prozent). Um 8,7 Prozentpunkte fiel in Kassel die Arbeitslosenquote."
Wie ist doch so schön unter dem "Niveau-Ranking" für Kassel nachzulesen? - "Kassel ist die dynamischste Großstadt Deutschlands - hat jedoch wenig Jobs, und immer mehr Bürger sind verschuldet".
Die INSM zu den Jobs: "2010 waren in Kassel 53,5 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren abhängig beschäftigt. Im Durchschnitt aller untersuchten Großstädte liegt die Arbeitsplatzversorgung bei 56,8 Prozent. Platz 45 für Kassel."
In Leipzig waren es - bei einer gerundeten Arbeitslosigkeit von 14 Prozent - immerhin 56,3 Prozent.
Man kann die Pendlersalden, die Einkommenshöhen, die Steuerkraft vergleichen - das alles verändert sich nur in größeren Zeiträumen. Nicht in Monaten. Deswegen ist die Position von München im so genannten "Niveau-Ranking" stabil. Wer hat, der hat. Da hilft auch der hohe Faktor für Wirtschaftsfreundlichkeit (Rang 7), den Leipzig hat, nichts. Denn wirtschaftliche Prozesse sind komplexer, sie haben mit Infrastrukturen zu tun, vorhandenen Clustern und Lieferketten. Auch die beiden heute dominierenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg haben über 20 Jahre gebraucht, um ihre Wirtschaftsstrukturen aufzubauen, mit denen sie heute (immer noch) punkten.
Kann man natürlich fragen: Warum hat es der Osten nicht geschafft? Oder sind die Ausgangslagen 1950 und 1990 nicht vergleichbar?
Was hätte eigentlich passieren müssen, damit im Osten ähnliche Entwicklungen beginnen können wie in Bayern unter Franz Joseph Strauß?
Eins zumindest zeigt das INSM-Ranking überdeutlich: Der Faktor Geld ist übermächtig. Er beeinflusst in diesem Ranking fast alle Faktoren - vom BIP über die Steuerkraft bis zu den Durchschnittseinkommen, die privaten Schulden und - ja - auch die Zahl der Straftaten. Denn auch in Leipzig (Platz 39 mit der Kriminalitätsziffer 11.667) dominieren die Diebstähle das Bild.
Ohne Geld geht nix: Hochhaus von Sparkasse und Sachsen Bank.
Foto: Ralf Julke
Wie sehr das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Kapital dafür sorgt, dass sich am "Niveau-Ranking" gar nichts ändert, belegt wiederholt der Platz, den Leipzig im "Dynamik-Ranking" ganz an der Spitze einnimmt. Diesmal knapp hinter Kassel mit 0,4 Punkten Abstand, knapp vor Erfurt und Oldenburg und Halle an der Saale. Da findet man sie alle, in der Spitzengruppe, die Problemkinder. Die Städte, wo das Geld für den Schampus nicht reicht - zum Renovieren der Schulen auch nicht. Dass gleichzeitig auch noch die Lehrer eingespart werden, merken dann die Leipziger mit ihrer hohen Schulabbrecherquote. Auch da geht es um Geld.
Natürlich kann man Geld auf die hohe Kante legen, wie es Sachsens Finanzminister tut. Milliarde um Milliarde. Um für alles gewappnet zu sein - außer für einen Euro-Crash.
Aber Geld hat die seltsame Eigenschaft: Es schafft nur Wohlstand, wenn es fließt, wenn es in die Kreisläufe eingespeist wird - in Bildung, Investitionen, Anschubfinanzierungen.
Was möglicherweise eine halbe Antwort ist auf die Frage, warum der Osten nicht aus dem Arsch kommt. Das Geld fließt in die falschen Töpfe und Kanäle.
Und die zweite lütte Wahrheit dazu: Das INSM-Ranking hilft nicht die Bohne dabei zu verstehen, wohin es fließen müsste, was jetzt wichtig wäre, um aus den dauerhaft hübschen Siegerplätzen im "Dynamik-Ranking" einen Fortschritt im "Niveau" zu machen. Dazu müssten ja logischerweise die Einkommen kräftig steigen ...
Oje. Da hört man schon die Warnrufe aus dem selben Haus: Damit gefährdet ihr den Wirtschaftsstandort!
Wenn man das so als Wirtschaftsstandort bezeichnen will.
Beim verfügbaren Einkommen ist Leipzig wieder in hübscher Eintracht mit Erfurt und Halle an der Saale: ganz unten diesmal. Ungefähr 1.900 Euro entfernt von Kassel, das noch ein Stückchen vor Dresden und Chemnitz rangiert.
Und ganz oben thront München im "Niveau-Ranking". Woran liegt's?
INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr hat da so seine eigene Vermutung: „Ein zentraler Treiber für Beschäftigung und Wohlstand ist die enge Vernetzung von technischer Intelligenz und Wirtschaft in Wissens-Clustern im Umfeld der TU München. München zeigt, dass Beschäftigung und Wohlstand entstehen, wenn Bildung und Forschung systematisch in unternehmerische Wertschöpfungsprozesse überführt werden. Das beweist: Wirtschaftswachstum und das damit einhergehende Beschäftigungswachstum sind die beste Sozialpolitik.“
Wie er aus den ersten Sätzen den letzten herleitet, ist unsereins zwar ein Rätsel. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Behauptung "Ein zentraler Treiber für Beschäftigung und Wohlstand ist die enge Vernetzung von technischer Intelligenz und Wirtschaft in Wissens-Clustern im Umfeld der TU München." sehr an den Haaren herbei gezogen ist. Das ist nicht die Begründung für den Münchner Wohlstand, sondern das Ergebnis. Das Ergebnis über Jahrzehnte praktizierter Ansiedlungspolitik, die erst das Kapital in München bündelte, das auch die Investitionen in Forschung und Hochschule so ermöglichte. Gegen die TU München sind Sachsens Hochschulen arm gesparte Mäuse.
Wobei der Satz natürlich zu denken gibt: Warum werden die Rezepte der INSM immer nur wahlweise in Sachsen angewandt? Warum versteht im Freistaat die zuständige Ministerriege die Rolle von Bildungsinvestitionen nicht?
Folgen hat das längst. Und zwar verheerende, wie auch die INSM diesmal feststellt: "Nun, wo vor allem die Arbeitsmarktdaten einen selbst tragenden Aufschwung signalisieren, könnte ein Fachkräftemangel im Osten zur Wachstumsbremse werden. Verschärft wird das Problem durch den Umstand, dass viele Ost-Großstädte unter besonders hohen Schulabbrecher-Quoten zu leiden haben."
Das sieht selbst Henning Krumrey von der „Wirtschaftswoche“ so: „Hier ist eine Bildungsoffensive vonnöten, um möglichst vielen jungen Menschen die Weiterbildungsfähigkeit und damit die Chance auf den Berufseinstieg zu sichern. Auch die im Osten traditionell starke Infrastruktur der vorschulischen Betreuung muss in diese Offensive eingebunden werden.“
Vielleicht sollte er einen Brief an den sächsischen Bildungsminister schreiben. Auf uns hier im Osten hört der ja nicht. Er hört nur auf seinen Finanzminister. Und der hat zwar so zwei bis fünf kleine Milliarden zur Sicherheit im Säckel, sagt aber trotzdem: "Ich hab nix."
Naja. Ob uns das Ranking klüger macht, darf bezweifelt werden. Wenn wir das Kostenbewusstsein der 50 Städte rausbekommen wollten, würden wir den Schuldenstand abfragen und den jährlichen Schuldenabbau und die Investitionsquote und solchen Kram.
Aber so weit ist man bei der INSM noch nicht. Die glaubt daran, dass man bei all solchen Fragen das Volk fragen muss. Und so fragten im Frühjahr 2011 IW Consult und Uni Bochum die Leute: "Glauben Sie, dass Ihre Stadtverwaltung sparsam und wirtschaftlich arbeitet?"
Frage uns keiner, was wir von solchen Fragen halten. Leipzig (das in den letzten fünf Jahren immerhin 200 Millionen Euro Schulden abgebaut hat), landet hier mit 30 Prozent "Ja"-Bekundungen auf Rang 32, noch vor Dresden (39), das ja bekanntlich seine Schulden sogar auf Null abgebaut hat. Wissenschaftlich, um es mal so zu sagen, ist das alles nicht. Egal, wie oft man die Leute fragt, was sie so alle glauben.
"Neue Schulen braucht die Stadt". Zu diesem Thema lädt die Leipziger SPD Jugend am Donnerstag, 24. Mai, ab 19:00 Uhr in die SPD Geschäftsstelle (Rosa-Luxemburg-Straße 19/21) ein. Gemeinsam mit dem Leipziger Landtagsabgeordneten Holger Mann wird über den Neu- und Ausbau sowie die Sanierung von Schulen in Leipzig diskutiert. mehr…
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