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Neue Einwohnerzahlen für Sachsen: Die Flucht in die Großstadt hält an

Ralf Julke
Der Direktionsbezirk Leipzig wächst. Hatte er - nach der amtlichen Statistik - im Dezember 2010 noch 996.519 Einwohner, so waren es im August 2011 schon 997.346. Die Zahl hat gerade das Statistische Landesamt ausgeliefert. Recht spät. Man merkt, wie vorsichtig man dort mittlerweile mit Bevölkerungszahlen umgeht.

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Denn im November 2012 wird sich ja einiges gründlich ändern. Dann werden die Auswertungen des Zensus 2011 in eine neue Zahlenbasis münden. Und flächendeckend werden wohl in ganz Deutschland die Zahlen nach unten gehen. Auch in Sachsen und Leipzig. Was dann natürlich eine Neujustierung auch der Einschätzung der demografischen Entwicklung erfordert.

Wobei auch das jetzige Zahlenmaterial gewisse Trends sichtbar macht. Trends, die in dieser Art in ganz Deutschland ablesbar sind. Nicht nur in Sachsen flüchten die jungen Menschen scharenweise in die (noch) funktionierenden Metropolen. In Sachsen ganz sicher ein Effekt einer Zentralisierungspolitik, die den ländlichen Raum in den letzten Jahren von vielen zum Leben unerlässlichen Infrastrukturen entblößt hat - Kindertagesstätten wurden geschlossen, Schulen zusammengelegt, Gemeinden zu immer größeren Zusammenschlüssen gedrängt, Kreise zu Fusionen genötigt.

Das klingt dann immer recht euphorisch, wenn Städtchen wie Grimma dann ein neues Wachstum vermelden können, wie zum Jahreswechsel 2011/2012 geschehen. Mutzschen wurde zum Jahreswechsel eingemeindet. Zur Eingemeindung von Otterwisch gab der Stadtrat seine Zustimmung.

Wie drastisch die Zahl der Gemeinden in Sachsen in den letzten 20 Jahren eingedampft wurde, machte eine Pressemitteilung des Sächsischen Staatsministeriums des Innern am 23. Dezember deutlich. "Im Jahr 2011 gab es 12 freiwillige Zusammenschlüsse von sächsischen Gemeinden. Die Zahl der Gemeinden wird sich dadurch zu Jahresbeginn 2012 auf dann 458 Kommunen reduzieren. Die meisten dieser Zusammenschlüsse werden per 1. Januar 2012 vollzogen. In zwei Dritteln der Fälle erfolgen Zusammenschlüsse innerhalb bereits bestehender Verwaltungsgemeinschaften zu Einheitsgemeinden. Dies entspricht genau einer der Hauptzielstellungen des Leitbildes."

Das Wörtchen "freiwillig" darf man also getrost in Gänsefüßchen schreiben. Der Freistaat übt - auf beharrliche Weise - seinen Druck aus, um den Prozess der immer größeren Gemeindezusammenschlüsse in Gang zu halten. In der Sprache des Innenministeriums klingt das so: "Der Freistaat Sachsen hat auch in diesem Jahr Vorhaben, die dem gebietsstrukturellen Leitbild entsprechen, nachhaltig unterstützt. Neben der pauschal gewährten Fusionsprämie wurde bereits zu Jahresbeginn ein in Zusammenarbeit zwischen dem Staatsministerium des Innern und dem Sächsischen Städte- und Gemeindetag erstellter Leitfaden zu vielen, die Gemeinden bewegenden Detailaspekten herausgegeben."

Innenminister Markus Ulbig: „Ein Zusammenschluss von Gemeinden bietet neue Gestaltungsspielräume. Zahlreiche sächsische Gemeinden arbeiten deshalb schon heute in vielen Bereichen eng zusammen. Ich hoffe, dass künftig noch mehr Gemeinden ihre Zukunft gemeinsam anpacken. Wir brauchen Gemeindestrukturen, die auch in fünfzehn Jahren noch Bestand haben – für unser gemeinsames Ziel: ein zukunftsfähiges Land, in dem auch unsere Kinder gut leben können.“


Neue Gestaltungsspielräume? - Wie nennt man so einen Sprachgebrauch? Schönfärberei? - Die anhaltende Zentralisierung der Verwaltungsstrukturen ist auch der Versuch, die Folgen der anhaltenden Landflucht irgendwie anzupacken. Aber wahrscheinlich mit dem falschen Mittel. Beispiel eben Grimma: Die Stadt im Muldental war bis 1994 sogar Hauptstadt eines eigenen Kreises, der dann im Muldentalkreis aufging, der 2008 wieder im noch größeren Landkreis Leipzig aufging. Wenn die Grimmaer heute ein amtliches Anliegen auf Kreisebene haben, müssen sie nach Borna fahren.

Grimma hat heute 65 Ortsteile, praktisch genau so viele wie Leipzig, ist von der Fläche her nun die "viertgrößte Stadt in Sachsen". Von der Einwohnerzahl natürlich nicht - die liegt knapp über 30.000. Und es ist längst absehbar, dass sie genauso wieder fallen wird wie im gesamten Landkreis Leipzig, der im Dezember 2010 noch 267.410 Einwohner hatte und im August 2011 dann noch 266.191. Gefallen ist in dem Zeitraum auch die Einwohnerzahl im Landkreis Nordsachsen - von 206.223 auf 204.780.

Der Direktionsbezirk Leipzig profitiert schlichtweg von der Attraktion der Großstadt Leipzig, die die Zuzüge eben nicht nur aus den beiden benachbarten Landkreisen generiert, sondern aus dem kompletten mitteldeutschen Raum.

In Leipzig wuchs die Einwohnerzahl von Dezember bis August nach den amtlichen Zahlen von 522.883 auf 526.375. Damit ist das Wachstum in Leipzig mittlerweile sogar höher als in der Landeshauptstadt Dresden, wo die Einwohnerzahl in diesem Zeitraum von 523.058 auf 525.096 stieg.

Natürlich hat all das mit Infrastrukturen zu tun. Und die Ausdünnung des ÖPNV nach den wilden Sparbeschlüssen der Landesregierung wird die Entwicklung weiter forcieren. Denn warum soll man in einer Region wohnen bleiben, in der Züge und Busse immer seltener halten? Das bekommt auch dem so gern propagierten Tourismus nicht. Wer die Mobilität eines Landes vom Kfz-Verkehr denkt, denkt zu schmalspurig. Da hilft dann auch die teure Rettung einer Schmalspurbahn nicht mehr. Und die Bündelung von Verwaltungsstrukturen in Städten, die man ohne eigenes Auto nicht mehr erreichen kann, auch nicht.

Am 3. Oktober 1990 gab es im Freistaat Sachsen noch 1.626 Städte und Gemeinden. Sie wurden unter beharrlichem Druck einer Landesregierung, die die zugehörigen Reformrezepte aus Baden-Württemberg mitgebracht hatte, immer weiter reduziert: 1994 waren es noch 1.166 Städte und Gemeinden, 1995 noch 920, 1998 dann 787 und 1999 nur noch 546. 2005 reduzierte sich die Zahl auf 515, 2009 waren es dann 493 und zum 1. Januar 2012 dann 458 Städte und Gemeinden.

Da freut man sich dann zwar in Grimma über ein kleines Eingemeindungswachstum - aber von einer Stabilisierung sind die ländlichen Räume weit entfernt. Der Freistaat handelt ganz so, als wolle er die Entblößung der ländlichen Räume von Infrastrukturen immer weiter treiben. Und als wisse man in Dresden tatsächlich nicht, was da geschieht und warum die jungen Leute fliehen. Die fehlende Versorgung mit Breitband-Internet, die ab und zu auch auf sächsischer Regierungsebene für Rumoren sorgt, ist dabei nur das kleinste der Strukturprobleme. Bei anderen, die für die betroffenen Orte wesentlich prekärer sind - wie die rigide Umsetzung von Schulschließungsbeschlüssen -, tut man die Kritik der Opposition gern als lächerlich und unbegründet ab. Man muss ja sparen. Die nächste Verwaltungsreform steht ja ins Haus.

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Also wird das, was der Freistaat da erlebt, munter so weiter gehen. Auch wenn die amtlichen Zahlen derzeit wahrscheinlich schon ein Stück weit von den realen Verhältnissen entfernt sind. Waren im Dezember 2010 noch 4.149.477 Einwohner für Sachsen amtlich, waren es im August noch 4.136.174. Denn die Abwanderung junger Menschen in den letzten Jahren hat ja die Geburtenrate so weit gedrückt, dass der Freistaat auch Einwohner verliert, wenn niemand mehr in den goldenen Westen auswandert. Und die Abwanderungsrate hat sich ja schon deutlich abgeschwächt. Mittlerweile braucht die sächsische Wirtschaft jeden ausbildungsfähigen jungen Menschen, der noch da ist.

Und weil man da die Wahl hat zwischen einer Kfz-Lehre in Torgau und einer in Leipzig, entscheiden sich junge Leute recht häufig lieber für Leipzig. Die Stadt wächst mittlerweile so beharrlich, dass sie die Einwohnerverluste in den Landkreisen locker ausgleicht.


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