Schüler in Sachsen: Höchste Zeit zum Umsteuern bei Lehrern und Schulinvestitionen
Ralf Julke
20.01.2012
Minister sind in der Regel Steuerleute. Sie lassen sich die Zahlen zu den Entwicklungen in ihrem Ressort zuweisen, planen die Budgets und steuern auch um, wenn sich Gewichte verschieben. Die neuesten Zahlen zu Schülern in Sachsen sollten vielleicht den Kultusminister aus dem Tiefschlaf reißen. Denn "9.704 mehr Schüler an den allgemeinbildenden Schulen in Sachsen" ist eigentlich ein Wecksignal: Jetzt muss gehandelt werden.
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Denn die globalen Zahlen sind das eine. Es sind die Details, die mittlerweile Arges schwanen lassen. Denn nur auf den ersten Blick sieht es positiv aus, wenn im Schuljahr 2011/12 wieder 318.950 Schülerinnen und Schüler an den 1.481 allgemeinbildenden Schulen in Sachsen gelernt haben. Nachdem seit 1995 bis 2009 die Schülerzahl an allgemeinbildenden Schulen von Jahr zu Jahr sank, stieg sie 2011 erneut um 9.704 bzw. 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr weiter an, so die Rechner aus dem Statistischen Landesamt.
Was - nach Adam Ries - auch bedeutet: Die Zeit der Schulschließungen ist eigentlich vorbei. Im Gegenteil: Es müssten wieder Schulen eröffnet werden. Doch die ganze Schrägheit der Diskussionen um das so genannte "Schulschließungsmoratorium" zeigt: Die Botschaft ist nicht wirklich in Dresden angekommen. Mit dem Faktor "demografische Entwicklung" kommt man in den Amtsstuben in der Hauptstadt erst recht nicht ins Reine. Mittlerweile kommt auch aus den Wirtschaftsverbänden die unüberhörbare Warnung, dass Infrastrukturen im ländlichen Raum nicht straflos immer weiter zurückgebaut werden können. Denn wo sie fehlen, ziehen zuallererst die jungen Familien fort, suchen schnellstens nach familiengerechten Infrastrukturen, wo Schulen, Kaufhallen, Ärzte und Behörden noch erreichbar sind.
Die Folge ist das, woran am Ende kein Minister in Dresden schuld gewesen sein will - ein akut sich verschärfender Fachkräftemangel in den Landkreisen. Und eine forcierte Wanderung der Sachsen vom Land in die drei Großstädte. Dort wachsen die Kinder- und Schülerzahlen, dort müssen (wie in Leipzig) neue Schulen eröffnet werden. Nur zu dumm: Städten wie Leipzig werden die nötigen Investivmittel dafür nicht zur Verfügung gestellt. Der Freistaat zeigt sich hochgradig desinteressiert daran, unter welchen Bedingungen die Kinder im Land lernen sollen. Vom blindlings organisierten Lehrermangel ganz zu schweigen. Auch das ist im Zahlenpaket nachlesbar.
2011/2012 gibt es nun - im Vergleich zum Vorjahr - 5.563 Mittelschüler mehr und 3.014 Gymnasiasten. Auch an den Grundschulen hat sich die Schülerzahl um fast 1 Prozent (1.170) erhöht, dagegen wurden an den allgemeinbildenden Förderschulen 106 bzw. 0,6 Prozent Schüler weniger als im Vorjahr unterrichtet und betreut.
Wie das Statistische Landesamt weiter mitteilt, werden in diesem Schuljahr 123.033 Schüler an den 831 Grundschulen und 89.968 an den 335 Mittelschulen unterrichtet. 85 585 Gymnasiasten lernen mit dem Ziel, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben an den 152 Gymnasien des Freistaates.
Die 158 allgemeinbildenden Förderschulen verzeichnen 18.938 Schüler und die 5 Freien Waldorfschulen 1.426.
Wie sich das in den letzten zehn Jahren gedreht hat, zeigen zwei Zahlen: Im Sommer 2011 beendeten 21.816 Absolventen und Abgänger die allgemeinbildenden Schulen, zum Schuljahresbeginn 2011/12 begannen 32.419 ABC-Schützen ihre Schullaufbahn.
Was aber auch bedeutet: Mehr Schüler gleich mehr Lehrer. Der Freistaat müsste die Neuanstellung von Lehrern forcieren. Die Schülerinnen und Schüler an den allgemeinbildenden Schulen in Sachsen werden aktuell von 28.359 voll- und teilzeitbeschäftigten Lehrpersonen unterrichtet. Aber: Nur 11 Prozent dieser Lehrerinnen und Lehrer sind bis unter 40 Jahre alt, 57 Prozent sind 40 bis unter 55 Jahre alt. Und knapp 32 Prozent sind 55 Jahre und älter.
Die SPD hat dazu einmal ausgerechnet, was das bis 2020 bedeutet: In den nächsten acht Jahren gehen demnach 10.700 sächsische Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand. Das Kultusministerium hat sich die Zahlen mit 7.800 schön gerechnet. Aber selbst nach dieser Zahl müsste Sachsen jährlich 1.000 Plätze für angehende Lehrer bereithalten. Ab 2020 sogar noch deutlich mehr. Dann kommen ja die noch stark besetzten Jahrgänge unter 55 in das Pensionierungsalter.
Dass der Freistaat schon jetzt nicht in der Lage ist, den Abgang von Lehrern in den Ruhestand zu kompensieren, zeigt ein Vergleich. Während die Zahl der Schüler von 309.246 stieg, sank parallel die Zahl der Lehrer von 29.193 auf 28.359. Mit all den Effekten von zunehmendem Unterrichtsausfall in den Schulen.
Dasselbe Problem bei den Schulgebäuden selbst. Denn auch 2011 wurden weitere Schulen geschlossen. In der Regel in ländlichen Gebieten, wo die vom Kultusministerium vorgegebenen Soll-Stärken für die Klassen nicht erreicht wurden. Da half auch aller Protest von Eltern und lokaler Politik nichts - da entzog das Ministerium einfach ganz bürokratisch die Mitwirkung. So sank die Zahl der Mittelschulen von 339 auf 335 und die der Grundschulen von 838 auf 831. Die Zahl der Gymnasien erhöhte sich hingegen von 148 auf 152. Die Entwicklung war zweigeteilt - während Schulen in den Landkreisen geschlossen wurden, arbeiten Städte wie Dresden und Leipzig mit allen Kräften daran, die Schulkapazitäten zu erweitern. Und die zuständigen Dezernenten beißen sich jedes Mal wohl in den Allerwertesten, wenn die Landesregierung wieder allergnädigst Investitionsmittel frei gibt - aber wieder hübsch gleich über Land und Stadt verteilt. Völlig ausblendend, dass sich die Investitionsbedarfe im Schulbereich fast komplett in die Großstädte verschoben haben.
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