Ein Schnellbericht zur Bürgerumfrage 2011: Sparen, Fürchten, Geldverdienen
Ralf Julke
24.04.2012
Neues Rathaus mit gestutzten Platanen.
Foto: Ralf Julke
Es wird eine opulente Auswertung zur "Bürgerumfrage 2011". Im Juli ungefähr soll sie fertig sein, verspricht Verwaltungsbürgermeister Andreas Müller (SPD). Aber als kleinen Appetithappen gibt's jetzt einen "Schnellbericht". Sozusagen ein Stimmungsbarometer für die Leipziger. Und für die aktuelle große Spardiskussion.
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Es ist nicht die erste Bürgerumfrage, in der die Stadtverwaltung die Leipziger fragte, wo man denn zuerst sparen solle und wo eher nicht.
Wobei die größte Narretei auf den ersten Blick gar nicht auffällt: der Missbrauch, der mit dem Wort Sparen getrieben wird. Sparen heißt nach jedem gültigen Deutsch-Wörterbuch immer noch: Geld zurücklegen, nicht ausgeben, für besondere Ausgaben anhäufen. Wenn es irgendwo in einem philologischen Lehrstuhl mal einen Forscher mit Talent geben sollte, bekommt der bestimmt heraus, in welchem Jahr und bei welcher Quelle der Missbrauch begann, der heute den Sprachgebrauch im ganzen Land erfasst hat. Die Verwendung des Wortes gehört eindeutig in die Kategorie Neusprech. Der Rest steht in "1984" oder - in der Kurzversion für Eilige - bei Wikipedia.
Tatsächlich wird mit der Verwendung des Wortes bei öffentlichen Finanzangelegenheit nicht tatsächlich Sparen gemeint (wo hätte Leipzig das Geld übrig, das es für besondere Projekte auf die Hohe Kante legen könnte?), sondern Kürzen.
Klingt nicht so schön. Klingt böse. Und könnte auch den nicht so gebildeten Bürgern die Augen öffnen dafür, dass eigentlich das Kürzen von Leistungen und Angeboten mittlerweile zentrale Politik ist in Deutschland. Beim Wort Sparen ist ja alles nicht so schlimm. Da sagt sich auch ein sparsamer Rentner: Klar, wir müssen nicht mehr Geld ausgeben für Museen, Bibliotheken oder Soziokultur. Denn sparen hieße ja genau das: nicht mehr Geld dafür auszugeben.
Kürzen heißt: weniger Geld dafür auszugeben. Das ist ein Unterschied.
Wie in den letzten Bürgerumfragen auch hat die Leipzig die angeschriebenen Bürger aber genau danach gefragt. Mit vorgegebenen Kategorien. Von Straßenbau bis Museen. Sparen oder Nicht-Sparen war hier die Frage. Und da man aus den Antworten zu beiden Fragen eine Differenz bilden kann, ergibt das eine Rangfolge. Die sagt viel.
"Ist aber nicht 1:1 Richtschnur für unser Verwaltungshandeln", sagt Andreas Müller. Ein Grund dafür ist schon im "Schnellbericht" sichtbar: Unterschiedliche Generationen halten unterschiedliche Dinge für eher verzichtbar. Das liegt in ihren eigenen Bedürfnissen begründet, in Gefühlen und im eigenen Nutzerverhalten. Wer Oper, Gewandhaus und Schauspiel sowieso nicht besucht, wird auch eher für Kürzungen an dieser Stelle plädieren. Und weil die Mehrheit der Leipziger sowieso eher Fernseh-Kieker und Kinogänger sind, haben Oper, Gewandhaus und Schauspiel bei einer demokratischen Befragung schon seit Jahren ganz schlechte Karten. Die schlechtesten übrigens bei den über 55jährigen.
Das gibt zu denken. In mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, weil der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung fortwährend wächst. Auch weil das möglicherweise mit einem anderen Faktor zusammenhängt: dem Sicherheitsempfinden in Leipzig. Das hat sich bei den älteren Mitbürgern seit 2010 augenscheinlich rapide verschlechtert. Nur noch 7 Prozent scheinen mit der öffentlichen Sicherheit zufrieden zu sein. Ein Jahr zuvor waren es noch 16 Prozent.
Neues Rathaus mit gestutzten Platanen.
Foto: Ralf Julke
Das verblüfft auch Müller. Deswegen soll es mit der Gesamtauswertung der Bürgerumfrage im Frühsommer auch eine komplexe Auswertung des Themenfeldes "Öffentliche Sicherheit / Schutz vor Kriminalität" geben. Denn die reinen von der Polizei registrierten Zahlen zu Straftaten in Leipzig geben diesen Verlust an Sicherheitsgefühl nicht her.
Andererseits hat gerade die Leipziger Polizei 2011 alles dafür getan, den Leipzigern eine steigende Kriminalität und eine wachsende Bedrohung - zum Beispiel durch die Drogenproblematik - zu suggerieren. Und da die Polizei nicht nur medienwirksame Komplexkontrollen organisierte und in den täglichen Polizeimeldungen die ertappten Drogenverdächtigen besonders hervorhob, sondern der Polizeipräsident genauso wie sein Dresdener Vorgesetzter medial und breit die Bedrohungskeule schwangen, ist zumindest zu vermuten, dass die öffentliche Angstmache hier ihre Blüten trägt.
Auch das soll, so Müller, in der Detailauswertung dann näher beleuchtet werden: Wieviel subjektives Unsicherheitsempfinden steckt dahinter? Sehen die Bürger ihre Ortsteile verlottern? Oder ist das Ganze nicht eher ein Appell an die Landesregierung? Denn auch wenn die Polizei im Stadtbild nicht mehr präsent ist, weil das Personal fehlt, hat das Auswirkungen aufs Sicherheitsempfinden.
Umso verblüffender natürlich auch für Andreas Müller, dass dann die Senioren unbedingt bei der Leipziger Soziokultur sparen wollen. "Vielleicht wissen sie gar nicht, um was es dabei geht", vermutet er.
Vielleicht wissen sie es tatsächlich nicht. Genauso wenig, wie sie noch wissen, wie es in einer Bibliothek aussieht (und welche Rolle Bibliotheken bei der Bildung spielen) oder in Museen, die eigentlich mehr Geld brauchten, um wieder für sich werben zu können, wie Müller feststellt. Beim "Sparen" sind ältere Generationen deutlich rigoroser als jüngere. Sie brauchen das alles ja nicht mehr.
Bekommen aber irgendwie doch noch mit, dass das Geld längst an allen Ecken und Ende fehlt und die Stadt in Schulen und Kindertagesstätten investieren muss. Immerhin 52 Prozent der Älteren sagen: Ja, da muss Geld reingesteckt werden. Oder im Sprech der Umfrage: "Nicht-Sparen".
Der Durchschnitt aller Befragten war hier übrigens 67 Prozent, bei den Eltern mit Kindern waren es sogar 86 Prozent. Man sieht also schon beim Umblättern, wie sehr hier direkte Betroffenheit die Werte deutlich verschiebt.
Übrigens auch beim Geld für den ÖPNV. Da geschieht das Verblüffende, dass die Eltern mit Kindern mit einer Mehrheit von 6 Prozent sogar sagen, hier müsse gespart werden. Vielleicht aus dem simplen Grund, dass ein funktionierendes Familienleben ohne Familienauto in Leipzig nicht zu bewältigen ist. Unter anderem, weil man in der Regel nicht nur ein Kind hat und die Kinder oft meilenweit zur Schule oder in die Kindertagesstätte karren muss. Und der Arbeitsplatz der Eltern liegt dann wieder jottwehdeh. Der Markt, wo man den Wocheneinkauf tätigen kann, sowieso.
Die älteren Leipziger sagten übrigens mehrheitlich, dass am ÖPNV nicht gespart werden dürfe (21 Prozent).
Das Einkaufen in Leipzig ist ein eigenes Thema. Das kommt morgen ganz gesondert an die Reihe. Aber eine Botschaft ist deutlich: Sämtliche Leipziger aller Jahrgangsstufen empfinden mittlerweile den Zustand der Straßen als besorgniserregend. Und dicht dahinter kommt gleich die Unzufriedenheit mit dem Angebot an Kindereinrichtungen und an Arbeitsplätzen. Auch wenn sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt etwas entspannt hat. Sichtbar an minimal gestiegenen Einkommen.
Aber auch zu Einkommen in Leipzig lässt sich eine Menge sagen. Auch dazu bald mehr an dieser Stelle.
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