Kassensturz: Bevölkerungsprognosen können den Trend nicht mehr greifen
Ralf Julke
03.01.2013
Die "Süddeutsche Zeitung" bringt es tatsächlich zuweilen fertig, wirklich übergreifende Themen zu bearbeiten. In der Weihnachtszeit tat sie es mit der Artikelserie "Deutschland-Atlas 2030. Wie sich die Republik verändert". Das weckte dann auch das Interesse der Architekten, auch der Leipziger. Denn die demografische Entwicklung ist - man staunt ja - ein Thema, das irgendwie in München ganz ähnlich funktioniert wie in Leipzig.
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In Bayern so wie in Sachsen. Wenn man die Trends wirklich fassen will. Und immerhin war es diesmal eine Bundesbehörde, die der "SZ" das Datenmaterial lieferte: das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Nur fiel auch dem Redakteuren der "SZ" auf, dass die offiziellen Prognosezahlen seit ein paar Jahren schon heftig abweichen von den wirklichen Entwicklungen.
Die L-IZ hat ja schon mehrfach über die unübersehbare "Flucht" der jungen, gut gebildeten Sachsen in die verbliebenen Großstädte geschrieben. Dasselbe ist übrigens überall in Deutschland im Gange. Und ein Grund dafür könnte die in den letzten Jahren deutlich gestiegene Studienbereitschaft der jungen Deutschen sein. Es sind nun einmal die Großstädte, wo in der Regel Hochschulen und Universitäten zu finden sind. Aber - ihnen angedockt - auch die Forschungszentren und in der Regel eine Landschaft aus modernen Firmen-Clustern, die auch die hochausgebildeten jungen Leute anstellen. Das Zukunftsmodell in Deutschland heißt eindeutig Metropole.
Das ist es ganz ohne politische "Leitplanken"-Setzung geworden. Die zunehmende Metropolisierung der Bevölkerung ist eher ein chaotischer Vorgang, ein "Rette sich, wer kann". Ablesbar unter anderem auch an der in den letzten 15 Jahren forcierten Fusionierung von immer mehr Dörfern und Städten zu Großgemeinden, von Kreisen zu Großkreisen - mit einem einhergehenden Entzug sozialer Infrastrukturen.
Aber selbst die Ausstattung mit Breitband-Internet - seit über 10 Jahren ein drängendes Thema - zeigt (genauso wie die völlig chaotisierte Energiepolitik), dass da in den entscheidenden Ministerien (von lat. ministrare, ‚dienen‘) keine Diener mehr sitzen, die sich irgendeiner Aufgabe verpflichtet fühlen, kein kompetenter Umsetzer irgendwelcher (nicht existenter) Leitlinien.
Was wohl einer der Gründe dafür ist, dass die weisunggebenden Ministerpräsidenten derart rat- und ahnungslos sind und nicht einmal nach Jahren der Fehlentwicklung ein Rezept finden, wie sie entweder steuern oder gar gegensteuern könnten. Jedes nach 10 Jahren endlich mit DSL oder LTE ausgestattete Kleckernest wird bejubelt. Doch es ist zehn Jahre zu spät. Die Zahlen sind deutlich. Und: Es fehlt - gerade in Sachsen - komplett eine Idee, wie man kleine und mittlere Städte oder Dörfer stabilisieren und (was noch viel wichtiger ist) modernisieren kann. Eine elektronisch erreichbare Verwaltung ist da nur ein Gassenhauer, aber keine Idee. (Mal abgesehen von der bürokratisch unsinnigen Umsetzung von "e-Government").
Und zehn Jahre - die innersächsische Wanderungsbewegung zeigt es - sind für solche Weichenstellungen eine viel zu lange Zeit. Beide Seiten leiden darunter: Den ländlichen Regionen geht die Jugend verloren - und die drei Großstädte können den Zuwachs nicht finanzieren.
Und die jungen Leute gehen auf die Barrikaden, weil sie sich von den überforderten Kommunen verschaukelt fühlen.
Im Architektur-Forum wird gerade intensiv darüber diskutiert, warum die offiziellen Prognosen so derart falsch sind. Warum sie auf Bundesebene noch falscher sind als auf Landesebene oder gar auf Stadtebene. 521.000 Einwohner 2012 in Leipzig? - Der Wert wurde schon 2010 übertroffen. 2009 hat die Stadt ihre letzten Prognosen noch einmal überarbeitet. Die von 2007 war schon Makulatur. Doch selbst die mutigste Prognose von 2009 war wieder zu niedrig.
532.600 Einwohner prognostizierte das Landesamt für Statistik der Stadt Leipzig für das Jahr 2015. Und das in der 5. Regionalisierten Bevölkerungsprognose von 2011. Die Zahl wurde schon im ersten Quartal 2012 übertroffen. Die Prognose war also schon binnen eines Jahres Altpapier. Im August 2012 stand Leipzig mit 536.377 Einwohner zu Buche. Und es lässt einiges darauf schließen, dass in dieser Fortschreibung am Jahresende eine 540.000 in der Statistik steht. Den Wert hielt das Landesamt für Statistik nicht einmal langfristig für möglich. Für 2015 war die optimistischste Variante eine 538.600.
Das Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig hat seine eigene Prognose schon im Jahr 2009 deutlich angehoben. Auch vorher waren die Leipziger Statistiker (obwohl sie nach eigener Aussage sehr vorsichtig an die Zahlen gingen) schon mutiger als die Landesstatistiker. Mit der 2009er Prognose wagten sie für 2012 eine Voraussage auf 528.000 - in einer "oberen Variante" auf 530.000. Für 2025 hielten sie die 540.000 für möglich, die Leipzig nun augenscheinlich schon 13 Jahre früher erreicht.
Was eben auch heißt, dass die Statistiker wesentliche Trends der modernen Gesellschaft unterbewertet haben. In der Regel sind Prognosen Fortschreibungen vorhandener Entwicklungen - von Zu- und Wegzügen, Geburten, Sterbefällen, Alterung der Gesellschaft, Migration usw. - Das aber scheint nicht zu genügen. Teilweise scheinen die falschen Erwartungen auf Bundesebene verankert zu sein. Das BBSR kommt über die 523.000 für Leipzig nicht hinaus - obwohl sie längst Geschichte sind. Irgendwie scheinen nicht einmal die realen Daten bis nach Berlin vorzudringen.
Was eigentlich auch egal ist. Es gibt bislang weder auf Bundes- noch Landesebene auch nur den Ansatz für die Gestaltung so eines Wandels. Obwohl es ein durchaus moderner ist: Die jungen Leute ziehen dort hin, wo sie die intaktesten und modernsten Infrastrukturen vorfinden.
Leipzigs "obere Variante", die 2012 mit den prognostizierten 530.000 schon deutlich übertroffen wurde, sieht mittelfristig sogar ein Bevölkerungswachstum auf 558.000 (2025) und sogar über 562.000 (2029).
Der Wermutstropfen sind dann freilich die Ergebnisse des Zensus 2011, die im Frühjahr 2013 wohl endlich bekanntgegeben werden. Aber selbst die werden nicht unter 525.000 Einwohner für Leipzig im Dezember 2012 ausweisen. Was am Trend freilich auch nichts ändert. Auch nicht an der schlichten Tatsache, dass die "große Politik" eine elementare Entwicklung derart konsequent ignoriert.
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