Finito für Leipzigs Stadtteilkultur? Sebastian Kirschner im Interview
Redaktion
28.06.2007
FRIZZ/LIZ. Mit Briefen an sechs renomierte Leipziger Kulturhäuser hat das Kulturamt in den letzten Wochen die langjährig erprobten Rahmenverträge für die Häuser außer Kraft gesetzt. Man wolle das Jahr 2008 nutzen, um das bestehende Modell zu überprüfen, heißt es darin. Doch die Betroffenen befürchten - wohl zu recht - eine weitere Abholzaktion in der publikumsträchtigen Stadtteilkultur. Was sagt Sebastian Kirschner vom Conne Island dazu?
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Halten Sie die Aussetzung der Rahmenverträge für die genannten Häuser - zusammen oder als Einzelfall gesehen für den richtigen Weg, angesichts der bereits in den vergangenen Jahren ständig rückläufigen Fördergelder für diese soziokulturellen Zentren?
Kaum, zumal sich die Entwicklungen der letzten Jahre diametral zu den eigenen offiziell formulierten Intentionen der Leipziger Kulturpolitik verhalten. Die Förderung der Soziokultur und der "Freien Szene" ist laut des zur Zeit in der Diskussion befindlichen Kulturentwicklungsplans wie auch nach den "Kulturpolitischen Leitlinien" ein Schwerpunkt kommunaler Förderpolitik. Ähnlich verhält es sich in den "Strategischen Zielen" der Stadt, in denen u.a. die Schaffung attraktiver Bedingungen für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung jenseits schulischer Aktivitäten ebenso wie die Förderung einer "aktiven Bürgerschaft" im Zentrum steht.
Eben diese Ziele und Forderungen sind seit Jahren ein Hauptaugenmerk soziokultureller Arbeit. Gegen diese Argumentation scheint Politik wie Verwaltung bisweilen leider resistent. Trotzdem bauen wir darauf, dass sich irgendwann vor der Dichte der Missstände nicht mehr entzogen werden kann. Selbst Dr. Giradet - seines Zeichens Kulturbürgermeister dieser Stadt - gestand kürzlich ein, dass die Soziokultur, gemessen an ihrem Stellenwert, nicht genug gefördert würde.
Nach Feinkostgelände und dem Scheitern des Kulturstiftungsplanes scheint der seitens der Stadt eingeschlagene Weg für die Soziokultur in Leipzig zunehmend kontraproduktiv. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen?
Wir sind natürlich erstaunt, dass in dieser Situation Frau Kucharski-Huniat die Verlängerung der Rahmenvereinbahrungen ablehnt bzw. aussetzt. Die Verträge, die ursprünglich über fünf, zuletzt über drei Jahre, aber immer mit dem jährlichen Hinweis der Mittelkürzung, angelegt waren und den soziokulturellen Zentren die Möglichkeit gaben, halbwegs planungssicher und mittelfristig gefestigt moderne Soziokultur mit bildungspolitischen und zivilgesellschaftlichen Akzenten zu organisieren, wurden jahrelang - gerade im Vergleich zu anderen Städten - vom Kulturamt als herausragendes und fortschrittliches Modell proklamiert.
Die primäre Begründung der Aussetzung - dass zunächst eine Evaluation, Konkretisierung der Arbeit und darüber hinaus eine Umstrukturierung der Häuser stattfinden müsse - erscheint in diesem Zusammenhang schwer nachvollziehbar. Könnten doch all diese Punkte, die teilweise langfristig gedacht sind und denen wir prinzipiell durchaus positiv gegenüberstehen, auch innerhalb einer Vertragslaufzeit bewältigt werden. Die Strategie, die Verträge abzuschaffen, um dann irgendwann später neue zu formulieren, erscheint insbesondere im Wissen über den Finanzetat der Stadt und mit etwas realpolitischem Weitblick wenig schlüssig. Wir gehen davon aus, dass es im Falle einer längeren Aussetzung der Verträge keine neuen mehr geben wird. Das haben uns die letzten Jahre und die permanenten Kürzungen in der Freien Szene gelehrt.
Als zweiten Begründungstrang weist das Kulturamt auf die prekäre Situation vieler freier Initiativen hin, die 2007 ohne oder mit massiv gekürzten Fördermitteln zurecht kommen mussten. Und zieht damit die klassische Gegeneinader-Ausspiel-Karte. Zusammen mit dem Gros der Freien Kulturinitiativen fordern wir stattdessen die unbedingte Anhebung der freien Projektförderung ohne Wenn und Aber. Die alternative Gegenüberstellung - entweder Kulturzentren oder Projekte - trägt nur zum gegenseitigen Verschleiß bei. Ziel muss die Aufstockung des Kulturetats für Freie Kulturarbeit auf 5 Prozent sein. Eine Zahl, die dem Kulturranking der Stadt endlich Rechnung tragen würde.
Was würde es konkret für das Conne Island in den kommenden Jahren bedeuten, wenn diese Rahmenverträge jetzt tatsächlich gekündigt/nicht verlängert werden?
Die von Frau Kucharski-Huniat favorisierte "Interimslösung" bringt auf mehren Ebenen Probleme mit sich, die in ihrer Summe sehr sehr viel kaputt machen können. Zum einen - und das trifft nicht nur auf das Conne Island, sondern vielmehr auf alle Zentren zu - läuft ein seit 15 Jahren erfolgreiches Modell Gefahr beiseite gestellt zu werden. Die in diesen Jahren aufgebauten Strukturen kultureller Weiterentwicklung, die Kontaktknüpfung zur Umsetzung kultur-, jugend-, und sozialpolitischer Ansätze sowie die Ergebnisse und Erfolge in den Bereichen ehrenamtliches Engagements und der Herausbildung kritischer und selbständig denkender und handelnder Individuen stehen damit auf der Kippe.
Die Zentren dienen seit Jahren nicht nur als Plätze hervorragender "Kulturproduktion", sondern sind Orte und Kristallationspunkte gesellschaftlichen Engagements. Sei es durch die Initiative gegen Nazis, für mehr Jugendbildung oder besser ausgestatte Kindergartenplätze. Um diesen Zustand zu gewährleisten, bedarf es Sicherheiten. So banal wie das klingt. Die rechtliche Grundlage für einige Arbeitsverträge ginge ebenso verloren wie die, Drittmittel bei Land und Bund über einen längeren Projektzeitraum zu aquirieren. Dass auch "kleine" Kulturzentren so professionell arbeiten, dass auch sie ihr Programm über einen längeren Zeitraum planen, also auch vertragliche Verpflichtungen eingehen, wird z.B. nicht mal in Erwägung gezogen.
Speziell auf das Conne Island angewandt, würde die Aussetzung u.a. ein Qualitätsverlust in der Arbeit mit verschiedenen Jugend- und Popkulturen bedeuten. Darüber hinaus wäre nicht mehr gewährleistet, dass das Zentrum im Leipziger Süden seiner langjährigen Rolle als stabilisierender Faktor in der alternativen Szene nachkommen könnte.
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