Berechtigte Frage am neuen Campus der Uni Leipzig: Wie wird der Winter?
Ralf Julke
24.10.2008
Foto: Ralf Julke
Eigentlich war's für Franz Häuser ein Vorfreude-Termin: die erste Jahrespressekonferenz im ersten fertigen Raum des neuen Uni-Campus. Gestern lud er ein, wollte auch zeigen, was alles schon fertig ist ein Jahr vor Eröffnung. Aber das Thema Paulinum brachte den Rektor der Uni dann doch schnell in Fahrt.
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Noch immer wogen die Diskussionen um die geplante Glaswand, die mit dem jüngsten Beschluss der Baukommission wieder zum öffentlichen Streitfall wurde: Am 26. September war die Entscheidung fällig, ob in den neuen Mehrzweckbau Aula/Andachtsraum nun eine verschiebbare Glaswand eingebaut wird oder nicht. Optional vorgesehen ist sie seit 2005, als der Architekt Erick van Egeraat seine Lösung verschlug für eine variable Verbindung des Aula-Raumes mit dem geplanten Andachtsraum und damit die Vergrößerung des Festsaales um ein Drittel. „Irgendwann muss man eine Entscheidung fällen", sagt Häuser. "Und die Entscheidung musste jetzt gefällt werden. Wir können doch nicht immer nur reden und diskutieren. Wir haben vier, fünf Jahre geredet."
Die Baukommission hatte die Wahl zwischen Einbau und Nicht-Einbau. Der Einbau würde wohl 630.000 Euro kosten, der Nicht-Einbau 350.000 Euro zusätzliche Kosten verursachen. Immerhin geht es um einen vier Stockwerke hohen Raum und 20 Meter Breite, von denen 9,50 Meter in der Mitte zu öffnen wären.
Langfristiger Effekt: Ohne die Glaswand rechnen die Bauausführenden mit 170.000 Euro Betriebskosten pro Jahr, mit der Glaswand mit 50.000 Euro. Das summiert sich über die Jahre.
Foto: Ralf Julke
Der Rektor im künftigen "Paulinum.
„Aber wenn man nur redet, passiert überhaupt nichts", sagt Häuser. Der natürlich auch weiß, wie eng der Zeitplan geworden ist bis zum Jubiläum im Dezember 2009. Wirklich optimistisch geben sich derzeit nur die Politiker. Die Bauleute, so Häuser, gäben ihm sehr viel bodenständigere Prognosen. Und deren Knackpunkt ist: Wie wird der Winter? - Denn eines scheint festzustehen: Bei Augusteum und Paulinum schaffen es die Bauleute nicht, den Bau vorm Winter noch wetterfest zu bekommen. Eine Chance, hier überhaupt weiterzukommen, haben sie nur, wenn der Winter 2008/2009 ähnlich warm wird wie die drei vorhergehenden Winter. Nur dann kann Häuser damit rechnen, dass er den Festakt zum 600. Jahrestag der Universität am 2. Dezember 2009 überhaupt in einer einigermaßen vorzeigbaren Aula feiern kann.
„Ich hab ja schon vorsorglich 2003 einen Vertrag mit dem Gewandhaus geschlossen", sagt er, „um für den Fall der Fälle einen Ausweich zu haben." Fertig werden bis zum Sommersemester 2009 sollen lediglich die Mensa, das Seminargebäude in der Universitätsstraße, das Hörsaalgebäude und das Institutsgebäude in der Grimmaischen Straße. Der 70-Millionen-Euro-Bau aus Paulinum und Neuem Augusteum (mit dem Auditorium maximum) steht jetzt für Mitte 2010 im Plan. Nur die Festwoche im Dezember 2009 ist als kleines Fenster vorgesehen, in dem die Aula für die Jubiläumsfeiern genutzt werden soll, bevor wieder die Putzkolonnen einziehen.
Verspätet einziehen werden auch Mathematiker und Informatiker, die auf vier Etagen über Aula/Andachtsraum unterkommen sollen. Ein Teil ihrer Räume werden durch die neue Rosette in der Giebelwand beleuchtet. Wie groß der Bau tatsächlich ist, sieht man erst, wenn man die Betonmauern von innen sieht. Gestern war - zur Eröffnung der Grimmaischen Straße - extra ein Zelt drin aufgebaut.
Foto: Ralf Julke
Der Innenhof des neuen Campus.
„Den Leuten ist gar nicht klar, was für ein Riesenraum das ist", sagt Häuser. Und wird richtig emotional, wenn er über die jüngsten Vorschläge spricht, die bewegliche Glaswand künftig "irgendwie verschwinden zu lassen". „Sollen sich die Glasteile dann in Luft auflösen?"
Um das Jubiläum auch im Netz vorzubereiten, hat die Universität Leipzig einen neuen Webauftritt geschaltet, der die Informationen zum 600-jährigen bündelt. Sinnigerweise www.sechshundert.de genannt. Das Eröffnungskonzert fürs Festjahr ist für den 9. Mai geplant. Und für den Höhepunkt im Dezember hat man extra den Rektor der Karlsuniversität Prag eingeladen. „Als Erinnerung daran, woher wir kommen", so Häuser. Denn es waren Prager Professoren, die 1409 auf Einladung des sächsischen Kurfürsten nach Leipzig kamen und hier eine Universität gründeten. Da war noch nicht damit zu rechnen, dass sie einmal ein ganzes Kloster geschenkt bekommen würden. Mit Kirche. Das Kloster ist verschwunden. Und bis Leipziger und Universität über die Erinnerung an die 1968 gesprengte Paulinerkirche wirklich eins sind, wird wohl noch Zeit vergehen. Vielleicht nur 14 Monate, wenn der Winter zahm ist und die architektonische Lösung überzeugt in der realen Begegnung.
Manchmal müssen Dinge tatsächlich erst einmal dastehen, um zu überzeugen.
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