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Kommentar: "Sturm“ auf Leipzig – NPD eröffnet ein Bürger-Büro

MIchael Freitag
Winfried Petzold
Rot, grün, schwarz, gelb und braun oder doch schwarz-weiß. Wie wollen wir unsere Demokratie haben? Seit dem vergangenen Samstag existiert nun erstmalig ein NPD-Büro in der Odermannstraße im Leipziger Stadtteil Lindenau, feierlich eröffnet, mit Entsetzen vieler Leipziger Bürger quittiert und damit zweckmäßig, zeitgerecht für die Landtagswahl 2009 installiert.

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Denn noch ist die NPD eine demokratisch wählbare Partei, auch wenn das viele sicherlich bedauern mögen.

Ebenso bedauerlich sind auch die Worte des Leipziger Mannes der NPD Winfried Petzold anläßlich der Installation des Bürgerbüros. Denn außer einer Aufzählung der für ihn wichtigsten Probleme hat die NPD auch anlässlich der Eröffnung so gar nichts fürs Herz und Hirn zu bieten – so als ob die Leipziger nicht selbst wüssten, wo sie ihre Sorgen haben. Von Lösungen findet sich in der gesamten Büroeröffnungserklärung des NPD-Abgeordneten nichts.

Für den 1943 in Breslau geborenen Abgeordneten des sächsischen Landtages ist alles dunkel und grau in der großen, versumpften Messestadt. Herumlungernde Hartz IV-Empfänger, bandenmäßig organisierte Ausländerkriminalität, Drogensumpf an der Eisenbahnstraße und die böse Antifa treiben ihr Unwesen im Sodom des Ostens. Populistisch sauber aufgeführt auch der umstrittene Tunnelbau in der Stadt und – wie zu erwarten, mal wieder der Schutz unserer Kinder.

Zwischenschub: Ich möchte meine Kinder nicht durch Herrn Petzold schützen lassen und verwahre mich ganz persönlich gegen die wiederholten Vorschläge aus der NDP und NPD-Umgebung zu diesem Thema.

Die NPD möchte den Leipziger Bürgern nur helfen, die unerträglichen Umstände ihres täglichen, von Sorgen und Schrecken zerfressenen Lebens zu verbessern. Und dafür muss man Angst verbreiten, Angst um unsere Kinder, Angst um unsere Zukunft und Angst vor anderen Mitbürgern der Stadt, Angst vor der Globalisierung, Angst vor finanziellem Ruin, Angst vor den so genannten Nicht-Deutschen.

Denn das hat schon immer funktioniert – mit Angst im Herzen arbeitet der Kopf auf Sparflamme und ständige Angst macht gefügig.

Es ist im Übrigen die gleiche Taktik, mit der Winfried Petzold bereits 2005 in Chemnitz versuchte zu punkten. Damit fiel er bei unserem sächsischen Stadtnachbarn glatt durch – nun ist die "rote“ Hochburg Leipzig wieder dran, auf das böse Chemnitz scheint er keine Lust mehr zu haben. Bei der Landtagswahl 2004 ging die Leipziger NPD noch mit 5,6 Prozent durchs Ziel. Man darf es getrost Dummenfang nennen, was da in der Odermannstraße in den kommenden Monaten stattfinden wird.

... auf dem Weg zum Kyffhäuser
... auf dem Weg zum Kyffhäuser
Collage L-iZ

Denn klar müsste jedem Leipziger Bürger sein, dass vor allem die Gelder, welcher jeder Partei seitens des Staates zustehen, solang Vertreter aus ihren Reihen in Amt und Würden sind, es möglich machen, was man Erstarken einer rechten Partei nennt.

Die Strategie im überalterten NPD-Kader Sachsens ist ebenfalls bereits klar. Durch die offensichtlich enger werdende Vernetzung mit enttäuschten Reudnitzer Jugendlichen möchte man so gern an die jungen Menschen heran. Zumindest die regionalisierte PISA-Studie und der erste Platz für sächsische Schüler scheint dem wohltuend entgegen zu stehen. Denn wo Bildung ein zu Hause hat, ist für die NPD meist nur ein letzter Platz drin, wenn es um die Wählergunst geht.

Doch der Platz in der Odermannstraße im zunehmend angenehm quirlig gewordenen Leipziger Westen ist gut gewählt. Die einsetzenden Proteste und ein bereits im Umlauf befindlicher offener Brief zeigen, dass die NPD mal wieder mit der typischen Zankapfelmentalität behandelt wird. Wann kommen wir endlich auf wirkliche Rezepte gegen den Stumpfsinn einer politischen Kraft, die unter konsequenter Nutzung Ihrer parlamentarischen Rechte Halbwahrheiten und unreflektierte Problempropaganda betreibt?

Ein Anfang ist mit guten Bildungsnoten in Sachsen gemacht, das konsequente Arbeiten an unseren Problemen in der Stadt Leipzig hilft ebenfalls, die Mahner aus der braunen Ecke themenlos zu machen.

Ja, es ist schade für den Leipziger Stadtteil Lindenau, dass sich die NPD mit gleich zwei Etagen an der Odermannstraße eingemietet hat. Verwehren sollte und kann man es ihr nicht, auch wenn es Proteste vor Ort, Auseinandersetzungen und vielleicht auch Sorgen mit sich bringt.

Vielleicht geht man mal auf einen Kaffee vorbei und fragt, was sie eigentlich hier wollen? Die NPD erhält ihre Kraft durch uns und dem, was wir tagtäglich zulassen. Brauchen wir also jemanden, der uns erklärt, wie schlecht die Welt ist und vor dessen Demonstrationsmob in Reudnitz man durchaus Angst haben könnte?

Oder haben wir etwa selbst kein Vertrauen mehr in die bestehende Gesellschaftsordnung und Angst vor dem, was Herr Petzold uns aus der geschichtlichen Gerümpelkammer und zusammengeklaubten Pauschalisierungen heutiger Themen mitzuteilen hat?

Ob die NPD Antworten auf heutige Fragen hat, sieht man eigentlich ganz gut beim Studieren ihrer Leipziger NDP-Seite. Laut Veröffentlichung auf dieser Internetseite kann man sich auch an namentlich perfekt bezeichneten Ausflügen beteiligen, wenn man mal wieder Lust auf Zombiekino hat und einem die nächste Bücherverbrennung noch zu weit entfernt scheint:

"Jedes Jahr veranstaltet der Kreisverband der NPD Leipzig unter dem Motto 'KRAFT UND FREUDE TANKEN' einen Ausflug zu Stätten der deutschen Geschichte, der ("sich“ | fehlt im Original. Die Redaktion) wachsenden Zuspruches erfreut.“

Achtung SATIRE!
Dann geht’s vermutlich nach dem morgendlichen Sonnengruß mittels KUFT (Kraft und Freude tanken)-Mobil vorbei an Fliegerdenkmälern hinaus in den Kyffhäuser zum alten Barbarossa. Nach einem Treffen mit einem verdienten SS-Soldaten wird der Mittagstisch mit Haxe und Sauerkraut in der Kneipe "Zum straffälligen Ausländer“ in Kleinschwundingen gereicht. Auf dem Heimweg über die deutsche Autobahn werden angesichts des heraufdämmernden Abendrotes Heldenlieder und Volksmusikstücke gemeinsam abgesungen und zu fortgeschrittener Stunde Auszüge aus den indizierten CD´s der Zillertaler Türkenjäger vom Player eingespielt.

Nach dem abschließenden Gruppenbesäufnis in der Leipziger Stammkneipe "Zum faulen Apfel" noch eine schnelle Schlägerei auf dem Herrenklo und fertig ist der Ausflug, von dem man noch Jahre zehren und den Enkeln erzählen kann.

Deutsche Kultur eben. Oder?


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