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Ich bin dann mal weg: Rainer Fornahls leiser Abschied aus der Bundespolitik

Robert Weigel
Ist zur Bundestagswahl im September nicht noch einmal angetreten: Rainer Fornahl.
Ist zur Bundestagswahl im September nicht noch einmal angetreten: Rainer Fornahl.
Foto: Robert Weigel
Es war der 27. September 1998, als kurz nach 18 Uhr für Rainer Fornahl eine neue Etappe seines Lebens anbrach. Mit deutlicher Mehrheit war der damals 51-Jährige im Leipziger Wahlkreis 309 in den Bundestag gewählt worden. Auf den Tag genau elf Jahre danach ging nun Fornahls Zeit als Mitglied des Bundestages (MdB) zu Ende.

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Gewollt allerdings. Ein Ende, „ein ganz klein wenig auch mit Wehmut“, wie der heute 62-Jährige bekennt, aber ein geplantes. Einmal durfte der Ex-MdB noch nach Berlin fahren – zur offiziellen Verabschiedung der Ehemaligen durch Bundestagspräsident Norbert Lammert. Dem Schlussakt folgte die Erleichterung – darüber, dass jetzt wieder „ein Stück weit mehr Ruhe und Gelassenheit ins Leben kommt.“

Die konstituierende Sitzung des neuen Bundestages hat Rainer Fornahl denn auch nur am Rande verfolgt. „Wenn man einmal den Schnitt gemacht hat, dann sollte man sich auch nicht mehr so intensiv damit befassen.“ Eine Lebensaufgabe habe Fornahl in seinem Amt ohnehin nicht gesehen. Weshalb ihm die Entscheidung, nach elf Jahren und drei gewonnenen Direktmandaten den Job an den Nagel zu hängen, auch nicht allzu schwer gefallen sei.

Die Rückkehr ins „normale“ Leben ist quasi Konsequenz aus dem Wirken im Bundestag. „Es bringt wenig“, erklärt Fornahl, „wenn man als Berufspolitiker weit ab von der Realität an Entscheidungen mitarbeitet, deren Konsequenzen man am Ende gar nicht mehr richtig mitbekommt.“ Schon kurz nach der letzten Wahl 2005 sei der Entschluss gereift, dass es nun genug sei, dass andere an der Reihe wären. Zweifel hatte Fornahl seitdem nie. Auch dann nicht, als am 27. September diesen Jahres das miese Ergebnis der SPD bekannt wurde.

„Unter Wert geschlagen“ sieht Fornahl seine Partei, denn die habe in den vergangenen vier Jahren in der Großen Koalition vernünftige Arbeit geleistet. Doch habe die SPD dabei immer im Schatten der Kanzlerin gestanden. „Und sie hat zu wenig aus dem eigenen Anteil an der politischen Arbeit gemacht“, kritisiert Fornahl und konstatiert einen Mangel an Geschlossenheit in den eigenen Reihen, dessen Ursachen bis in die späten 90er Jahre zurückreichten. Ob Agenda 2010 oder Auslandseinsätze der Bundeswehr – immer wieder habe die SPD ein Bild der inneren Zerrissenheit abgegeben. „Der Bürger will, dass eine Partei für eine bestimmte politische Linie steht“, glaubt Fornahl, „und in der Umsetzung auch nicht wankt und wackelt.“

Sein Wahlkreisbüro am Brühl hat Fornahl bereits kurz nach der Bundestagswahl geräumt. „Wenn man die vielen Vorgänge nochmal vor das Auge bekommt, kommt noch einmal viel Herz auf“, räumt er ein. „Für viele Menschen war man Anker, war man Ansprechpartner und konnte ein Stück weit Hilfe geben – bei manchen sogar fast existenziell.“ Bewegende Tage im Büro habe er da nochmal erlebt, beim Sichten und Verwalten des Nachlasses und der Entscheidung: Was kommt weg und was behält man.

Ganz will Fornahl die Politik nicht lassen ...
Ganz will Fornahl die Politik nicht lassen ...
Foto: Robert Weigel
In Zukunft will es Fornahl nun erheblich ruhiger angehen lassen, obgleich die Politik so ganz nicht aus seinem Leben verschwinden soll. Energie- und Klimapolitik sind die Themen, denen er sich künftig widmen will. „Die sind außerordentlich wichtig und an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft ist viel zu tun.“ Das Interesse für die jeweils andere Seite will Fornahl wecken, um sinnvolle Kompromisse für alle zu finden. Das dann aber eher auf regionaler Ebene, nicht mehr auf der großen Bühne, auf der sich Fornahl in den letzten elf Jahren bewegte. „Ich werde in kein Geschirr mehr einsteigen“, fügt der 62-Jährige verschmitzt an – vor den Karren müssen sich nun andere spannen lassen.

Stattdessen will sich der Beinahe-Pensionär jetzt lieber anderen Lebensbereichen zuwenden. „Es ist viel liegen geblieben an privaten Dingen“, sagt Fornahl, der in Sachen Reiselust eher den Bergen denn dem Meer zuneigt und gern wandern geht. Als Abgeordneter war dafür selten mehr als zwei, drei Wochen im Jahr Zeit – das soll sich nun ändern. Und: „Man hat jetzt wieder mehr Zeit, mal intensiv ein Buch zu lesen, Kultur zu genießen.“

... deswegen ist der Abschied auch so endgültig nicht ganz.
... deswegen ist der Abschied auch so endgültig nicht ganz.
Foto: Robert Weigel
Zeit raubende Hobbys hat Fornahl nach eigenem Bekenntnis nicht, dafür aber eine ungewöhnliche Sammelleidenschaft: Kleine Taschenmesser haben es ihm angetan, erzählt er, und zeigt zum Beweis ein kaum zwei Zentimeter langes Exemplar, das er immer am Schlüsselbund dabei hat. Ein richtiger Mann hat eben immer ein Taschenmesser dabei, und auch wenn dieses eher einem Spielzeug gleicht – es ist voll funktionsfähig. „Scharfe Schneide, Briefe kann man damit öffnen“, sagt Fornahl über den Winzling, der Teil einer ganz beachtlichen Sammlung ist. 350 Stück hat er bereits, beim regelmäßigen Besuch auf dem Trödelmarkt auf der Agra kommen von Zeit zu Zeit neue hinzu. „Es ist ein schönes Hobby, überschaubar und handlich,“ erklärt er und erzählt, dass die Leidenschaft aus einem versehentlichen „Diebstahl“ während des Wehrdienstes resultiert.

Die Frage, ob er sich vorstellen könne, irgendwann nochmal ein politisches Amt zu begleiten, verneint Fornahl ganz klar. „Jetzt müssen andere in die Fußstapfen treten, denen sollte man den Weg nicht verbauen“, sagt er voller Überzeugung, Ambitionen auf eine Rückkehr hegt er nicht. Obwohl er für die nächsten vier Jahre nichts Gutes ahnt. Obgleich die schwarz-gelben Ansagen aus dem Koalitionsvertrag noch nicht umgesetzt seien. Vor für allem die Finanz- und Steuerpolitik und den Gesundheitssektor sieht Fornahl Probleme en masse – weil gerade in diesen Bereichen zwischen CDU und FDP trotz aller gegenseitiger Liebe kaum Einigkeit herrsche. Nicht viel besser sehe es in der Energiepolitik aus.

„Das wird für Deutschland eine schwierige Zeit“, prophezeit Fornahl. Er, der während seiner politisch aktiven Zeit immer mitbestimmt hat, erst in Leipzig und dann in Deutschland, hat also – ohne es zu wollen – den Zeitpunkt seines Abgangs günstig gewählt. Denn so richtig mitbestimmen wird seine SPD in den nächsten vier Jahren im Bundestag ohnehin kaum. Sie wird sich dennoch irgendwie berappeln müssen, will sie in absehbarer Zeit wieder ein ernstes Wörtchen mitreden, wenn es um die bundesdeutsche Politik geht. Rainer Fornahl, der elf Jahre ganz nah dabei war, wird sich das – vermutlich auch ein bisschen hoffend und bangend – auf jeden Fall aber aus der Ferne anschauen. Verdient hat er, der er sich immer als Ansprechpartner und Mittler zwischen Bürger und Staat gesehen hat, das allemal.


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