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Die rechten Themen zur rechten Zeit: An den Worten sollt ihr sie erkennen

Michael Freitag
Der 8. Mai in Leipzig
Der 8. Mai in Leipzig
Bild: Erich Zeigner Haus e.V.
Ob der Politik-Redakteur der LVZ bei seinem Artikel am 6. Mai noch wusste, was er tat, als er seinen "Standpunkt" formulierte? Vermutlich nicht, als er den Leipziger OBM Burkhard "Jung in der Antifafalle" sah. Denn diese funktioniert ganz anders, als die LVZ im Vorfeld der 8. Mai-Aktivitäten am Lindenauer Markt dachte.

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Man erinnerte sich am 8. Mai 2010. An die Opfer eines unglaublichen Krieges, an die NS-Diktatur, an eine Kapitulation des dritten Reiches – an eben jenen 8. Mai 1945. Im Spannungsfeld eines solchen Tages finden sich natürlich auch diverse Bestrebungen in der heutigen Zeit, an Geschichtsrädern zu drehen. Relativierungen von Kriegsgräueln, Verharmlosungen von diktatorischen Staatsideen und allzu oft auch eine Idee von "Blut, Ehre, Vaterland" tauchen da auf. Dabei setzen rechtskonservative bis radikale Kreise gleichermaßen auf Durchdringung durch dauerhafte Wiederholung. Man will in die Köpfe.

Der OBM der Stadt Leipzig sah es wohl als einen richtigen Schritt, den Aufruf eines sicher vorrangig linken Bündnisses bis hinein in SPD und Grünen-Kreise zu einer Veranstaltung am Lindenauer Markt mit einem wohlwollenden Brief zu unterstützen. Ging es doch in erster Linie darum, gerade an diesem Tage deutlich zu formulieren, dass man solche Zeiten nie wieder erleben möchte.

Die Ersten auf dem Weg zur Veranstaltung auf dem Lindenauer Markt anlässlich des 8. Mai in Leipzig
Die Ersten auf dem Weg zur Veranstaltung auf dem Lindenauer Markt anlässlich des 8. Mai in Leipzig
Bild: Erich Zeigner Haus e.V.

Eines hätte er laut LVZ dabei übersehen: die DDR, die Kommunisten und die Linksextremen. Schließlich waren die Deutschen Ost laut Lesart der Zeitung nicht in die Freiheit sondern in die nächste Diktatur entlassen worden. Kann man durchaus so stehen lassen. Während in Westdeutschland Altnazis in Regierungs- und Juristenkreisen und Kriegsgewinnler aus der Großindustrie wieder an den Firmenspitzen auftauchten, baute man im Osten schlussendlich Kinder-, Jugend- und Parteiorganisationen sowie eine dominante Regierungspartei nahezu gleicher Machart wie im dritten Reich auf.

Mit all den indoktrininatorischen Folgen in Ost und dem späteren Aufstand der Jugend gegen die Elterngeneration in West.

Was jedoch unabhängig von diesem seltsamen Vermengen zweier Themenlagen irritiert, ist vor allem eine sattsam bekannte Formulierung im Standpunkt-Artikel der LVZ. Die Überschrift "Jung in der Antifafalle" landet da gefühlt sofort auf Listenplatz 1.

James W. Seward, Konsul für öffentliche Angelegenheiten beim US-Generalkonsulat Leipzig, bei seiner Ansprache zum 8. Mai am Lindenauer Markt
James W. Seward, Konsul für öffentliche Angelegenheiten beim US-Generalkonsulat Leipzig, bei seiner Ansprache zum 8. Mai am Lindenauer Markt
Bild: Erich Zeigner Haus e.V.
„Tillich ist in die Antifa-Falle getappt“ schrieb am 4. November 2008 auch die sächsische NPD auf ihrer parteieigenen Internetseite. Am 2. Dezember 2009 gab die von der NPD herausgegebene „Deutsche Stimme“ die Schlagzeile "Die Antifa-Falle schnappt zu" unter der Überschrift "Rotfront - längst Realität" zum Besten. Schon 2004 kommentierte das Sprachrohr der "wertekonservativen Kreise Deutschlands", die "Junge Freiheit", nach einem Besuch eines CDU-Politikers bei einer Gedenkveranstaltung für die Waffen SS und die darauf anhebenden Proteste mit "Die Antifa-Falle schnappt wieder zu". Und verhalf damit neben anderem einem weitgehend undefinierten Begriffskonvolut zum Namen.

Nun attestierte also die Leipziger Volkszeitung via Politikredaktion dem Bürgermeister der Stadt Leipzig, in eben jenes Konvolut hineingeraten zu sein.

Es bedient die Argumentation der in Sachsen seit 1990 regierenden CDU, die selbst in Zeiten, als sie mit absoluter Mehrheit regierte, sensibel auf jede Möglichkeit reagierte, die mögliche Politikphalanx Rot, Rot, Grün könnte irgendwo zum Zuge kommen. Die SPD-regierte Stadt Leipzig hatte man da immer auf dem Kieker – und in der LVZ immer eine Plattform, die sich für die Alarmrufe gern zur Verfügung stellte.

Jossif Jolych, Vorstandsvorsitzender des Jüdischen Forums beim Deutsch-Russischen Zentrum Sachsen e.V., war ebenfalls zu Gast bei der Veranstaltung
Jossif Jolych, Vorstandsvorsitzender des Jüdischen Forums beim Deutsch-Russischen Zentrum Sachsen e.V., war ebenfalls zu Gast bei der Veranstaltung
Bild: Erich Zeigner Haus e.V.
Längst hat sich hier in den Köpfen der Politikredaktion scheinbar eine Lesart von „Extremismus von links“ festgesetzt, welche ihre wissenschaftliche Unterlegung beständig aus Chemnitz erfährt.

Der Extremismusforscher Prof. Dr. Eckhard Jesse von der Chemnitzer TU, dessen Telefonnummer man immer wieder bemüht, wenn es um eher linksorientierte Menschen in Connewitz, DDR, Diktatur allgemein und im Besonderen geht, steht bei Fragen immer gern parat. Dass es im Schatten des Professors tiefschwarz wird, ist der Zeitung dabei augenscheinlich egal – er ist für LVZ-Politikredakteure der Fachmann für die „linken Chaoten“ von heute. Da ist hier mal schnell vor Randalen bei Demonstrationen gewarnt, die dann ausbleiben, oder dort wird im Vorfeld von Silvester kräftig Stimmung gemacht.

Da geht es dann nur noch um Links- und Rechtsextremismus. Und wer sich auch nur einen Fuß breit links von der CDU definiert oder in einem der mittlerweile zahlreichen Bündnisse gegen rechtsextreme Erscheinungen in Sachsen mitmacht, rutscht schnell in dieses seltsam uniforme Bild, in dem sich die Begriffe Antifa, linkextrem und radikal vermengen – selbst, wenn die Grundfarben wesentlich bunter, oft sogar regenbogenfarben sind, weil man sich in einem einig ist: dass Rechtsextremismus die größte Gefahr für eine pluralistische Gesellschaft ist.

Das Peinliche ist nur, dass der Sprachgebrauch "Antifa-Falle" einer sehr eindeutigen Publizistik zuzuordnen ist. Wer auf solche Quellen zurückgreift, und sei es auch nur unbewusst, hat ein Problem. Ein Glaubwürdigkeitsproblem sowieso. Der ist in eine Falle getappt und hat's nicht mal gemerkt. Oder hat er es doch gemerkt? – Dann würde es allerdings ganz dunkel werden.


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