Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber im Interview, Teil 1: Fünf Prozent und das Centraltheater
Matthias Weidemann & Robert Weigel
11.06.2010
Michael Faber.
Foto: Matthias Weidemann
Schauspiel, Oper, Freie Szene ... Ein kostbares und auch teures Gut ist Michael Faber (48), dem Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig, anvertraut. Am 1. Juni 2009 wurde der studierte Germanist als Kandidat der Linkspartei zum Bürgermeister gewählt. Mit der L-IZ traf er sich zu einem ausführlichen Interview.
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Rund um Ihre Wahl im vergangenen Jahr gab es viele kritische Stimmen, die politische Ränkespiele mutmaßten und Ihre Tauglichkeit für das Amt des Kulturbürgermeisters in Frage stellten. Nachdem nun scheinbar ein wenig Ruhe eingekehrt war, sehen Sie sich neuen Vorwürfen, in diesem Fall von Seiten der Fraktion Bündnis90/Die Grünen, ausgesetzt, die vorgeprescht ist und Ihre Tauglichkeit in Frage gestellt hat. Macht Ihnen die Arbeit als Kulturbürgermeister unter solchen Bedingungen überhaupt noch Spaß oder sehen Sie dies als eine Herausforderung, weiter im Sinne der Leipziger Kultur zu kämpfen?
Ja, zweimal ja. Die Arbeit macht große Freude. Sie ist nicht ganz unähnlich meiner vorangegangenen. Als Verleger hat man ja enorm viel kommuniziert mit Autoren, Künstlern, Gestaltern, natürlich auch mit technischem Personal und hat versucht, daraus eine bestimmte geistige Wertschöpfung zu bilden, Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Und hier im Rathaus ist das nicht unähnlich. Man ist als Kulturdezernent eine Art Moderator von Prozessen: beispielsweise formulieren die Intendanten oder aber die Direktoren der Museen ihre Ansprüche, im Regelfall pro Leipzig, im besseren Fall Leipzig übergreifend. Und die Stadt muss die dazu nötige Infrastruktur bereitstellen bzw. sicherstellen. Wir wollen in vielen Punkten im Deutschlandwettbewerb ganz vorne sein, in dem einen oder anderen Bereich auch im europäischen Konzert mitspielen.
Wo man glaubt, es gibt Defizite in der Infrastruktur oder aber in der finanziellen Ausstattung, da muss man sein Amt nutzen, um für diese Kultureinrichtungen oder aber für die Etats zu kämpfen. Und das macht in großen Teilen Freude. Klar ist, dass es gelegentliche Dissense gibt. Aber die gibt es auch in einer Ehe, und da würde kein Mensch auf die Idee kommen, die Ehe grundsätzlich in Frage zu stellen. Es ist in menschlichen Sozialverbänden etwas ganz Normales, dass es über das Missverständnis, über die Frage, über den Zweifel, das Zerwürfnis ganz evolutionär zu einer neuen Qualität kommt. Und deshalb darf keine Seite so tun, als hätte sie die ewigen Wahrheiten gepachtet und sollte vielmehr bereit sein, zuzuhören, um am Ende daraus einen Kompromiss zu finden, der für alle der beste ist.
Diese Kritik perlt nicht an Ihnen ab, sondern Sie gehen dann schon auf die Leute zu, die eine andere Meinung haben?
Ja, aber es gibt da schon Unterschiede in der Kritik. Es gibt sicher auch Kritiken, die man nicht sonderlich ernst nimmt. Etwa Formen der Kritik, die politisch daherkommen in dem Sinne von "ich will diese Partei oder diese Person nicht“. So etwas darf einen nicht tangieren. Aber jegliche substantielle, inhaltliche Kritik muss man immer ernst nehmen. So habe ich das gelernt und das ist auch gut so.
Seit einem Jahr im Amt: Kulturbürgermeister Michael Faber.
Foto: Matthias Weidemann
Vor Ihrer Wahl ins Amt des Kulturdezernenten haben Sie über die Freie Szene gesagt, sie sei ein "Kompensationsraum für Problemgruppen". Sie haben in einem Interview mit dem "Kreuzer“ schon einmal gesagt, dass dies aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Haben Sie das wirklich intern so gesagt und hat sich während Ihrer Tätigkeit als Kulturbürgermeister diese Ansicht geändert oder wurden Sie bestätigt?
Also, das ist ein Fragment, ich wiederhole mich da. Das ist aus einer größeren Einlassung ein Teil. Die Kultur ist ein zivilisatorischer Raum, in dem sich Menschen aus unterschiedlichen Generationen und unterschiedlichen sozialen Schichten verständigen; im Übrigen gilt das nicht nur für die Freie Szene, sondern es gilt generell für die Kultur. Das macht auch die Arbeit in den einzelnen Genres so schwierig. Zum Beispiel ein Haus wie die Oper, die alle Altersgruppen, alle soziale Schichten ansprechen soll, sozusagen alle geistigen Klassen. Das ist natürlich fast ein Ding der Unmöglichkeit, aber trotzdem nehmen wir es uns immer wieder vor. Und in diesen Räumen werden natürlich auch Sozialkonflikte ausgetragen. Das kann mal ein Buhen oder ein Pfeifen sein, das kann das Verlassen eines Raumes sein, das kann eine Aggressionsläuterung sein, das kann aber auch die Hervorbringung von Aggression sein. Die ganzen Spielarten der menschlichen Emotionen und der geistigen Möglichkeiten können in Kulturräumen aufgerufen werden. Das kennen wir aus der Geschichte, das ist nichts Neues. Nur wenn man einen Kulturraum darauf reduziert, ist dies natürlich falsch. Deshalb sage ich, dass das Zitat ein Fragment ist, das in ein Ganzes gehört. Und wer das für sich allein stehen lässt, der handelt töricht.
In der Diskussionsrunde im Bürgertreff der Linkspartei in Leipzig bei Cornelia Falken sprachen Sie sich dafür aus, die Strukturen der freien Szene zu stärken. Mit der Kampagne "Fünf für Leipzig" soll die Förderung der Freien Szene bis zum Jahr 2013 auf fünf Prozent des gesamten Kulturetats gebracht werden - trotzdem sollten die Zuschüsse laut erstem Verwaltungsvorschlag in diesem Jahr um über 300.000 Euro zurück gehen. Widerspricht das nicht Ihrer Aussage zur Stärkung der Strukturen oder haben sie da bereits andere Pläne in petto?
Es gibt keine Kürzungen. Ich weiß nicht, woher Sie diese Zahlen haben. Eine Kürzung ist auch nicht in Planung, sondern die Fortschreibung der Förderung ist gefährdet. Gegenwärtig beginnen die Haushaltsklausuren, bei der diese Fortschreibung in Frage gestellt wird, aber nicht der Status quo.
Also Sie gehen davon aus, dass 2013 diese fünf Prozent erreicht werden.
Ja, davon gehe ich aus. Aber ich muss noch einmal erklären, dass das eine flexible Zahl ist. Wenn insgesamt der Kulturetat abgesenkt wird, dann sinkt natürlich auch die reale Euro-Zahl, die diese fünf Prozent ausmacht.
Der Intendanz des Centraltheaters halten Sie eine „Einspur-Inszenierungskunst“ vor und bescheinigen dem Haus unter Sebastian Hartmann eine problematische Entwicklung. Eine Entscheidung über die finanzielle Ausstattung des Centraltheaters stünde kurz bevor. Wie weit ist das gediehen und wie ist Ihr Verhältnis heute zur Intendanz des Centraltheaters und zum Haus?
Das will sehr wohlüberlegt formuliert sein. Es ist ja so, dass wir den Etat des Hauses mehrfach gesteigert haben. Ich rechne ein gutes Stück dieser Arbeit mir selber an. Das heißt, ich bin pro Theater. Das bin ich sowieso als leidenschaftlicher Theatergänger, und das schon seit drei Jahrzehnten. Aber meine Äußerungen in dem von Ihnen benannten Bürgerforum bezogen sich eigentlich auf etwas Anderes, nämlich auf eine Frage, inwieweit man eine gemeinsame Zukunft erkennt. Und da habe ich gesagt, dass laut Dienstvertrag nach zwei Spielzeiten bilanziert wird. Und der Oberbürgermeister wird, beraten von seinem Kulturdezernenten und zusammen mit dem Intendanten, die gemeinsame Zukunft erörtern.
Michael Faber in seinem Büro im Neuen Rathaus.
Foto: Matthias Weidemann
Wird es denn eine gemeinsame Zukunft geben aus Ihrer Sicht?
Dem Prozess kann ich nicht vorgreifen. Außerdem hat in dieser Frage der Oberbürgermeister ein gewichtiges Wort mitzureden. Schauen Sie, wir haben einen Fünfjahresvertrag. Jetzt sind zwei Jahre zu Ende. Und da ist es normal, dass man ein erstes Resümee zieht, möglicherweise auch Korrekturen diskutiert. Das ist ein gegenseitiger Lernprozess. Das ist keine einseitige Sache.
Sie haben die Budgeterhöhung für das Centraltheater vorhin schon angesprochen. Sebastian Hartmann selber ist mit dem Ziel angetreten, über niedrigere Eintrittspreise mehr Besucher ins Theater zu locken, was auch einer der Gründe war, warum man sich für ihn entschieden hat.
Das ist richtig.
Sehen Sie dieses Ziel derzeit im Centraltheater als erreichbar an?
Das weiß ich nicht, ich kann nicht in die Zukunft schauen. Aber im Augenblick ist dieses Ziel nicht erreicht.
Sie sagten vorhin, Sie gehen gerne ins Theater. Welche Theater in Leipzig besuchen Sie sonst noch? Welche Theater schätzen Sie.
Man sollte das nicht auf seine Region begrenzen. Ich bin natürlich sehr gern in Berlin, in München und bevorzugt in Wien im Theater. Das sind Städte, die ich seit vielen Jahren besuche. Und das gibt mir die Chance, die hiesige Theaterleistung zu vergleichen. Das ist wichtig. Und das Centraltheater besuche ich natürlich regelmäßig.
Wenn Sie von Vergleich sprechen, wie fällt Ihr Urteil da aus? Wie sehen Sie das CT im Vergleich zu anderen Theatern, die Sie aus Ihrer Erfahrung kennen?
Es ist ja nicht unbekannt, dass ich persönlich über den Zustand des Repertoires nicht besonders glücklich bin.
Morgen lesen Sie hier Teil 2 des Interviews, in dem Michael Faber zur aktuellen Lage der Oper, der bildenden Künste und zu den möglichen Folgen der Haushaltskürzungen im Kulturbereich Stellung nehmen wird.
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