Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber im Interview, Teil 2: Spinnerei, Oper, Kürzungsdebatte
Matthias Weidemann & Robert Weigel
12.06.2010
Michael Faber.
Foto: Matthias Weidemann
Schauspiel, Oper, Freie Szene ... Ein kostbares und auch teures Gut ist Michael Faber (48), dem Kulturbürgermeister de Stadt Leipzig anvertraut. Am 1. Juni 2009 wurde der studierte Germanist als Kandidat der Linkspartei zum Bürgermeister gewählt. Mit der L-IZ.de traf er sich zu einem ausführlichen Interview.
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Sie sind großer Liebhaber der bildenden Künste und müssten eigentlich über das Potential Leipzigs mit Bildermuseum, der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie dem Standort Plagwitz mit der Spinnerei glücklich sein. Wo sehen Sie hier noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Eine Stadt kann nur so gut sein wie ihre Künstler. Man kann eine fantastische Infrastruktur haben, aber wenn eine Stadt keine guten Künstler hat, die das abbilden, dann bleiben die Tempel der Kunst, die man baut, ein bisschen schal. Wir haben für meine Begriffe beides. Wir haben im Museum der bildenden Künste ein ordentliches Reservoir, zum Beispiel die bedeutende Niederländer-Sammlung, wir haben bedeutende Kunstzeugnisse des 19. Jahrhunderts aber eine relativ schwache Sammlung der klassischen Moderne.
Zuwächse gibt es bei Beckmann. Wir haben den Brückenschlag zur Moderne mit dem Ankauf von Klingers "Pinkelnden Tod" stärken können. Wir haben durch die Dauerleihgabe der Ludwig-Sammlung enorm unsere so genannte Sammlung der Alten Leipziger Schule verstärken können mit wesentlichen und wichtigen Bildern von Heisig, Gille und Stelzmann, Hartwig Ebersbach, Mattheuer und Tübke. Wir sind für meine Begriffe ein bisschen schwach aufgestellt was die Neue Leipziger Schule betrifft. Das ist ein schwieriges Kapitel, weil der Einkaufsetat des Museums klein ist. Allerdings ist dies kein Spezifikum Leipzigs, sondern ein Zustand, den wir in vielen anderen deutschen Städten haben. Wir sind also auf Schenkungen, Stiftungen, auf das Sammeln von Geldern über Stiftungen und Fördervereine sowie Einzelpersonen angewiesen.
Die Spinnerei ist ein Glücksfall für Leipzig. Aber sie ist auch wiederum kein Glücksfall, da sie das Ergebnis von strategischem und wirtschaftlichem Arbeiten guter Galerien ist. Hier muss ich einräumen, dass die Stadt nicht viel dafür kann, dass es so ist. Hier sind einfach eine Reihe guter Galeristen, die vorher allesamt andere Standorte hatten, gemeinsam vorgegangen, wie etwa Kleindienst in der Nonnenstraße, Dogenhaus in der Beethovenstraße, Judy Lübke in der Ferdinand-Rhode-Straße etc. Sie haben zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannt, dass die Spinnerei ein Terrain sein könnte, wo man Kräfte bündeln und wo man genügend potentielle Käufer für den Kunstmarkt zusammenführen kann. Dort ist etwas gelungen vor einem privatwirtschaftlichen Hintergrund. Kann die Stadt daraus ihre Lehren ziehen? Ich sage dazu grundsätzlich ja.
Die Leipziger Oper, die immer noch gern als Aushängeschild der Stadt genannt wird, ist seit nunmehr über zwei Jahren ohne echten Intendanten. Warum gestaltet es sich als so schwierig einen geeigneten Kandidaten zu finden und wie weit ist die Suche voran geschritten? Wann rechnen Sie mit "geordneten“ Verhältnissen in der Oper?
Muss in seinem Etat 1 Million Euro sparen: Michael Faber.
Foto: Matthias Weidemann
Die Oper wird nicht nur als Aushängeschild genannt, sondern sie ist eines. Im Opernwettbewerb in Deutschland ist sie im oberen Drittel. Und das sowohl hinsichtlich der Zuschauerzahlen als auch im Hinblick des vorhandenen Etats. Die Oper bietet dem Publikum drei verschiedene Genres: Die klassische Oper, das Ballett und die Musikalische Komödie. Wir haben insbesondere in der MuKo steigende Besucherzahlen, wir haben im Ballett eine auf hohem Niveau stagnierende Besucherzahl. Nur im klassischen Opernbereich sind wir noch nicht so zufrieden. Das gebe ich auch offen zu.
Aber das ist nicht immer auf das Repertoire zurückzuführen, sondern es gibt auch Schwankungen in der Wahrnehmung. Und es stellt sich die Frage, ob das Marketing immer gut genug ist. Es hat in der letzten Zeit eine durchaus heftige Diskussion über die Plakate gegeben. Man muss sich fragen, ob das eine Rolle spielt. Und natürlich ist auch die künstlerische Handschrift zu bewerten. Aber insgesamt gesehen bin ich mit dem Zustand der Oper recht zufrieden. Und selbstverständlich kann man nicht behaupten, dass wir in der Oper "unordentliche" Verhältnisse hätten. Wir haben einen Interimsintendanten, der parallel die Geschäftsführung innehat. Richtig ist, dass wir diese Situation mittelfristig verändern wollen. Aber die Suche nach einer neuen Intendanz ist nicht ganz so einfach. Die wirklich großen und wichtigen Leute sind unter Vertrag. Also muss ich warten, bis die Verträge auslaufen, um sie eventuell für die Leipziger Oper zu interessieren. Das sind Prozesse, die manchmal drei bis vier Jahre brauchen. Wir stehen am Anfang dieses Prozesses. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir bis spätestens 2012, vielleicht sogar mit Beginn der Spielzeit 2011/2012 einen neuen Intendanten präsentieren können.
Haben Sie schon jemanden im Auge?
Ich nenne natürlich keine Namen. Wie ich schon sagte: Wir stehen am Anfang dieses Prozesses.
Bislang sind Ihre kulturpolitischen Leitlinien in Leipzig noch wenig angesprochen worden, die Sie in Leipzig umsetzen möchten. Wo würden Sie diese verorten, wenn Sie Ihre diesbezüglichen Wünsche für die Zukunft definieren müssten?
Ich weiß nicht, wo Sie das her haben, aber solange ich Kulturdezernent bin, wird es keine kulturpolitischen Leitlinien geben. Ich mag diesen Begriff auch nicht. Er erinnert mich an eine Zeit, als mit diesen Leitlinien sehr viel Schindluder getrieben wurde. Wir sollten versuchen zu formulieren, was unsere wirklichen Stärken sind, was zukunftsträchtig, zukunftsfähig ist und was im Augenblick zu wenig Beachtung erfährt, aber das Potential hat, morgen und übermorgen in den Kanon unseres Kulturbildes Aufnahme zu finden. Das sind Einzelprozesse, die an einem bestimmten Punkt zusammengefügt werden. Und gegenwärtig ist es schier unmöglich, sie in dieser absoluten Komplexität in drei Sätzen zu formulieren.
Gespart werden muss überall. Der OB hat es schon in der Ratsversammlung gesagt, dass Leipzig eine Kultur hat, die auf eine Million Menschen ausgerichtet ist und es wird wohl nicht so weitergehen wie bisher. Das heißt, dass in der Kultur und in der freien Szene demnächst gespart werden muss. Wie haben Sie Ihr Ressort angesichts des auf Sie zukommenden Streichkonzertes durch die Kommune aufgestellt? Gibt es Zahlen, wie viel Sie in Ihrem Haus einsparen müssen?
Nach den ersten beiden Haushaltsklausuren sind Größenordnungen für die einzelnen Dezernate genannt worden. Die Dezernate sind aufgefordert, dazu Vorschläge zu machen. Dies wird bis Mitte Juni erfolgen. Voraussichtlich bis Mitte September sollen dann die entscheidenden Schritte vollzogen werden. Das Kulturdezernat wäre nach dem jetzigen Stand der Dinge mit Einsparungen von etwa einer Million Euro betroffen.
Können Sie sagen, an welcher Stelle Sie am ehesten in der Lage wären, den Rotstift anzusetzen?
Das mit dem Rotstift sagt sich so leicht. Man muss versuchen, seine Substanz so zu durchleuchten, dass man vielleicht doch ohne Streichung auskommt. Zum Beispiel könnte man die Effizienz in den Abläufen durch Synergieeffekte steigern. Da denke ich zum Beispiel an eine gemeinsame Verwaltung städtischer Kulturwirtschaftsbetriebe. Dies könnte theoretisch bedeuten, dass es keine Streichung gibt, schon gar keine Streichung im künstlerischen Etat. Alle Kolleginnen und Kollegen arbeiten derzeit daran, ihr eigenes Ressort zu durchleuchten und aufzuzeigen, ob es diese oder jene Möglichkeiten gibt oder nicht.
Michael Faber: Möglichst sparen ohne Substanzverlust ...
Foto: Matthias Weidemann
Also ist es Ihr erklärtes Ziel, auf diesem Weg die Einsparungen nach Möglichkeit durchzusetzen?
Ja, wenn dies möglich ist. Und dies möglichst ohne Substanzverlust.
Sind in dem Zusammenhang für die städtischen Betriebe höhere Eintrittsgelder zu erwarten?
Nein, es gibt in Leipzig sogar eine umgekehrte Tendenz. Ich bin ein entschiedener Gegner solcher Erhöhungen und freue mich, dass ich in dieser Beziehung viele Mitstreiter habe. Es darf über die Eintrittspreise keine Ausgrenzung von Menschen geben, die an Kultur teilhaben wollen. Haushalts-Konsolidierung darf nicht über höhere Eintrittspreise geschehen. Die kulturellen Betriebe sind Wirtschaftsbetriebe und somit gehalten, sich andere Erlössituationen zu schaffen. Das kann in den großen Häusern die Vermietung von Räumlichkeiten, die Organisation von Kongressen oder anderen Veranstaltungen sein. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber die Eintrittspreise sollten wir nicht erhöhen.
Warum bieten die Kulturbetriebe nicht so etwas wie ein Last-Minute-Ticket an? Weil das ja zum Beispiel eine Möglichkeit wäre, sozial schwächer gestellte Menschen wieder in die Kultur zu integrieren.
Jede Stadt, jede Kommune findet da eigene Wege. Wir haben den Leipzig-Pass oder den Operntag. Wir haben einen eintrittsfreien Tag im Monat im Museum der bildenden Künste. Es gibt verschiedene Formen, sozial schwächer gestellte Menschen nicht außen vor zu lassen. So haben wir auch verschiedene Abstufungen in der Ermäßigungstabelle. Das Last-Minute-Ticket ist eine Form, die insbesondere in Städten mit einem relativ hohen touristischen Aufkommen praktiziert wird.
Aber ein Platz, der für fünf Euro verkauft wird, ist immer noch besser als einer, der gar nicht verkauft wird.
Das praktische Beispiel gab es ja. Sebastian Hartmann hat in seiner ersten Spielzeit die Preise mächtig abgesenkt. Einen Effekt, d. h. mehr Besucher an das Haus zu binden, hat er damit jedoch nicht erzielt.
Was sagen Sie zu der Situation im Hupfeld-Center, in dem die Bandszene von Leipzig probte, wo aber die Mietkonditionen offenbar nicht stimmten. Folge: die Bands zogen aus. Nun soll es von Stadtseite ein Konzept geben, ein solches Band-Zentrum zu entwickeln. Wie ist da der Stand der Dinge?
Kann ich bestätigen, aber die Details müssten Sie im Kulturamt erfragen.
Das Naturkundemuseum fristet seit Jahren ein stiefmütterliches Dasein. Gibt es Pläne, dies zu ändern, sofern solche vorhanden sind?
Ich habe vergangenen Freitag mit Direktor Rudolf Schlatter ausführlich gesprochen. Wir haben intensiv über den Bauzustand des Hauses, aber auch über die Möglichkeit eines Neubaus gesprochen. Über das Ergebnis haben wir Stillschweigen vereinbart. Dabei finde ich den Begriff "stiefmütterlich“ nicht ganz fair. Denn Leipzig hat seine Museumslandschaft im deutschlandweiten Vergleich in den letzten Jahren entscheidend profiliert. Wir haben das neue Museum der bildenden Künste, wir haben den Neubau des Stadtgeschichtlichen Museums, wir schließen bald die Komplettsanierung des Grassi-Quartiers ab.
Nicht zu vergessen das Museum für Zeitgenössische Kunst mit einem neuen Anbau und das Zeitgeschichtliche Forum. In all diese Museen und Einrichtungen hat die Stadt sehr viel investiert. Natürlich sind auch Fördermittel aus Land und Bund geflossen, aber auch viele städtische Millionen. Doch die Mittel der Stadt sind nicht unerschöpflich. Dennoch muss für das Naturkundemuseum eine Zukunftsperspektive entwickelt werden. Und da sind wir gegenwärtig intensiv im Gespräch, ohne dass ich jedoch im Augenblick Herrn Dr. Schlatter einen Neubau versprechen kann. Die Tendenz ist gerade andersherum, denn wir sollen einsparen und nicht investieren. Aber bis 2015 möchte ich am liebsten einen Neubau haben.
Können Sie sich eine zweite Amtszeit vorstellen, vorausgesetzt Sie werden wieder gewählt?
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