Leipziger Schuldenmisere: Warum HL komm und Perdata (teil-)verkauft werden sollen (3)
Ralf Julke
19.01.2011
Podium zur Anhörung am 17. Januar.
Foto: Ralf Julke
Auch das hat die Anhörung zum geplanten Teilverkauf von HL komm und Perdata am Montagabend im Neuen Rathaus recht deutlich gezeigt: Eine Strategie zum Verkauf der beiden Stadtwerke-Töchter gibt es nicht. Der Verkaufsplan ist schlicht aus der Haushaltsnot der Stadt und der Kreditproblematik der LVV geboren.
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So bestätigte denn auch Josef Rahmen, Geschäftsführer der LVV, bei der Podiumsabfrage mehrmals, dass HL komm und Perdata "kerngesunde Unternehmen" sind. Und Thomas Prauße, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig, erklärte: "Aus der Sicht der SWL muss ich die beiden Unternehmen nicht verkaufen." Und: "Mit HL komm und Perdata haben die Stadtwerke Leipzig auf einen zukunftsfähigen Markt gesetzt."
Ein Markt, von dem sich private Akteure in den letzten Jahren weitgehend zurückgezogen haben. Der Grund ist simpel: Die Rendite für die Infrastruktur-Investitionen kann nicht binnen eines Jahres wieder eingefahren werden. Die Investitionen amortisieren sich erst über zehn, fünfzehn Jahre, wie auch Werner Rapp, Geschäftsführer HL komm, am Montag bestätigte. Doch er dementierte auch die an diesem Abend mehrfach benannten "100 Millionen Euro Investitionsrisiko", die auch die LVV-Geschäftsführung als Grund benannte, die HL komm nun zu 74,9 Prozent privatisieren zu wollen.
"Die Zahl ist eine reine Schätzung, was wir investieren müssen, um ganz Leipzig mit einem leistungsfähigen Glasfasernetz auszurüsten", erklärte Rapp. Das wären Investitionen über einen Zeitraum von zehn, fünfzehn Jahren. "Und wir gehen dabei in Clustern vor", sagte Rapp, "so, wie wir es jetzt schon mit unserem Pilotcluster machen."
Das befindet sich in der Leipziger Südvorstadt und die Glasfaseranschlüsse für Privatkunden werden dabei unter dem Label "an!" vermarktet. Für Leipzig ein Pilotprojekt. Netcologne in Köln erreicht mit so einem Breitbandangebot schon über 30 Prozent der Haushalte. Eine Region, in der auch die HL komm denken muss und denkt. "Auch in Leipzig gibt es noch weiße Flecken, wo kein Breitband verfügbar ist", so Rapp.
Aktuell ist die HL komm hauptsächlich Breitband-Anbieter für Geschäftskunden, rund 1.600 an der Zahl, darunter praktisch alles, was am Wirtschaftsstandort Leipzig (und in der Region) Rang und Namen hat. Und damit kommt das Thema Standortwettbewerb auf den Tisch.
Dr. Hans Konle, unter anderem Geschäftsführer der Münchner M-net, weiß, wovon er da redet. Zwar ist in einer Stadt wie München schwer nachweisbar, ob ein Unternehmen sich wegen der vorhandenen Breitbandanschlüsse dort niederlässt. "Aber es ist nachweisbar, dass sich Unternehmen in Regionen, wo kein Breitband verfügbar ist, aus eben diesem Grund nicht niederlassen", so Konle. Städte, die ihren Unternehmen ein modernes Glasfasernetz bieten können, hätten also deutlich wahrnehmbare Standortvorteile, erst recht, wenn es - wie München und Köln - Medienstandorte wären. "Und eigentlich will sich ja Leipzig mit diesen Städten messen, oder?"
Soll bis auf eine Sperrminorität verkauft werden: HL komm.
Foto: Ralf Julke
Städte seien also gut beraten, diese Infrastrukturen zu schaffen, wenn sie im Standortwettbewerb mithalten wollen. Dazu kämen noch aktuelle Trends, die der zunehmenden Vernetzung Rechnung tragen. Etwa das Thema Cloud-Computing, bei dem Unternehmen und Verwaltungen ihre Büros eben nicht mehr mit Rechnern und Servern vollstellen, sondern alle Daten und Programme auf zentrale Rechner legen und jeder Arbeitsplatz übers Hochleistungsnetz Zugriff auf Daten und Anwendungen hat.
Die L-IZ berichtete darüber im Zusammenhang mit einem Besuch bei Lecos. Die Lecos kann zwar das Thema Cloud-Computing für die Stadtverwaltung andenken - die leistungsstarken Leitungen, über die das möglich ist, gehören aber der HL komm. Noch völlig unüberlegt ist die Frage: Welche Gebühren werden fällig, wenn ein Privatunternehmen die Mehrheit hat bei HL komm? Und: Wird der Ausbau des Netzes weitergehen, so dass nicht nur die Top-Unternehmen der Stadt davon profitieren, sondern auch die Zehntausenden kleinen und mittleren Unternehmen überall im Stadtgebiet, von denen wieder Tausende zur so genannten "Kreativwirtschaft" gehören?
Bis jetzt gibt die HL komm leistungsstarke Zugänge für Unternehmen für 35 bis 40 Euro im Monat ab. Für Privatkunden gibt es Einstiegsmodelle von 8,99 Euro. "Das ist preiswerter als bei der Telekom", so Rapp. Je nach Bedarf, kann man größere Leistungspakete auswählen.
Trotzdem tauchte dann während der Anhörung am Montag die Frage auf, wie sich die Komplettierung des Glasfasernetzes in Leipzig für die HL komm rechnen könne. Mit dem etwas schrägen Unterton „für 8 Euro im Monat“. Doch wer in fünf- und sechsstellige Kundenzahlen kommt, der macht seine Umsätze dann über die Masse. „Und es ist egal, ob die Oma, die nur ein Telefon haben will, das Glasfaserkabel nutzt, oder ein mittelständisches Unternehmen“, so Rapp.
Will mit dem Verkauf den klammen Haushalt retten: Torsten Bonew (2.v.l.).
Foto: Ralf Julke
Etwas anders der Fall Perdata, die noch heute den Großteil ihres Geschäfts innerhalb der SWL abwickelt. Aber dazu gehören mittlerweile einige Anwendungen, die für das Energienetz der Zukunft eine grundlegende Rolle spielen.
Smart Metering und Smart Grid heißen die Felder, auf denen die Perdata längst unterwegs sind. Es geht dabei nicht nur um "intelligente Stromzähler", die dem Kunden erlauben, seinen Stromverbrauch zu optimieren und auch Einfluss auf die Preisgestaltung zu nehmen, indem er den Strom dann abruft, wenn er - außerhalb der Spitzenzeiten - preiswerter verfügbar ist. Es geht auch um eine intelligente Steuerung der Strommengen und Stromlasten, wenn immer mehr alternative kleine Energieanlagen das deutsche Stromnetz speisen und eine intelligente Netzsteuerung ermöglichen soll, die alten, teuren Großkraftwerke abzuschalten, die jetzt noch jedesmal hochgefahren werden, wenn der Stromverbrauch ansteigt.
Ohne das wird es keine alternative Netzzukunft geben. Thomas Prauße: "Dieser Markt wird entscheidend sein."
Womit auch zwei wichtige Standortfaktoren benannt sind, mit denen Leipzig auch im Wirtschaftsmarketing deutlich wahrnehmbarer agieren müsste. Denn wenn diese Stadt eine wirtschaftliche Zukunft haben soll, dann wird das eine mit einer hochmodernen Kommunikationsinfrastruktur und einem intelligenten Energienetz sein. Und selbst in dem, was da am Montag so Anhörung genannt wurde, wurde deutlich, dass eine (Teil-)Privatisierung keineswegs garantiert, dass beides am Standort Leipzig erhalten bleibt.
Dass auch klug formulierte Verträge eine andere Strategie des neuen Teilhabers nicht verhindern, hat auch das Beispiel MEAG / RWE gezeigt. In diesem Fall wurde ein kompatibler Partner schlicht von einem Markt-Kontrahenten übernommen, der schon von Natur aus Gegenspieler der Leipziger Stadtwerke war.
Dasselbe kann auch bei HL komm und Perdata passieren. Auf jeden Fall verlieren die Stadtwerke Leipzig, die mit HL komm und Perdata zwei zukunftsfähige Töchter gegründet haben, die längst mit Millionengewinnen zum Konzernergebnis beitragen, ihre Steuerungshoheit über beide Firmen. Bei der Perdata wäre das sogar verhängnisvoll, denn sie ist elementarer Baustein der künftigen Energiepolitik der Stadtwerke.
So ein wenig hat man das bei der LVV zumindest zugestanden, als man das Höchstmaß der verkauften Anteile hier auf 49,9 Prozent begrenzte. Ob der verbleibende Spielraum ausreicht, den Umbau der Stadtwerke zu einem modernen, umweltschonenden Energielieferanten zu sichern, darf bezweifelt werden. Einzige Ausnahme: Es finden sich Kommunen oder kommunale Unternehmen, die schon auf demselben Weg sind. Aber so eine Grundbedingung steht in der Vorlage an den Stadtrat nicht.
Ganz ähnlich ist es bei der HL komm, bei der die LVV nur eine Sperrminorität von 25,1 Prozent bei den Stadtwerken belassen will, was zwar möglicherweise den Standort (und damit den Ort der Steuerabrechnung) und eine Anzahl von Arbeitsplätzen in Leipzig sichert, die strategischen Entscheidungsmöglichkeiten aber aus der Hand gibt. - Auch hier die einzige Ausnahme: kommunale Unternehmen, die ähnlich wie die HL komm strategisch in einen kommunalen Standort investieren und der Kommune langfristig die Rendite sichern - nicht nur über die Vermarktung des Netzes, sondern auch über die Bindung moderner Unternehmen an den Standort und die Begünstigung moderner, datenträchtiger Kommunikation.
Und da ist man bei einem Thema, das auch nur vage anklang: Dass es bei beiden Unternehmen auch um Kundenstämme und Kundendaten geht. Und damit auf einer ganz anderen Ebene auch um das alte Wort Daseinsfürsorge in einer Zeit, in der die Teilhabe an moderner Kommunikationsinfrastruktur wahrscheinlich entscheidet über den Aufstieg oder den Untergang eines Wirtschaftsstandortes.
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