Alle Kriterien erfüllt: Leipzig darf sich jetzt Fairtrade Town nennen
Ralf Julke
27.09.2011
Titel "Fairtrade Town für Leipzig".
Foto: Ralf Julke
Es ist zwar nur eine kleine Urkunde, die sich Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung jetzt ins Zimmer hängen kann, aber sie ist das, was kleine Urkunden oft von pompösen Preisen unterscheidet: Sie spiegelt nichts vor, sondern sie fordert zu Taten auf. Auch wenn sie für die nächsten zwei Jahre erst einmal bedeutet: Leipzig darf sich "Fairtrade Town" nennen.
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Am Montag, 26. September, kurz nach 10:45 Uhr nahm Oberbürgermeister Burkhard Jung im Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses die Urkunde vom Vorstandsvorsitzenden des Vereins TransFair, Heinz Fuchs, entgegen. Die Messestadt ist damit die 54. Fairtrade-Stadt in Deutschland und eine von mehr als 1.000 weltweit. Die erste, die die Kriterien für das Zertifikat erfüllte, war übrigens Saarbrücken.
Es sind fünf Kriterien, die für die Zertifizierung erfüllt werden müssen. Das erste war das Stadtratsvotum für die Bewerbung im November 2010, das zweite die Gründung einer lokalen Steuerungsgruppe, das dritte Bildungsveranstaltungen in Schulen, Vereinen und Kirchen (teilgenommen haben u.a. die Schiller-Schule und die Montessori-Schule). Das vierte und wichtigste: Vor allem aber mussten Partner in Einzelhandelsgeschäften und der Gastronomie gefunden werden, die mindestens zwei gesiegelte Produkte aus fairem Handel anbieten. In Abhängigkeit von Leipzigs Einwohnerzahl lag die Zielmarke bei 32 Gastronomiebetrieben und 63 Geschäften.
Nummer fünf war das leichteste: die mediale Berichterstattung darüber.
Den folgenden Satz hat dann Oberbürgermeister Burkhard Jung am Montag gar nicht mehr sagen müssen: "Mit 135 Läden und Gastronomiebetrieben hat Leipzig deutlich mehr faire Handelspartner, als für die Erlangung des Titels vorgeschrieben. Das ist ein gutes Ergebnis und es zeigt, dass das Bewusstsein, sich auch im Alltag für eine faire Globalisierung einsetzen zu können, wächst.“ Denn die Zahlen hatte ihm Heinz Fuchs in seinem Redebeitrag schon vorweggenommen. Sichtlich beeindruckt, dass Leipzig das Thema recht flott umgesetzt hat.
Geboren wurde die Idee der FairTrade-Towns schon im Jahr 2000. Ein Jahr, in dem etlichen Akteuren in den so genannten Ländern der 1. Welt deutlicher noch als in den Vorjahren klar wurde, dass der alte Kolonialismus in neuer Form einfach weiterarbeitete. Manchmal tarnt er sich mit dem Label Liberalisierung, manchmal nennt er sich Globalisierung. Aber meistens geht es darum, den Wohlstand der nördlichen Hemisphäre durch Dumping-Arbeit in den ärmeren Weltgegenden zu finanzieren.
TransFair-Vorsitzender Heinz Fuchs mit stolzem OBM Burkhard Jung.
Foto: Ralf Julke
Der Konsument merkt es meistens nicht. Darauf wies Burkhard Jung dann deutlich hin. "Wir kaufen tagtäglich Dinge, von denen wir gar nicht wissen, wie sie produziert werden." Gerade um das Jahr 2000 herum hagelte es Nachrichten aus den Billigfabriken in Asien, Afrika und Lateinamerika, in denen über unmenschliche Arbeitsbedingungen, miserable Bezahlung, fehlende Sicherheits- und Umweltstandards berichtet wurde. Naomi Klein veröffentlichte ihr kämpferisches Buch "No logo!" Und dann kam die Krise von 2001, kam der 11. September, und fast schien es, als wäre der Protest gegen das rücksichtslose Plündern der Welt gleich wieder abgewürgt.
War er aber nicht. Auch wenn - während ein wild gewordener US-Cowboy in Afghanistan und Irak den Krieg entfesselte - die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen Weichenstellungen weltweit auf Nachhaltigkeit umzustellen, scheinbar vertagt war. Wirklich vertagt war sie nie. Denn nicht nur Rohstoffe und Arbeitskraft der ärmeren Nationen werden weiterhin dafür ausgeplündert, dass T-Shirts, Kaffee und allerlei elektronischer Schnickschnack spottbillig produziert werden - auch die Natur leidet. Ökosysteme werden zerstört, um Palmöl oder Biosprit für die Konsumenten Europas und Amerikas zu gewinnen, Wasserressourcen werden zerstört, Meere werden leer gefischt und fossile Brennstoffe in einem Maß verfeuert, dass der Klimawandel eigentlich nicht mehr zu bremsen ist.
Nachhaltig ist das alles nicht. Und nicht jedes Produkt landet dann auch so billig auf dem Markt, wie es hergestellt wurde. Auch das merkte Burkhard Jung an. Denn die Handelsbeziehungen der reichen Nationen mit dem "Rest der Welt" sind auf Nachhaltigkeit nicht angelegt. Zollschranken behindern schon im Ansatz einen gleichberechtigten Warenaustausch. Die alten Kolonialländer bleiben zwangsweise in ihrer Rolle als billige Rohstofflieferanten. Und die Handelsstrukturen werden weltweit mittlerweile von einigen wenigen großen Konzernen beherrscht, die nicht nur bestimmen, welches Produkt zu welchem Preis in ihren Filialen angeboten wird - sie bestimmen auch über die Herstellung der Produkte. Und auf den Dingen, die der Kunde am Ende in die Hand bekommt, steht dann oft (und oft genug falsch): Made in the EU oder noch billiger "Produziert für XY".
TransFair-Vorsitzender Heinz Fuchs mit OBM Burkhard Jung beim Vorlesen des Urkunden-Textes.
Foto: Ralf Julke
Eine Übersicht darüber, wo das, was er im Laden findet, herkommt, bekommt der Konsument nicht mehr. Er sei denn, er macht sich gezielt auf die Suche nach fair produzierten und gehandelten Produkten. Die sind in der Regel zertifiziert. Und das Wichtige am Label "Fairtrade Town" ist: Fair gehandelte Produkte darf es nicht nur in einigen wenigen Spezialgeschäften geben, sondern sie müssen auch in den üblichen Ladengeschäften des täglichen Bedarfs dauerhaft anzutreffen - und aufzufinden sein. 93 sind es mittlerweile in Leipzig - auch wenn manche nur ein, zwei Produkte dauerhaft anbieten. Aber: Es sind auch fast 30 mehr als für das Label "Fairtrade Town" erforderlich. Dazu noch 43 Cafés, Restaurants und Hotels, die faire Produkte auf der Karte haben.
Was Jung an der Bewerbung, die die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Juli 2010 mit einem Antrag auslöste, wichtig findet, ist die Vorbildfunktion, die dem Bewusstseinswandel Vorschub leisten soll. "Natürlich machen wir jetzt weiter", sagte er am Montag. "Als erstes werden wir für eine Kennzeichnung der beteiligten Geschäfte und Restaurants sorgen - mit einem Aufkleber."
Dass die Aktion "Fairtrade Town", die seit 2009 in Deutschland läuft, Ergebnisse zeitigt, konnte Heinz Fuchs mit Zahlen belegen - der Absatz zertifizierter fair gehandelter Produkte stieg 2010 gegenüber dem Vorjahr um 26 Prozent auf 420 Millionen Euro. Das ist immer noch wenig. Zum Vergleich: 2010 wurden im deutschen Einzelhandel 388 Milliarden Euro umgesetzt, etliche Milliarden logischerweise mit Produkten, deren Herstellungsbedingungen mit fair nichts zu tun haben.
Die Städte, die sich jetzt mit dem Label "Fairtrade Town" schmücken, können jetzt natürlich den Bewusstseinswandel hin zu einem nachhaltigen Welthandel vorantreiben. OBM Burkhard Jung weiß das Wort Nachhaltigkeit zumindest durchzubuchstabieren. - von Ökologie bis zu den Sozialstandards. Der nächste Punkt, den er am Montag noch nicht ansprach, ist die Beschaffungspolitik der Stadt, die sich in den letzten Jahren auch Stück für Stück gewandelt hat. Aber die Umsatzzahlen, die Heinz Fuchs nannte, zeigen auch: Der Weg ist tatsächlich noch weit zu einer nachhaltigen Weltwirtschaft.
Und das brachte am Montag einer auf den Punkt, der für die Leipziger Bewerbung mit Charme den Schirmherrn gespielt hat: der Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel. Zum Abschluss der kleinen Feierstunde mit gut gefülltem Ratsplenarsaal sang er am Klavier ein altes Lied der Comedian Harmonists, das so schön passte wie die Faust aufs Auge: "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück ..."
Die nächsten zwei Jahre muss Leipzig nun beweisen, dass es des neuen Titels würdig ist. Die lokale Steuerungsgruppe, koordiniert durch den Verein Eine Welt e. V. Leipzig, plant in dieser Zeit weitere Aktionen. Gemeinsam mit TransFair ruft sie zum Beispiel am 30. September zum Weltrekordversuch im fairen Kaffeetrinken auf.
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