Prekär an Leipzigs Hochschulen (1): Agnes Krumwiede bereitet einen Bundestagsantrag vor
Daniel Thalheim
07.10.2011
Foto: Daniel Thalheim
Dünner werdende Finanzdecken, schwer vermittelbare Hochschulabsolventen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Auch Musikhochschulen müssen ihre Schüler auf das Leben vorbereiten. Und das tun sie auch. Aber wie lange noch?
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Die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen bereitet soeben einen interessanten Antrag vor, der auch für Leipzig Auswirkungen haben kann. Am Mittwoch war sie in Leipzig und informierte sich auch an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy". Zeit zum ausführlichen Gespräch war dabei genug. Am 5. Oktober weilte die Diplommusikerin und Konzertpianistin in Leipzig. Seit der jüngsten Bundestagswahl ist die bayrische Politikerin Agnes Krumwiede kulturpolitische Sprecherin in der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Herzensangelegenheit Kultur wird zu einer politischen Angelegenheit, wenn sie hört und aus eigenen Erfahrungen als Musikstudentin weiß, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse an den deutschen Musikhochschulen vorherrschen, und ihre Absolventen es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben.
„Der Inhalt unseres geplanten Antrags beschäftigt sich mit der prekären Situation von Lehrbeauftragten an Musikhochschulen, beziehungsweise an staatlichen Hochschulen für Musik und Theater ", erklärt Agnes Krumwiede gegenüber der L-IZ im Anschluss an einer Gesprächsrunde mit dem HMT-Rektor Prof. Robert Ehrlich, Professor Martin Kürschner unter Anwesenheit ihres Referenten sowie Monika Lazar, Leipziger Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90 / Die Grünen.
Agnes Krumwiede.
Bild: www.agnes-krumwiede.de
„Den ausschlaggebenden Impuls für uns, hier eine parlamentarische Initiative vorzubereiten, war eine Stellungnahme der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten, die sogenannte Frankfurter Resolution", so Krumwiede weiter. Sie erklärt, dass die Bezahlung der Lehrbeauftragten von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. „Es gibt eine große Inhomogenität der Bezahlung. In der Regel bekommen Lehrbeauftragte kein Urlaubsgeld, haben keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, sind sofort kündbar und weibliche Lehrbeauftragte genießen keinen Mutterschutz, außerdem sind Lehrbeauftragte meistens keine Mitglieder der Hochschule und haben deshalb kein Stimmrecht in den Hochschulgremien. Insgesamt ist also nicht nur die Bezahlung für Lehrbeauftragte defizitär, sondern auch ihre soziale Absicherung und ihr Mitbestimmungsrecht", kritisiert die Bundestagsabgeordnete.
Weiter sagt sie: „In vielen Bundesländern, darunter auch in Sachsen, haben die Kunsthochschulen – wozu auch die Hochschulen für Musik und Theater zählen – in den Landesgesetzen einen Sonderstatus, welcher Kunsthochschulen explizit genehmigt, Lehrbeauftragte auch zur ,Erbringung‘ des Lehrangebotes einzusetzen, nicht nur zur ,Ergänzung‘ wie an den Universitäten. Das hat zur Folge, dass an den 24 Musikhochschulen in Deutschland das Unterrichtsangebot bis zu 60 % durch Lehrbeauftragte sicher gestellt wird, deren Arbeit durch Honorarverträge vergütet wird (an der Leipziger HMT liegt der Anteil übrigens aktuell bei 35 %, in Dresden dagegen bei 57 %)."
Kurz gesagt: Der akademische Unterbau an Musikhochschulen lebt prekär und wird dennoch voll gefordert. "Wir Grünen setzen uns ein für branchenspezifische Mindestlöhne und Lohnuntergrenzen. Ich bin der Meinung, dass wir auch im Kulturbetrieb branchenspezifische Honoraruntergrenzen brauchen. Was die Situation der Lehrbeauftragten betrifft, darf auch die Bundeskulturpolitik nicht länger wissenden Auges zusehen, sondern kann und muss Impulse setzen. ", so Krumwiede.
Aber der politische Handlungsspielraum sei hier sehr begrenzt, räumt die Bundestagspolitikern ein. Immerhin hat man sich entschieden, ein Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildung einzuführen und da wäre noch die Hochschulautonomie. „In erster Linie wollen wir die Länder und alle Beteiligten für das Problem sensibilisieren. Die Einrichtung einer Arbeitsgruppe im Rahmen der Kultusministerkonferenz wäre ein erster Schritt, um sich dort auf verbindliche, bundesweit einheitliche Honoraruntergrenzen zu einigen sowie einen Prozentsatz über das Verhältnis zwischen Lehraufträgen und Festanstellungen festzulegen, um einerseits eine flexible Handhabung des Lehrangebotes zu gewährleisten und gleichzeitig die Lehre an Musikhochschulen mehrheitlich durch feste Anstellungsverträge – insbesondere in den Haupt-/Pflichtfächern – sicher stellen zu können.“
In letzter Konsequenz geht es auch hier um mehr Geld für Musikhochschulen und dadurch auch um eine bessere Ausstattung. Krumwiede: „Verbesserungen der Situation für Lehrbeauftragte dürfen nicht das gesamte System der Musikhochschulen zum Einsturz bringen. Das will keiner."
Doch die Bundestagsabgeordnete ist der Überzeugung, dass das momentan bestehende System der Musikhochschulen auf der Ausbeutung von hoch qualifizierten Lehrbeauftragten basiert. „Es gibt noch viele offene Fragen: In welcher Höhe müssten die Länder die Mittel für die Hochschulen für Musik und Theater aufstocken, wie hoch muss der prozentuale Satz der Festanstellungen an den Hochschulen sein, um das bisherige dysfunktionale System endlich abzulösen? Das wichtigste ist, diese Problematik ins politische und gesellschaftliche Bewusstsein zu transportieren. Und natürlich wollen wir uns mit der sozialen und wirtschaftlichen Lage in allen Bereichen des Kulturbetriebs beschäftigen – die Situation von Lehrbeauftragten an Musikhochschulen ist nur ein Problembereich von vielen! "
Doch das Problem ist durchaus größer - prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt es mittlerweile überall - auch an den "normalen" Universitäten bei den Assistentenstellen. „Das System von Musikhochschulen ist nicht vergleichbar mit dem der Universitäten, unter anderem ist der Bedarf an Lehrkräften bei Musikhochschulen ungleich höher (zum Verständnis: Im künstlerischen Hauptfach erhält jeder Studierende pro Semester wöchentlich Einzelunterricht, auch die Klassen in Nebenfächern wie Gehörbildung und Tonsatz sind üblicherweise mit wenigen Studierenden besetzt). Auch deshalb wird in den Gesetzen der Länder explizit differenziert zwischen Kunsthochschulen und Universitäten."
Gesprächsrunde: HMT-Rektor Robert Ehrlich (2. v.l.), Agnes Krumwiede, Monika Lazar und Prof. Martin Kürschner (v.l.n.r.).
Foto: Daniel Thalheim
Krumwiede sieht auch das deutsche Bildungssystem im Hinblick auf die musikalische Früherziehung defizitär im Vergleich zu Asien und einigen Teilen Osteuropas. Dort finden Kinder bessere Bedingungen vor. "Die musikalische Ausbildung hat dort eine ganz andere Tradition und ist im Schulsystemen stärker verankert als es bei uns in Deutschland der Fall ist. Das G-8 (das achtjährige Gymnasium, z.B. in Bayern) hat diese Situation übrigens verschlechtert. Wenn ein ganzes Schuljahr weg bricht, fehlt somit auch ein Jahr Üben am Instrument, ein Jahr in der Persönlichkeitsentwicklung und der ganzen Vorbereitung auf ein Musikstudium. Insgesamt ist also die Ausgangssituation für junge Musiker, die eine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule absolvieren, im Vergleich zu gleichaltrigen Kandidaten aus Asien oder Teilen Osteuropas schlechter. Dass jedoch so viele Musiker aus dem Ausland in Deutschland studieren, ist auch für die deutschen Musikhochschul-Studierenden Gewinn. Denn wer die Aufnahmeprüfung besteht, hängt von seiner Leistung ab und nicht von der Herkunft – und das muss auch so bleiben", formuliert Agnes Krumwiede. Eine Tatsache also auch, dass Musikhochschulen mit ausländischen Studierenden rechnen und sich international aufstellen müssen.
Weiter sagt sie: "Je höher das Leistungs-Niveau der Kommilitonen, desto konstruktiver ist die Konkurrenz. Außerdem ist die Vernetzung mit den internationalen Kommilitonen ein wichtiger Baustein für die spätere Karriere.“ Was Krumwiede an den Verhältnissen in Leipzig gefällt, sei das Prinzip Qualität vor Herkunft, so dass sich zumindest an der HMT ein gesundes Verhältnis zu je einem Drittel aus Ost- und Westdeutschen sowie ausländischen Studierenden herausgebildet hat.
HMT-Rekor Robert Ehrlich schaltet sich noch schnell ein, und sagt: "Wir müssen wirklich die Kirche im Dorf lassen. Beispiel Leipzig - Wir haben hier keine Quote, aber es hat sich über Jahre durch die leistungsbezogene Aufnahmeprüfung ergeben, dass wir ein Drittel Studierender ostdeutscher Herkunft, ein Drittel westdeutscher Herkunft und ein Drittel Ausländer haben. Von diesen ausländischen Studenten stammt ein großer Teil aus der EU, die durch EU-Verträge weitestgehend die gleichen Rechte haben wie deutsche Studierende. Die "eigentlichen" Ausländer sind deutlich in der Minderheit, sind aber auch durchaus teilweise unsere Leistungsträger. Das ist eine unglaubliche Bereicherung für uns und auch für die deutschen Studierenden, wovon ganz viele in Zukunft im Ausland arbeiten werden."
Ehrlich betont die zahlreichen Kontakte untereinander, die für die spätere Karriere hilfreich sind. Der Rektor bekräftigt aber auch, dass künstlerische Berufe unsichere Beschäftigungsverhältnisse in sich bergen, der Leistungsdruck ist enorm. "Auch wenn es keine Beschäftigungsgarantie gibt, sind unsere Vermittlungsquoten gut. In der Theatersparte sogar um hundert Prozent in feste Beschäftigungsverhältnisse! Das wird aber eine Ausnahme bleiben, selbst wenn die Erfolge anderer Fachrichtungen sich durchaus sehen lassen können. Unsere Aufgabe ist es, unseren Studierenden das Handwerk und die Kunst bestmöglich zu vermitteln. Was derjenige daraus macht, muss seine Entscheidung bleiben."
Der gebürtige Brite ist aber auch davon überzeugt, dass ein Musiker oder Musikerin nicht gescheitert ist, wenn er oder sie einen anderen beruflichen Weg einschlägt - z. B. in die Politik geht, wie einst die Konzertpianistin Condoleeza Rice Außenministerin der Vereinigten Staaten wurde. So wie auch Konzertpianistin Agnes Krumwiede jetzt kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag ist, oder HMT-Alumnus Robert Clemen, ein heutiges CDU-Vorstandsmitglied im Sächsischen Landtag. "Das zeigt nur, dass ein Musikstudium kein Elfenbeinturm ist, sondern eine der besten Vorbereitungen auf das Leben. Wie das Leben für jeden Einzelnen kommt, bestimmt dann jeder selbst."
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