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Alle sind gleich, manche sind gleicher: Eine persönliche Betrachtung zu Christian Wulff und die merkwürdige Aussage Bettina Kudlas

Matthias Weidemann
Bettina Kudla.
Bettina Kudla.
Foto: Daniel Thalheim
Ich bin zwar freier Journalist und das schon seit einer geraumen Weile. Aber ansonsten ein ganz normaler Bürger, Hausbesitzer, Kreditnehmer und Steuerzahler. Und ich stelle mir gerade vor, wie ich forschen Schrittes an den Schalter meiner Hausbank spaziere und einen Kredit fordere zum atemberaubend günstigen Zinssatz von rund 1 Prozent.

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Bald danach finde ich mich in einem Krankenwagen, die Sirene heult. Angeschnallt und sediert komme ich wieder zu mir. Ein weiß bekittelter Arzt spricht beruhigend auf mich ein, meint, dass alles gut würde und dass ich an einen Ort gebracht werde, wo man mir unbegrenzten zinslosen Kredit gewähren würde. Ich solle mich also nur beruhigen und dann würde man mir schon helfen.

So würde es mir oder jedem anderen Normalbürger ergehen, sollte er es wagen, seiner Bank solches Anliegen zu offerieren. Und jeder geistig gesunde Freund würde wohl sagen: „Sag mal, ist dir noch zu helfen?“

Wohl, weil ihm nicht mehr zu helfen war, hat der stets gut geföhnte Bundespräsident Christian Wulff zum Hörer gegriffen, um ausgerechnet beim stets glatt gegelten Chefredakteur des Flaggschiffs der Yellow-Press anzurufen. Damit nicht genug. Er entblödete sich nicht, auch noch den Vorstandsvorsitzenden Döpfner anzurufen. Etwa, um ihnen unbedingt mitzuteilen, dass er einen supergünstigen Kredit bekommen hätte, wie er keinem Normalbürger niemals nicht gewährt worden wäre? - Nein, natürlich wollte er genau das Gegenteil erreichen, der Christian Wulff.

Leipziger Bundestagsabgeordnete de CDU: Bettina Kudla.
Leipziger Bundestagsabgeordnete de CDU: Bettina Kudla.
Foto: Daniel Thalheim

Aber das ist ja das Paradoxe bei solchen Versuchen, dass man dann immer genau das Gegenteil von dem erreicht, was man ursprünglich wollte. Da sitze ich als Journalist nun Tag für Tag am Telefon und hoffe, dass mir so was mal passieren würde. Dass der Leipziger OB anruft, dermaßen wettert und schimpft und mir auch noch wüste Drohungen auf dem Band des „AB“ als corpus delikti de luxe hinterlässt.

Erst einmal würde ich auf die Knie fallen und dem Herrn des Journalistenhimmels für so viel Gnade danken. Und dann würde ich schreiben, bis mir dir Finger qualmen, und mich dabei fragen, was diesen Mann wohl geritten haben mag, ausgerechnet da anzurufen, wo man das eigentlich partout nicht tun sollte.

Eine Frage, auf die die ehemalige Finanzbürgermeisterin Leipzigs und jetzige Bundestagsabgeordnete, Bettina Kudla (CDU), offenbar wohl nicht im Traum käme. Im Gegenteil, meint sie doch, dass die „vermeintlichen Vorwürfe“ gegen Bundespräsident Christian Wulff in der sogenannten "Kreditaffäre" konstruiert seien. Im Hinblick auf die vermeintlich fehlende Unterstützung von Bundespräsident Christian Wulff durch Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erklärt sie vollmundig: "Ich sehe im diskutierten Anruf keinen Angriff auf die Pressefreiheit.“

Dabei bemüht sie einen mehr als hinkenden Vergleich: „Bei Ex-Außenminister Joschka Fischer - Steinwerfer auf Polizisten - hätte man gesagt: 'Was für ein kantiger Charakter.'"

Dass gerade die besagte Boulevard-Zeitung gänzlich anderer Ansicht war und sich den schon längst ins gutsituierte Lager der Nadelbestreiften übergelaufenen Joschka damals ordentlich zur Brust genommen hatte, vergisst sie dabei geflissentlich oder aus Unwissen, wobei man nicht weiß, was schlimmer ist. Von „kantig“ war da nämlich nicht gerade die Rede, wurde Fischer doch eher in die chaotisch-kriminelle Szene boulevardisiert.

Aber lassen wir Frau Kudla weiter äußern: „Ein Mann wie Christian Wulff, der so lange in der Politik ist, kennt die leitenden Journalisten alle persönlich. Folglich ist es auch normal, dass man in einer solchen Situation den persönlichen Kontakt sucht. Ein Politiker kann auch mal in einer Stresssituation einen Wutanfall bekommen.“

Klar, das ist normal. Kaum fühle ich mich als Politiker ans Bein gepisst, kehre ich den Sarkozy raus und greife zum Hörer (Zitat fast frei erfunden): „Sie Schmierfink, wenn Sie Ihre Laufbahn nicht als Zeitungsausträger beenden wollen, lassen Sie solche Artikel gefälligst. Verstanden?“

Na, wenigstens Frau Kudla scheint das verstanden zu haben. Das zeigt auch folgender Satz von ihr: „Für mich gilt: Niemand darf aufgrund seines Amtes benachteiligt werden.“

Hier unterbrechen wir schon wieder und ergänzen logisch: „Allerdings darf auch niemand aufgrund seines Amtes bevorteilt werden.“

Bettina Kudla weiter: „Die vermeintlichen Vorwürfe, dass der Bundespräsident zu niedrige Zinsen gezahlt hätte, sind konstruiert. Für eine Bank ist ein Ministerpräsident oder der jetzige Bundespräsident als Kreditnehmer der sicherste Kreditnehmer überhaupt. Dies ist ein grundlegender Unterschied zu anderen Privatpersonen.“

Da haben wir es ja. Wie hieß es schon in George Orwells unvergleichlicher Parabel „Farm der Tiere“: „Alle (Tiere) sind gleich, aber manche sind gleicher.“ Da möchte man doch sagen, ja wenn der Mann der sicherste Kreditnehmer überhaupt ist, warum kann er dann nicht den marktüblichen Zins zahlen? Hätte er mal den Bild-Chef angerufen und ihn um einen zinslosen 500.000-Euro-Kredit gebeten. Der hätte das aus der Portokasse bezahlen können. Dafür wären als Zinsen nur ein paar pikante Details über die Präsidenten-Gattin fällig gewesen. Das Ding wäre garantiert wesentlich geräuscharmer abgelaufen. Wetten?

Aber das interessiert Frau Kudla nicht weiter. Sie meint, dass für weitere Details zum Bankdarlehen keine gesetzliche Veröffentlichungspflicht bestünde. Stimmt eigentlich - wenn eben alles mit rechten Dingen zugeht. Und dann greift sie zum Totschlagargument, nämlich zu Volkes Stimme. Na ja, nicht das ganze Volk, sondern das Volk in ihrem Wahlkreis, das ja nicht ganz unbeeinflusst ist, wenn es mit „ihrer“ Volksvertreterin spricht. Kudla: „Die Gespräche mit den Menschen in meinem Wahlkreis Leipzig bestätigen mir immer wieder: Die Menschen mögen und schätzen unseren Bundespräsident Christian Wulff.“

Mag sein, fragt sich nur, wie lange noch. Und, ich wage es kaum zu hoffen, vielleicht klingelt ja bald das Telefon und Frau Kudla meldet sich und findet viel zu aufsässig, was ich da nun wieder geschrieben habe.


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