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Leipziger Kulturdebatte: Skadi Jennicke kritisiert Stadtratsfraktionen

Daniel Thalheim
Foto: Daniel Thalheim
Was geht gerade vor sich? Leipzigs Kulturpolitiker fühlen sich vor dem Kopf gestoßen, weil Oberbürgermeister Burkhard Jung scheinbar plötzlich die Finanzmittel für Leipzigs "Hochkultur" steigern und an der Freien Szene sparen möchte. Skadi Jennicke, kulturpolitische Sprecherin der Leipziger Linksfraktion im Stadtrat, beleuchtet im L-IZ-Interview das Verhalten Burkhard Jungs und übt auch Kritik an einigen Stadtratsfraktionen.

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Warum ist es so schlimm, dass sich OB Jung vom "Actori"-Gutachten distanziert?

Tut er das? Er hat gesagt, dass er sich eine Zuschusserhöhung vorstellen kann. In welcher Höhe ist völlig offen. Ich finde eine moderate Zuschusserhöhung vertretbar. Man kann doch nicht auf der einen Seite die Nähe zu Gewerkschaften suchen und für höhere Löhne streiten und auf der anderen Seite den Beschäftigten diese Lohnsteigerungen verweigern bzw. sie mit Kündigungen und Strukturabbau kompensieren. Auch die Künstler in den Kulturbetrieben sind Beschäftigte mit einer am Tariflohn orientierten Gage.

Zurück zum Gutachten...

Es zeigt, dass unsere Theater sehr effektiv wirtschaften. Steigerungen sind im Centraltheater und in der Oper möglich. Ulf Schirmer als neuer Intendant der Oper geht das Problem der mangelnden Zuschauerakzeptanz offensiv an und hat erst gestern im Betriebsausschuss ein überzeugendes Maßnahmenpaket für Oper und Muko vorgestellt. Ähnlich offensiv und gleichzeitig mit Augenmaß muss das am Centraltheater geschehen. Möglich wird das aus meiner Sicht erst mit einem neuen Intendanten.

Wurde darüber nicht inter-fraktionär in den Ausschüssen diskutiert?

Die aufgeschreckten Reaktionen auf das Jung-Interview in der LVZ haben aus meiner Sicht unter anderem den Zweck, die eigene Unentschiedenheit zu übertönen. Das Actori-Gutachten liegt seit dem 1. November vor. Meine Fraktion hat sich umgehend damit auseinandergesetzt. Wir haben unsere Position deutlich gemacht: Eine Zusammenführung von Muko und Theater der Jungen Welt unter der Bedingung, dass das gesamte Muko-Ensemble abgewickelt wird, tragen wir nicht mit. Die Muko als Volkstheater – durchaus mit Unterhaltungswert auf hohem Niveau – am Standort Lindenau ist für eine lebendige Kulturlandschaft aus unserer Sicht unverzichtbar.

Skadi jennicke, kulturpolitische Sprecherin der Leipziger Linksfraktion im Stadtrat.
Skadi jennicke, kulturpolitische Sprecherin der Leipziger Linksfraktion im Stadtrat.
Foto: Daniel Thalheim

Was wäre aus ihrer Sicht sinnvoll?

Sinnvoller ist es, langfristig die Fusion von Oper und Gewandhaus zu planen. Die beiden Häuser sind durch das Gewandhausorchester ohnehin verbunden, die räumliche Nähe ist gegeben. Eine solche Fusion kann jährlich 1,3 Millionen Euro sparen, ohne dass künstlerische Einschnitte erforderlich wären. Das ist nicht zu verachten. Die im Gutachten ausgewiesenen 3,7 Millionen Euro Deckungslücke fallen ja nicht jährlich an, sondern summieren sich über drei Spielzeiten auf.

Gibt es weitere Ideen?

Zusätzliche Einnahmen im Kulturetat könnten durch die Einführung einer Kulturförderabgabe erzielt werden. Die Hoteliers laufen Sturm, der OBM führt rechtliche Bedenken ins Feld. Inzwischen leben aber so viele Städte mit einer solchen Abgabe, dass es keinen überzeugenden Grund gibt, in Leipzig darauf zu verzichten. Die Attraktivität unserer Stadt – auch für Geschäftsreisende wie Kongressteilnehmer etc. - resultiert maßgeblich aus ihrem Kulturangebot und der daraus erwachsenden lebendigen Atmosphäre von Tradition und Innovation.

Was ist mit dem Schauspiel Leipzig?

Darüber hinaus verbinde ich die anstehende Intendantensuche am Centraltheater mit der Chance für eine Strukturreform im Stadttheater. Hier gibt es seit langem eine Debatte im deutschsprachigen Raum. Die Funktion einschließlich Struktur und künstlerischer Organisation im Stadttheater ist erneuerungswürdig. Das ist kein Leipziger Problem. Wir könnten aber in Leipzig vorangehen. Diese Position haben wir uns in der Fraktion erarbeitet und sind bereit, dafür zu streiten. Doch mit wem? Die anderen Fraktionen warten jetzt auf den Vorschlag des OBM, um, kaum legt er sich an einer Stelle fest, dagegen anzugehen.

Ist Actori gar nicht so schlecht?

Das Actori-Gutachten birgt doch eine Chance: Im sachlichen Streit einen von der Bürgerschaft getragenen Konsens zu finden. In meinem Verständnis ist das die Verantwortung von Politik. Immer nur auf die anderen zu zeigen, ist wenig hilfreich.

Was ist eigentlich am ganzen Vorgang kritikwürdig?

Kritikwürdig ist, dass kaum eine Fraktion es wagt, sich festzulegen. Das macht die Orientierung für den Bürger schwierig. Aus meiner Sicht hat er jedoch ein Recht darauf. In einem Punkt stimme ich Herrn Leuze jedoch zu: Den Kulturetat zu erhöhen, geht nur, wenn die Verwaltung im gleichen Atemzug einen verlässlichen Plan vorlegt, wie man bis 2013 oder 2015 auf die 5 Prozent Förderung Freier Szene kommen kann und Klarheit darüber schafft, auf welcher Grundlage diese 5 Prozent errechnet werden. Auch hier hat der OBM – in ungewohntem Gleichklang mit Bürgermeister Faber – eine Ratsvorlage angekündigt, die im Konsens mit Politik und Freier Szene erarbeitet werden soll.

Vielen Dank für das Interview.


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