Die spinnen, die Briten oder: Warum es gut ist, dass Olympia 2012 nicht nach Leipzig gekommen ist
Matthias Weidemann
04.01.2012
Button der deutschen Bewerbung
Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Es ist das Jahr 2012. Wäre alles so gekommen, wie es sich ein gewisser Cello spielender Leipziger Oberbürgermeister vorgestellt hatte, wären jetzt die Großbaustellen City-Tunnel oder die Höfe am Brühl Sandkastenspiele gegen die Bautätigkeiten, wenn... ja, wenn die Olympischen Sommerspiele an die Pleiße gekommen wären.
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Aber wahrscheinlich wäre angesichts dieses Mega-Sport-Zirkus der Tunnel schon längst fertig. Daraus wurde bekanntermaßen nichts. Die Spiele gingen an eine andere Stadt, die auch mit „L“ anfängt und an einem etwas berühmteren Fluss, der Themse, liegt. Und wenn die Cello-Töne des Wolfgang Tiefensee bis in himmlische Gefilde aufgestiegen wären und dort Gehör gefunden hätten, dann würde sich Leipzig nun mit den gleichen Problemen konfrontiert sehen wie die Millionen-Metropole London.
Dort geschieht nämlich genau das, was mit einer fast unheimlich anmutenden Gesetzmäßigkeit bei so ziemlich allen Projekten dieser Art geschieht: Es wird wesentlich teurer als anfangs geplant. Das und noch einiges andere erregt den Unmut der Briten, wie es einem Artikel der Online-Ausgabe der „Zeit“ zu entnehmen ist. So halten die Londoner die Olympischen Spiele für reine Geldverschwendung.
So waren in der Bewerbung um die Spiele im Jahr 2005 2,4 Milliarden Pfund (etwa 2,9 Milliarden Euro) veranschlagt worden. Inzwischen soll der Etat laut „Zeit Online“ bei 9,3 Milliarden Euro liegen. Angesichts solcher Zahlen zucken wir doch ganz empfindlich zusammen, wenn man bedenkt, dass der Jahresetat von ganz Leipzig bei gerade einmal 1,3 Milliarden Euro liegt.
Mit "Spiele mit uns" gewann Leipzig den deutschen Olympia-Ausscheid. Mit "One Family" scheiterte 2004 die internationale Bewerbung.
Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Aber auch die an Superlative gewöhnten Londoner scheinen angesichts dieser Summen zusammenzuzucken. Laut einer Umfrage des Sunday Express halten 55 Prozent das Geld für „zum Fenster hinaus geworfen“. Lediglich 23 Prozent halten das für eine gute Investition und auf dem Rest der Insel sind es sogar noch weniger. Wo bleibt da der berühmte britische Sportsgeist, möchte man sich da fragen.
Aber die Engländer wären nicht die Engländer, wenn die ganze Sache nicht mit „Pomp and Circumstances“ angegangen würde. Dabei hatte man zu Anfang davon gesprochen „wirtschaftlich vernünftige“ Spiele austragen zu wollen. Was immer man darunter auch verstehen mag, die Tatsache, dass man zusätzliche 40 Millionen Pfund für eine noch gewaltigere Eröffnungsfeier bereit stellte, spricht nicht unbedingt dafür. So sollen laut „Zeit Online“ die Starregisseure Danny Boyle (Slum Dog Millionaire) und Stephen Daldry (Billy Elliot) einen Drei-Stunden-Superwerbespot für London und das Vereinigte Königreich planen. Das ist ja dann wohl kein „Spot“ mehr, was sinnbildlich eigentlich für „kurz und knapp“ steht.
Auch Paul McCartney soll angeblich auftreten. Vielleicht passenderweise mit dem alten Beatles-Hit „The Magical Mystery Tour“, was durchaus zu dem ganzen Budenzauber passen würde, der da im Sommer veranstaltet werden soll. Dazu gehören laut Informationen der „Zeit“ auch knapp 24.000 Sicherheitsbeamte, 7.000 davon Armeeangehörige. Dazu kommen der schon in Libyen zum Einsatz gekommene Royal Navy Helikopter-Träger HMS Ocean, der die Themsemündung bewachen soll (wohl gegen die Ruderachter gegnerischer Olympia-Nationen???) sowie das schnelle Einsatzgeschwader der Royal Air Force.
Hach, da läuft doch jedem alten Militaristen ein wohliger Schauer über den Rücken, angesichts solch martialischer Muskelspiele. Man stelle sich vor, die Bundesmarine hätte mit ihrer Flotte waffenstarrend auf der Pleiße patrouilliert unterstützt von Tornados der Luftwaffe, die passenderweise ums Völki hätten kreisen müssen. Welch eine völkerverbindende Kulisse, die dem pazifistischen Geist der Spiele sicher gerecht geworden wäre.
Ach so, fast vergessen, der Londoner Militär- und Sicherheitseinsatz wird mit schlappen 553 Millionen Pfund veranschlagt. Seien wir als Leipziger also ganz beruhigt, dass die Sommerspiele dorthin gekommen sind, wohin sie auch gehören. In eine manchmal größenwahnsinnige, immer hektische und irgendwie doch sympathische europäische Hauptstadt. Wie sagte Obelix schon: „Die spinnen, die Briten.“
Oder wie soll man sich sonst eines der Projekte des Olympiaparks erklären, den sogenannten „ArcelorMittal Orbit“. Eine monströse 110 Meter hohe Stahlkonstruktion, die aussieht wie ein Eiffelturm, der zu lange in der Sonne gestanden hat. 1.400 Tonnen Stahl für 19,1 Millionen Pfund, entworfen vom Turner-Preisträger Anish Kapoor. Der verschwurbelte Turm, ganz in Rot gehalten, soll den Londoner Osten optisch beherrschen und noch für Generationen ein Touristenmagnet werden.
Also spinnen die wirklich, die Briten, was selbst Londons OB Boris Johnson in der in London erscheinenden Online-Ausgabe des „Deccan Herald“ vom 4. Januar 2012 zugibt: „Wir sind verrückt, ja durchgeknallt, in den Tiefen einer Rezession das größte öffentliche britische Kunstwerk zu bauen. Aber der Olympiapark braucht etwas, das Neugier erregt und Staunen bei den Londonern und seinen Gästen auslöst.“ Das tut es in der Tat und gleichzeitig löst es auch Erleichterung darüber aus, dass uns das oder Ähnliches in Leipzig im wahrsten Sinne des Wortes erspart geblieben ist.
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