Highnoon für den Patriarchen: Markkleeberger Stadtrat beschließt Express-Vorhaben
Bernd Reiher
17.03.2009
Romantische Cospuden-Kulisse: Noch ohne Villen und Golfhotel.
Foto: Bernd Reiher
Es wird abgestimmt am Mittwoch, wenn der Markkleeberger Stadtrat zur nächsten Sitzung zusammenkommt. Thema werden keine Verkaufsgenehmigungen für südturkmenische Honigmelonen auf dem Wochenmarkt in der Rathausstraße sein. Nein, an diesem Tag werden Nägel mit Köpfen gemacht.
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Insgesamt wird an diesem Abend über 130 Millionen Euro entschieden, die in zwei Hotelprojekte im Neuseenland fließen könnten. Wenn der Stadtrat das will.
Das eine könnte am Markkleeberger See entstehen. Das andere im Zöbigker Winkel des Cospudener Sees. Gerade letzteres ist aber heftig umstritten. Nicht nur weil dabei Vorrangebiete für Landschaft und Erholung privatisiert werden würden. Auch weil scheinbar mit gezinkten Karten gespielt wird. Karl Valentin hat einmal gesagt: "Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative. Und: eine komische." So ist es auch in der Sache Golfhotel.
Markkleeberger protestieren gegen Strand-Privatisierung.
Foto: Bernd Reiher
Die positive zuerst: die Rekultivierung der Tagebaurestlöcher rund um Leipzig war bisher ein Erfolg. Cospuden ist das beste Beispiel dafür. Hier stand die Wiege des Leipziger Neuseenlandes. Keine zehn Jahre ist es her, dass noch kaum jemand ahnte, welche Erfolgsgeschichte einmal daraus wird. "Ostdeutsche Adria“ oder "Riviera des Ostens" – das sind zwei Begriffe, die mittlerweile kursieren, wenn von dieser Gegend die Rede ist. Wo Bagger einst Heimat von Tausenden fraßen, entstand der Beweis, dass ein Stück dieses Leides auch zurück gegeben werden kann. Nach Jahrzehnten des Raubbaus ist daraus nicht nur neue Heimat, sondern auch Erholungsort, Ausflugsziel und Identifikationsmerkmal für Hunderttausende geworden.
Dass der See vor allem den Markkleebergern ans Herz gewachsen ist, zeigt die Tatsache, welchen Widerstand gegen das Vorhaben sie in so kurzer Zeit auf die Beine stellten. Allein innerhalb von nur zwei Wochen kamen 3.000 Unterschriften zusammen. Monika Heinrich von der Bürgerinitiative dazu: "Hätten wir noch einmal zwei Wochen, hätten wir wahrscheinlich doppelt so viel." Vielleicht wird ja alles auch nur deswegen so schnell durchgepeitscht.
Die negative Seite: das Paradies ist bedroht. Es ist in den Fokus von Investoren gerückt. Dass das kommt, war abzusehen. Erst recht in Zeiten einer Krise, in der Investoren aus der ganzen Welt auf die davon relativ verschonte Bundesrepublik schielen. Fraglich ist deshalb, warum gerade beim Unister-Vorhaben von Stadtseiten soviel Druck gemacht wird. Wir erinnern uns: der Projektentwurf ist erst am 26. Januar fertig geworden. Schon am 18. März soll der Stadtrat darüber abstimmen, ob er das Vorhaben will oder nicht.
Dass binnen so kurzer Zeit über solch ein Megaprojekt entschieden wird, hat auch viel mit dem Engagement des OBM zu tun. Er ist ein bekennender Unterstützer des Projektes. Sein Hauptargument: Arbeitsplätze. Immer wieder werden sie als erstes genannt – auch weil es es sonst eher wenig Erstrebenswertes an diesem Vorhaben gibt.
Arbeitsplätzte sind bei Bürgermeistern sehr beliebt. Weil sie die Sozialkasse schonen und Gewerbesteuern bringen. In Markkleeberg haben sie aber scheinbar temporäre Betriebsblindheit ausgelöst. Alternativen werden gar nicht erst geprüft. Ein Bürgerentscheid steht überhaupt nicht zur Debatte. Stadträte sollen durchaus auch zu Einzelgesprächen einbestellt worden sein. Das scheint zu fruchten. Besonderes Phänomen bei ihnen: Diejenigen, die für das Golfhotel stimmen wollen, sind in diesen Tagen besonders schwer zu erreichen. Jene aber, die eigentlich dagegen sind, das aber aus fraktionstechnischen Gründen nicht dürfen, haben die Variante mit der Urlaubsmeldung gewählt. Deutliche Gegenstimmen gibt es bislang nur von Die Linke, den Grünen und vereinzelt aus der FDP.
Und: die komische Seite? Die ganze Angelegenheit, sie riecht. Das Tempo, die Zahlen, die Vorgehensweise, die Halbwahrheiten. Fragt man allein nach dem Projektentwickler, landet man schnell bei der Firma SFP in der Zöbigker Straße in Markkleeberg. Sie ist zwar von Unister beauftragt, hat aber am Cospudener See schon viel gebaut. Die Dünenhäuser am Ostufer gehören genauso dazu, wie das Zöbigker Schloss. Jetzt ist sie kurioserweise mit der Entwicklung des Golfresorts im Zöbigker Winkel beauftragt. Samt den Golfvillen, die angeblich dringend zur Finanzierung des Gesamtprojektes nötig sind. Sie sollen laut Unister sofort nach Fertigstellung verkauft werden. Als Interessent soll wiederum die SFP schon einmal den Finger gehoben haben. Sie bekäme damit, was vorher vielen verwehrt war: Teileliminierung des Vorranggebietes Natur und Erholung für Baugrundstücke am direkt Cospudener See.
Monika Heinrich.
Foto: Bernd Reiher
Komisch aber noch ein paar andere Details. Zum Beispiel das mit den 40 Millionen Euro Investitionssumme. Sie dürften nach Einschätzung von mehreren Seiten allein schon nach dem Kauf der Grundstücke verbraten sein. Andererseits hat Unister aber scheinbar noch nicht einmal dieses Geld. Will sich 30 bis 40 Prozent der Summe von der EU besorgen und ist laut Flurfunk selbst für den Rest noch auf der Suche nach Fremdkapital. Wie das ausgehen kann, zeigt sich derzeit am Leipziger Brühl. Hier wurde rasiert. Mittlerweile aber ist viel Platz für Müll, weil dem Investor der Geldgeber abgesprungen ist.
Auch die vermeintliche “Vermarktungsmacht“ von Unister kommt eher als ein künstliches Machwerk daher. 7 Millionen Besucher sollen es monatlich sein. Das ist schon für ein einziges Internet-Portal der größeren Sorte nicht viel. Bei den Internet-Fabrikanten aus dem Barfußgässchen verteilt sich aber sogar das auf gleich mehrere Websites. Gerade einmal 2 Millionen Besucher kommen für den größten Unister-Fisch ab-in-den-urlaub.de. zusammen. Das reicht sicher für dicke Backen á la HHL. Ob es aber genug ist, ein Luxus-Golfhotel am Cospudener See dauerhaft mit entsprechender Klientel zu beliefern, darf bezweifelt werden.
Wie sagte Monika Heinrich am Rande des letzten Treffens der BI: „Die Stadträte haben gut entschieden, wenn sie sich gegen dieses Projekt entschieden haben." Sie sollten den 4. März nicht vergessen, an dem in der Aula des Gymnasiums gesagt wurde, dass es dabei auch um eine Grundsatzentscheidung zum Tourismus in Markkleeberg geht. Solche Auswüchse aber wollen die Markkleeberger nicht. Das zumindest haben die letzten Wochen gezeigt. Die Stadträte sollten wissen, wen sie eigentlich vertreten.
Sitzung des Stadtrates: 18. März, 17:30 Uhr, Rathaus Markkleeberg, Großer Lindensaal
Aktionen der Bürgerinitiative “Stop Privatisierung Cospuden“
18. März, ab 16:30 Uhr, vor dem Rathaus
Interview mit Monika Heinrich von der BI “Stop Privatisierung Cospuden“
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