Länderfusion Mitteldeutschland (3): Die Angst vor dem Identitätsverlust
Robert Weigel
23.07.2010
Die Sachsen sind ein stolzes Völkchen. Sie parlieren in ihrer eigenen und manchmal von Außenstehenden als eigentümlich empfundenen Sprache und essen lieber sächsische als Thüringer Bratwürste. Dort, im Nachbarland, ist es genau umgekehrt. Und auch die Bewohner Sachsen-Anhalts identifizieren sich zunehmend mit ihrem Bundesland.
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Ginge eine Länderfusion in Mitteldeutschland mit einem Identitätsverlust einher?
Das Echo der Landtagsfraktionen ist da recht uneindeutig: Ja, sagen die meisten der angeschriebenen Politiker, wir sind stolz auf unser Bundesland, auf Sachsen, auf Thüringen. Die CDU in Sachsen-Anhalt ahnt in Person von Jürgen Scharf schon, dass es in den beiden Freistaaten gar keine Bestrebungen in Richtung Zusammenschluss geben werde. „Dies ist eine typische Sommerloch-Diskussion“, glaubt Scharf.
Fakt ist: Stabil über 80 Prozent der Sachsen freut sich über das schwarz-gelbe Wappen am eigenen Auto-Kennzeichen, fast die Hälfte der Einwohner Thüringens fühlt sich in erster Linie als Thüringer, nur knapp ein Drittel sieht sich zunächst als Deutscher. Europa rangiert da „unter ferner liefen“.
Thüringens CDU-Fraktionsvorstzender Mike Mohring hält an seinem Freistaat fest.
Foto: CDU Thüringen
„Sie sind stolz auf dieses Land und darauf, was in den letzten Jahren geschafft worden ist. Es wäre abenteuerlich, ihnen die Landesstaatlichkeit und damit eigene Gestaltungsspielräume zu nehmen“, schätzt der CDU-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Mike Mohring, die eigenen Bewohner ein. Eben jener Mike Mohring hatte Anfang des Jahres im rechtskonservativen Wochenblatt „Junge Freiheit“ mehr Nationalstolz von den Deutschen gefordert.
Aber wie viel Stolz verträgt eigentlich eine Föderalismusdebatte? Und wie viel Identität stiftet ein neues Bundesland Mitteldeutschland? Braucht es da überhaupt einen Ersatz?
„Zu jeder guten Ehe gehören Verzicht und Kompromiss“, heißt es aus der SPD-Fraktion im Thüringer Landtag. „Die Geschichte hat gezeigt, dass sich neue Identitäten – wie die der Rheinland-Pfälzer nach deren Länderfusion 1946 – bilden können, dass man aber ein Zugehörigkeitsgefühl nicht von oben aufdrücken kann.“
Sachsens CDU-Fraktionsvorsitzender Steffen Flath ist nicht bange vor einem Identitätsverlust.
Foto: CDU Sachsen
Auch Sachsens CDU-Fraktionsvorsitzender Steffen Flath fürchtet nicht um einen Identitätsmangel, ordnete man die Landkarte neu. „Vor allem die Kenntnis der Geschichte der eigenen Umgebung, das Wissen darüber, woher wir kommen und wie unsere Vorfahren gelebt haben, helfen uns, unsere Identität zu finden“, glaubt Flath. „Deshalb ist es aus meiner Sicht ganz wichtig, Heimatliebe zu wecken, um das Heute zu verstehen und zu schätzen.
Die junge Generation muss wissen, wo sie herkommt und wo sie hin möchte. Dabei ist es auch notwendig, z. B. Traditionen, Liedgut und Mundart wach zu halten und sie an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Zweifellos hat das auch mit dem Freistaat Sachsen zu tun – vielmehr jedoch mit der Familie und der Region, in der wir leben.“
Der parlamentarische Geschäftsführer der sächsischen Linksfraktion Klaus Tischendorf hat Verständnis für Identitätsängste.
Foto: Die Linke Sachsen
Klaus Tischendorf, parlamentarischer Geschäftsführer der Linken im sächsischen Landtag, versteht aber den Pessimismus der stolzen Bürger: „Die große Debatte um die Erkennbarkeit der Herkunft durch Autokennzeichen auch nach der Fusion zu Großkreisen zeigt, dass ein weit verbreitetes Unbehagen über den aufgezwungen Verlust von so etwas wie 'Heimat' existiert, das auch durch Gemeinde- und Kreisfusionen befördert wird, die angeblich Einspareffekte bringen sollten, ohne dass diese bisher von irgend jemandem belegt werden konnten. Solche Erfahrungen verstärken eher die Skepsis gegenüber den Versprechungen, die mit Blick auf Länderfusionen gemacht werden.“
Ein Blick über den mitteldeutschen Tellerrand zeigt aber auch, dass die Grenzen von Bundesländern oftmals nicht deckungsgleich mit denen von Identität und Heimat verlaufen. Der Franke mag es gar nicht, wenn man ihn einen Bayern nennt, obwohl er einer ist. Und der Westfale taucht zwar rein nominell im Titel seines Bundeslandes auf, hat aber mit dem Rheinländer und dem Ruhrpottler fast nichts gemein. Der Rheinländer selbst wiederum ist gleich in zwei Bundesländern präsent. Geht es um Wurzeln, verschwimmen Ländergrenzen – oder es entstehen welche, wo real keine existieren.
Und die eine Länderfusion, die in der Bundesrepublik bereits glückte (siehe Teil 2 unserer Serie), kann durchaus als Erfolgsmodell betrachtet werden: Baden und Württemberger kommen prima miteinander aus, obwohl vor allem erstere zunächst gar nix von einer Einigung hielten.
Heimat wird eben nicht nur durch konstruierte Verwaltungseinheiten bestimmt – auch wenn diese sich oftmals daran orientieren. Allein mit der Identitätsfrage lässt sich das Für und Wider einer Fusion sicher nicht beantworten. Genau so wenig, wie am Geld.
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