Geithain nach dem Anschlag aufs "Bollywood": Wie ein Häuflein Gewaltbereiter die Angst am Köcheln hält
Martin Schöler
31.05.2012
Das "Bollywood" in Geithain.
Foto: Martin Schöler
Mohammad Sayal (30) lässt sich seine Furcht nicht anmerken. Der Pakistaner eröffnete am 1. Januar in Geithain das "Bollywood". Auf der Speisekarte stehen indische und mexikanische Köstlichkeiten, außerdem die Dauerbrenner Pizza, Gyros und Schnitzel. Kaum eröffnet, landete der erste Stein in der Fensterscheibe. Fünf Mal schlugen Unbekannte zu. Der vorläufige Höhepunkt: In der Nacht zum 19. Mai warfen die Täter einen Sprengsatz in das Geschäft. Das Landeskriminalamt ermittelt.
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Alles deutet auf einen rechten Hintergrund hin. Anfang Mai stürmten zehn Männer, teils mit Sturmhauben vermummt, das Bistro und bedrohten einen Mitarbeiter. "Einige waren mit Messern bewaffnet", schildert Sayal die bedrohliche Situation. Vergangenen Donnerstag durfte der Pakistaner zu Beginn der Ratsversammlung sein Leid vortragen. Bürgermeisterin Romy Bauer hatte ihn eingeladen, an dieser prominenten Stelle zu den Geithainern zu sprechen.
Ihre Botschaft an Sayal: "Ich möchte als Ziel formulieren, dass Sie am Tage X, der nicht allzu weit entfernt sein wird, Ihre Pizzeria wieder eröffnen." Dann schwenkt sie um: "Das Leben von 6.000 Menschen kann sich nicht von einer Handvoll Krimineller in den Bann schlagen lassen." Die Christdemokratin betont, dass es für Geithain wichtigere Themen gebe, als rechte Gewalt.
Tatsächlich scheinen es nur rund 30 bis 40 Personen zu sein, die in Geithain seit einigen Jahren die Stimmung anheizen. Auf den ersten Blick nicht viele. Die kleine Stadt im Süden des Landkreises Leipzig hat rund 5.700 Einwohner. Doch augenscheinlich haben die modernen Neonazis von den Kameraden der 1920er und 1930er Jahre bestens gelernt, wie man mit einem Häuflein Gewaltbereiter eine friedliche Gesellschaft terrorisieren kann. Auch an diesem Donnerstag, 24. Mai, sorgen einige jugendliche Rechte für Präsenz. Sie haben ganz hinten im Saal Stellung bezogen.
Scheibe nach Anschlag notdürftig verklebt: "Bollywood" in Geithain.
Foto: Martin Schöler
Unter den Stadträten sitzt Manuel Tripp (23). Der Geithainer Jura-Student gilt für Beobachter als Kopf des "Freien Netz Leipziger Land". Unter seinen Anhängern befinden sich augenscheinlich auch verurteilte Gewalttäter. Seit 2008 sitzt Tripp - diesmal mit kurzer Hose, kariertem Hemd und gegeltem Seitenscheitel erschienen - für die NPD in der Ratsversammlung. Die Bürgermeisterin begrüßt ihn an diesem Donnerstag genau so herzlich wie die übrigen Abgeordneten.
415 Stimmen erhielt die NPD bei den Kommunalwahlen 2009, 26 mehr als die FDP. Es reichte für ein Mandat. Die anderen 17 Sitze entfielen auf CDU (6), UWG (5), Linke (4), WVWV (1) und FDP (1). Nicht nur in Geithain schafften die Rechten den Sprung in die Gemeindevertretung. Insgesamt 74 Mandate konnten sie damals in ganz Sachsen erringen.
Manual Tripp sorgt seitdem in der Region mit der Anmeldung von Aufmärschen immer wieder für Furore. Im Januar erst stattete ihm die Polizei einen Hausbesuch ab: Er soll am 30. September an einem illegalen Aufmarsch in Stolpen (Sächsische Schweiz) teilgenommen haben. Ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz.
Aufkleber an Laternenmasten machen die latente Bedrohung durch gewalttätige Neonazis sichtbar.
Foto: Martin Schöler
Deshalb sieht auch Romy Bauer die Präsenz des Mannes durchaus kritisch. In der "Freien Presse" verglich sie Tripp jüngst mit dem Rattenfänger von Hameln. Er würde die Geithainer Jugend für sich vereinnahmen. Seit einigen Jahren gelingt ihm in der strukturschwachen Region das Kunststück, Teenager aus gutbürgerlichem Elternhaus an sich zu binden. Aus Freunden werden Kameraden. Ihre Eltern - darunter Tischler, Altenpfleger und Bauunternehmer - bilden die Geithainer Mittelschicht. Als die Veranstalter des Festumzugs zum 825-jährigen Stadtjubiläum im vergangenen Sommer Helfer suchten, wurden sie ausgerechnet bei den Neonazis fündig. Auch das eine Strategie, mit der die Rechtsausleger nicht nur in Sachsen versuchen, sich im bürgerlichen Alltag zu etablieren.
Ein braves Deckmäntelchen für alles, was außerhalb der Öffentlichkeit passiert.
Denn rechte Gewalt ist in Geithain keineswegs von heute auf morgen vom Himmel gefallen. Ein kleiner Rückblick: Am 7. Mai 2010 griff Neonazi Albert R. (20) einen Punk (15) an. Eine Notoperation rettete seinem Opfer das Leben. Am 1. April 2011 attackierte derselbe Täter zusammen mit zwei Kameraden linke Jugendliche, die auf dem Marktplatz Bier tranken. Im April erst verurteilte das Landgericht Leipzig die Angreifer zu mehrjährigen Haftstrafen. Zwei Verurteilungen sind noch nicht rechtskräftig. Während R. knapp fünf Jahre in Haft verbringen wird, weilen seine Kumpanen derweil unter den 6.000 Geithainern. Einer der beiden hat beste Aussichten, dass es dabei bleibt. Die Kammer setzte seine Strafe zur Bewährung aus.
Viele Geithainer lösen das Problem auf ihre Art. "Es gibt verschiedene Ausdrucksformen von Positionierung", nimmt Romy Bauer ihre Bürger in Schutz. "Manche sind sichtbar, manche nicht. Ich stelle fest, dass manche sagen, die kalte Schulter zeigen, ist meine Haltung dazu." In Leipzig weiß man inzwischen, welch ein langer und mühsamer Prozess es ist, den rechten Umtrieben einen Riegel vorzuschieben. Ohne ein breites bürgerliches Engagement und das Organisieren von Protesten und Gegendemonstrationen gelingt es kaum, den aktionistischen Neonazis ihre Grenzen aufzuzeigen.
In Geithain, so scheint es, fühlen sich die fremdenfeindlichen Kameraden noch pudelwohl. Die Verwaltung unternahm bisher erst zaghafte Versuche, das Problem zu lösen. Dazu gehört die Ende 2010 verfügte Schließung des ehrenamtlich geführten Jugendclubs Syhra. Hier trafen sich Manuel Tripp und seine Freunde. Deren Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In einer beispiellosen Kampagne griffen sie auch die Bürgermeisterin an, schlugen ihr sogar die Autoscheiben zu Bruch. Mittlerweile haben die Kameraden eine neue Anlaufstelle im Stadtkern gefunden. Nur einen Katzensprung vom "Bollywood" entfernt.
Mohammed Sayal betreibt in der Region noch einen zweiten Imbiss. Ob er in Geithain einen Neuanfang wagen wird, weiß er noch nicht: "Die Angreifer haben gesagt, wir lassen euch nicht in Ruhe. Wenn wir euch wiedersehen, bringen wir euch um."
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