Sächsische Analyse der Bundestagswahlergebnisse: Liebesentzug für Macho-Politiker
Ralf Julke
28.10.2009
Bundestagswahl.
Nachdem die Stadt schon vor knapp zwei Wochen ihre Wahlanalyse zu den Bundestagswahlen am 27. September vorgelegt hat, hat jetzt das Statistische Landesamt auch die für den Freistaat veröffentlicht. Mancher Trend ähnelt sich durchaus.
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Für die Wahl am 27. September wurden für den Freistaat Sachsen aus insgesamt 3.737 Urnenwahlbezirken 174 ausgewählt. Damit ließ sich das Wahlverhalten von etwa 5,4 Prozent der Wahlberechtigten in 4,7 Prozent der Wahlbezirke auswerten. Darüber hinaus wurden 22 von insgesamt 555 Briefwahlvorständen, das entsprach einem Satz von 4,0 Prozent, berücksichtigt.
Die Wahlbeteiligung war bei den Männern mit 55,3 Prozent fast 2 Prozentpunkte höher als bei den Frauen, obwohl sie nur 48 Prozent der Wahlberechtigten umfassten. Ein Fakt, über den die sächsischen Statistiker nur kurz hinweggehen. Denn üblich ist eigentlich, dass Frauen fleißiger zur Wahl gehen. Gekoppelt mit der höheren Wahlbeteiligung bei den älteren Wählern über 60 Jahre bedeutete das in den vergangenen Jahren jeweils sehr stabile Wahlpolster für CDU, Linke und SPD, die bei den älteren Wählerinnen und Wählern auch diesmal ihre besten Ergebnisse erzielten.
Aber da alle drei Parteien auch die höchsten Verluste an Wählern in Richtung Nichtwählerschaft hatten, bedeutet das auch: Die herbe Niederlage, die die SPD wegstecken musste, resultiert zuallererst aus der Frustration des eigenen Wählerklientels und vor allem der älteren Frauen. Was dann mit dem Erscheinungsbild übereinstimmt, das diese Partei in den letzten Jahren bot: Ein zerstrittener Altherrenverein, der sich einen Spaß daraus macht, weibliches Führungspersonal zu schikanieren - exemplarisch vorgeführt mit Heide Simonis 2005 in Schleswig-Holstein und mit Andrea Ypsilanti 2008/2009 in Hessen. Jedesmal waren es machtversessene Herren, die vorzelebrierten, was sie von Frauen als Vorsitzende oder Ministerpräsidentin halten.
Dass so etwas auch den üblichen, so gern nebulös verklärten Wähler - oder wie in diesem Fall: die Wählerin - erreicht, scheint den Genossen mit ihren Macho-Attüden gar nicht aufgefallen zu sein.
Und es ist nicht nur die SPD, die dieses Problem hat. Sowohl Linke als auch CDU haben das Wegbleiben von bislang treuen Wählerinnen und Wählern in Sachsen nur kompensieren können, weil einstige SPD-WählerInnen in alle Farbenrichtungen geflüchtet sind - vorrangig zur Linkspartei und zur CDU, aber auch zu FDP und Grünen.
Generell lag die Bereitschaft zur Stimmabgabe bei beiden Geschlechtern 10 Prozentpunkte unter der von 2005. Besonders pflichtbewusst war bei der diesjährigen Wahl die Altersgruppe der 60- bis unter 70-Jährigen (Männer: 61,2 bzw. Frauen: 60,4 Prozent), stellt denn das Landesamt für Statistik auch fest. Aber mit Pflicht haben Wahlen in Deutschland eben nichts zu tun - dafür eine Menge mit Zuneigung oder Frustration. Und auch die so als "pflichtbewusst" deklarierten 60- bis 70-Jährigen lagen 2002 einmal auf Augenhöhe mit den 35- bis 60-Jährigen - allesamt mit Wahlbeteiligungen um die 70 % und mit einem überall höheren Frauenanteil.
Das kippte erstmals 2005: Da hatten die 40- bis 50-Jährigen die höchste Wahlbeteiligung - mit einem spürbar größeren Anteil auch bei den Männern. Aber auch bei diesen Jahrgängen war der Einbruch der Wählerbeteiligung 2009 heftig. Deutliches Zeichen nicht nur dafür, dass sie diese Bundestagswahl nicht allzu aufregend fanden - Zeichen eher für eine weit verbreitete Enttäuschung: Da haben einige Parteien nicht gehalten, was sie versprachen.
Davon profitierte diesmal die FDP.
Rund 53 Prozent der rund 3,5 Millionen Wahlberechtigten in Sachsen entfielen auf die Gruppe der über 50-Jährigen. Folglich nahmen sie mit einer Wahlbeteiligung von fast 56 Prozent eine tragende Rolle ein, so das Statistische Landesamt. Bei den jüngeren Altersgruppen (unter 30), die 17 Prozent der Wahlberechtigten stellten, gingen dagegen nur 47 Prozent in die Wahllokale. Bei den 30- bis 50-Jährigen (30 Prozent der Wahlberechtigten) nutzten 56 Prozent ihre Chance zur Wahlteilnahme.
Wahlergebnis 2009 hat viel mit Wählerinnen-Frust zu tun.
Foto: Ralf Julke
Frauen gaben zu gut 39 Prozent bevorzugt ihre Zweitstimme der CDU, Männer hingegen nur zu 32 Prozent. Für die Linke stimmten fast 26 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen. Die SPD erhielt von beiden Geschlechtern fast 15 Prozent der Stimmen. Deutliche Unterschiede im Stimmverhalten zeigten sich bei der NPD, die fast 6 Prozent der Männer, aber nur rund 2 Prozent der Frauen wählten. Bei der FDP und den Grünen lagen die Stimmdifferenzen zwischen beiden Geschlechtern bei 1,8 bzw. 0,9 Prozentpunkten.
Und was noch dazu kommt: FDP und Grüne haben besonders bei den jüngeren Wählergruppen gepunktet. Bei den 18- bis 35-Jährigen holte die FDP im Grunde jede fünfte Stimme, die Grünen kamen hier auf rund 12 Prozent. Während die FDP damit in diesen Altersgruppen präsenter ist als die Linkspartei, liegen die Grünen damit auf Augenhöhe mit der SPD. Wohlgemerkt: landesweit. Dieser Trend galt bislang nur für die Großstädte.
Doch je mehr Gewicht die Großstädte durch die Abwanderung aus dem ländlichen Raum bekommen, um so größer wird sichtlich auch das Gewicht von Bündnisgrünen und FDP. Ein Trend, der noch zusätzlich deformiert wird durch das starke Gewicht der NPD vor allem bei jungen Männern, die augenscheinlich bei dieser Hau-drauf-Partei so etwas wie Identifikationsmöglichkeiten finden. Möglicherweise genau das Gegenstück zum Macho-Spiel in den demokratischen Parteien: Wenn schon Macho, dann richtig. Zeichen dafür, dass möglicherweise die dargebotenen Rollenbilder in der Parteienlandschaft mittlerweile sehr simplifiziert sind und ein "Machertum" suggeriert wird, das "zupackt" und "Kurs hält", aber nicht wirklich Spielräume lässt für eher friedliche Tugenden - wie Solidarität, Toleranz, Bildung und - achja: Akzeptanz für menschliche Schwächen.
Logisch: Wenn man das nicht mehr findet bei seiner Partei und auch die Konkurrenz eher von Alphamännchen besetzt sieht, da bleibt man wohl wirklich lieber zu Hause am Wahltag. Wie es eben nicht nur der SPD am 27. September geschah. Aber das muss sich bei Einigen erst noch herumsprechen.
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