Demo gegen Neonazi-Treffen: JLO-Unterstützer planten in Leipziger NPD-Zentrum den Großaufmarsch in Dresden
Patrick Limbach & Michael Freitag
26.01.2010

Demo an der Odermannstraße
Foto: Patrick Limbach
Bereits am Sonntagnachmittag haben rund 120 Menschen spontan gegen ein Neonazi-Treffen im NPD-Zentrum in der Leipziger Odermannstraße demonstriert. Grund für die Zusammenkunft: die Vorbereitung des diesjährigen Großaufmarschs am 13. Februar in Dresden.
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Rund 7.000 Neonazis möchten dann den deutschen Opfern alliierter Luftangriffe am 13. Februar 1945 gedenken. Hinter dem für geschichtlich Unvorbereitete harmlos klingenden Vorhaben verbirgt sich eine Geschichtssicht, die sich mit der Faktenlage im Zweiten Weltkrieg und den Ergebnissen weitgehender Nachforschungen bis heute eher schlecht verträgt. Am 13. Februar 1945 begann ein verheerender Bombenangriff der Alliierten auf Dresden, welcher bis zu 25.000 Opfer in der sächsischen Landeshauptstadt forderte. In mehreren Wellen wurde die Stadt bis in den 14. Februar 1945 hinein bombardiert, dabei wurden 70 Prozent der Industrie, nahezu alle Elbbrücken und etwa ein Drittel der damals 222.000 Wohnungen im Stadtgebiet zerstört.
Das zumindest sagen die Zahlen aus den Unterlagen des "Dritten Reichs" und eine Historikerkommission, welche unter der Leitung von Rolf Dieter Müller (Wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt - MGFA) in den Jahren von 2005 bis 2008 die Opferzahlen abermals in der genannten Höhe bestätigte. Weitreichende Untersuchungen in Ämtern, alten Unterlagen, Datenabgleichungen zwischen den einzelnen Angaben führte zu dem Ergebnis, dass zwischen 18.000 bis 25.000 Einwohner und Flüchtlinge bei den Bombenangriffen in Dresden ums Leben kamen.

Demonstration gegen Nazis am 24. Januar 2010 an der Leipziger Odermannstraße
Foto: Patrick Limbach
In guter Tradition wird in der neonazistischen Szene eben diese Zahl bestritten und deutlich nach oben gerechnet, während man in der Szene umgekehrt nach wie vor die Opferzahlen in den Konzentrationslagern der Deutschen klein redet. Diese beständigen Revisions- und Verklärungsversuche zur deutschen Geschichte im Zweiten Weltkrieg seitens meist junger Männer von heute, steht dabei in einer langen Tradition, welche schon bei Joseph Goebbels begann. In seiner Rolle als Chef der deutschen Propaganda nutzte auch er Dresdens Bombardierung, um die deutsche Kriegsschuld zu relativieren und gegen Ende des Krieges immer stärker eine Opferrolle der Deutschen zu konstruieren.
In ähnlicher Manier soll dies abermals auch am 13. Februar 2010 in Dresden geschehen, wenn sich bis zu 7.000 rechte Kameraden aus Deutschland und Europa einfinden wollen. Angreifer werden hier zu Opfern und ein zu Beginn weitgehend von Krieg und Expansion begeistertes deutsches Volk zur gebeutelten Nation erklärt. Käme sogar hin, nähme man an, Adolf Hitler wäre damals allein mit Sturmgewehr, Klappspaten und Tornister in Polen eingefallen. Eigentlich ein amüsantes Bild, wie der ehemalige Meldeläufer des 1. Weltkrieges im Jahre 1939 alleine über die deutsch-polnische Grenze stürmt, wären da nicht die unzähligen Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind.
In Vorbereitung ihrer Demonstration am 13. Februar 2010 trafen sich am Sonntag, ab zirka 12 Uhr, etwa 20 Freunde der anderen Geschichtsschreibung im "Nationalen Zentrum" an der Leipziger Odermannstraße. Neben Mitgliedern der NPD fanden sich im NPD-Zentrum Anhänger der "Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland" (JLO), der "Freien Kräfte" sowie der NPD-Nachwuchsorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) ein. Der sächsische JN-Vorsitzende Tommy Naumann war ebenso zugegen, wie Marcus Großmann, der vor seiner Tätigkeit für die sächsische NPD bei der völkisch-nationalen Ordnungsdienstorganisation "Selbstschutz Deutschland" aktiv gewesen ist, welche aus der Organisation "Selbstschutz Sachsen-Anhalt", kurz "SS-SA", hervorging. Abkürzungen sagen hier wohl mehr als tausend Erklärungen.

Demonstration gegen den Aufmarsch am 13. Februar in Dresden und die zurückliegenden Razzien der Polizei
Foto: Patrick Limbach
Gegen halb drei begannen die etwa 120 Demonstranten ihren Protestzug gegen die Vorbereitungen hinter dem Blechzaun. Die Teilnehmer skandierten lautstarke Anti-Nazi-Parolen. Ein Transparent mit der Aufschrift "Antifa statt Verbote" nahm direkten Bezug auf die Razzia am vergangenen Dienstag gegen das zivilgesellschaftliche Blockade-Bündnis "Dresden Nazifrei!". Sebastian Olotup, der die Leipziger Proteste gegen den braunen Großaufmarsch koordiniert, kritisierte nochmals die Durchsuchungen: "Wir sehen das Problem nicht im Aufruf zu Blockaden einer NS-Demo, sondern in diesem Aufmarsch selbst, der davon ausgehenden Verbreitung menschenverachtender Einstellungen und Verdrehung historischer Fakten."
Gegen 15.20 Uhr erreichten ihre Teilnehmer die Odermannstraße/Ecke Lützner Straße. Näher als ca. 150 Meter sollten sie nach dem Willen von Polizei und Ordnungsamt nicht an das NPD-Zentrum herankommen. Die Odermannstraße war beidseitig für den Verkehr abgeriegelt. Vor dem Bürgerbüro des NPD-Abgeordeneten Winfried Petzold versammelten sich eine Handvoll Neonazis, um das Treiben an der Kreuzung zu beobachten. Mit so viel öffentlicher Aufmerksamkeit hatten sie offenbar nicht gerechnet. Der mutmaßliche Gastgeber Tommy Naumann begann sichtlich aufgeregt mit seinem Handy zu telefonieren. Die Präsenz der Gegendemonstranten sorgte aber auch bei der Polizei für Verwirrung. Die Beamten konnten zeitweise verspätete Neonazis und Gegendemonstranten nicht auseinanderhalten und ließen die NPD-Anhänger erst nach einer Personalienkontrolle hinter die Absperrung.
Die Demonstration nahm insgesamt einen friedlichen Verlauf, die Vorbereitungssitzung der Neonazis in der Odermannstraße auch. Bis auf ein unschönes Ende, was Polizei und Medien wieder ungern berichteten: Als nach Auflösung der Gegendemonstration gegen 16.00 Uhr eine größere Menschenmenge von der Lützner Straße aus versuchte, den Lindenauer Markt zu erreichen, setzten Polizeibeamte gegen die Gruppe Pfefferspray ein. Mehrere Personen wurden leicht verletzt.
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