Studie der Universität Leipzig bestätigt: Parteienpräferenzen haben mit der eigenen Lebenslage zu tun
Ralf Julke
09.07.2010
Lebenslage beeinflusst Wahlverhalten.
Foto: Ralf Julke
Welcher Partei er seine Stimme schenkt, hängt beim deutschen Wahlberechtigten maßgeblich ab von Einkommen, Bildung, Region, Alter, Geschlecht, Konfession und Arbeitsplatzsicherheit, stellt die Uni Leipzig fest. Eine neue Studie zeigt, dass Parteien durchaus Vertreter gesellschaftlicher Gruppen sind.
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Und eigentlich auch, dass die derzeit in Deutschland beobachteten Verschiebungen im Wählerverhalten durchaus langfristig passieren und sich die Wähler - bei allem Wahlklamauk und kurzfristigen Feuerwerken in der Zustimmung - bestimmten Parteien grundsätzlich zugeneigt fühlen. Dumm nur, wenn die dann Politik gegen ihre eigenen Wähler machen, wie das die SPD in der Regierung Schröder getan hat - sie verschreckt sie nicht nur kurzfristig, sondern sorgt durch eine kurzsichtige Politik für eine gründliche Verschiebung der Wählerschaft - und das ist augenscheinlich nicht so schnell wieder gut zu machen, wie es mit "Basta!" angerichtet wurde.
Aktuelle Daten dazu lieferte eine soeben ausgewertete Studie der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, die Parteienpräferenzen nach soziodemografischen Merkmalen aufschlüsselt.
Die Studie ist Bestandteil einer mehrere Themenkomplexe umfassenden Befragung von 1.923 Wahlberechtigten in West- und 505 in Ostdeutschland. Die in den Monaten April und Mai 2010 durch das Meinungsforschungsinstitut USUMA (Berlin) in Auftrag der Universität Leipzig durchgeführte Datenerhebung fand im Rahmen von Face-to-Face-Gesprächen statt.
"Der wissenschaftliche Hintergrund war vor allem, die Tauglichkeit von Befragungsmethoden zu testen", so der Leiter des Projektteams, Prof. Dr. Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. "Aber natürlich interessieren uns - und die Parteien - auch die Antworten auf die Fragestellungen."
Eigentliche Botschaft: Nicht die Wähler werden untreu, sondern die Politiker.
Foto: Ralf Julke
Nun fasst der Spruch "Sag mir wie du lebst - und ich sag Dir, wen du wählst" zwar zu kurz, dennoch lassen die Studienergebnisse belastbare Aussagen zu. Signifikant ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Parteienpräferenz: Unter den FDP-Anhängern verfügen 46,2 % über ein Haushalts-Einkommen über 2.500 Euro. Auch unter den Anhängern der Grünen gibt es viele Gutbetuchte, während unter den Anhängern der Rechtsparteien nur wenige Personen mit einem Haushalts-Einkommen über 2.500 Euro sind.
Fast 29 % der Anhänger der rechten Parteien haben ein monatliches Haushaltseinkommen unter 1.000 Euro. Bei den Anhängern der Linken und den Nichtwählern sind es immerhin 15 %. Nur 5 % der FDP-Anhänger verdienen weniger als 1.000 Euro im Monat. Was dann Folgen hat, wenn man ausgerechnet Politik gegen die Geringverdiener macht, wie das seit Herbst 2009 der Fall ist.
Ähnlich ins Auge fallen die Auswirkungen des Bildungsniveaus: Fast 25 % der Grünen- und FDP-Anhänger haben Abitur. Bei den Linken ist es noch jeder Fünfte. Bei den "Volksparteien" CDU/CSU und SPD sind es 14 % bzw. 11 %. Am Ende liegen die Anhänger rechter Parteien und die Nichtwähler.
Was zumindest ein Achtungszeichen setzt. Denn die so oft beschworene "Wahlmüdigkeit" könnte in dieser Interpretation auch eine Wahlüberforderung sein: Die etablierten Parteien können ihre Botschaften den nicht so gut gebildeten Wählerschichten schlechter vermitteln.
Auch der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Sorge um ihn prägen die Sympathie für Parteien: Unter den Anhängern der rechten Parteien, der Linken und den Nichtwählern sind viele Arbeitslose. Bei den FDP-Anhängern finden sich mit 1,4 Prozent fast überhaupt keine Arbeitslosen mehr.
Unter den Sympathisanten der rechten Parteien, der Linken und der Grünen ist auch die Sorge um den Arbeitsplatz relativ hoch verbreitet, unter den Anhängern von CDU/CSU und SPD eher weniger.
Unter den Anhängern der CDU/CSU und der SPD dominieren die Älteren. Die der Grünen sind im Schnitt fast 20 Jahre jünger (37,2 Jahre). Die Anhänger der rechten Parteien sind im Wesentlichen Männer. Bei den Nichtwählern und den Grünen dominieren Frauen.
Unter den Anhängern der Linken und der rechtsextremen Parteien sind überproportional viele Ostdeutsche. SPD, Grüne und FDP finden ihre Anhängerschaft vorrangig im Westen. Allein die CDU/CSU (20,7 Prozent der Wähler sind Ostdeutsche) findet ihre Wähler in Ost und West etwa gleichermaßen. Aber wie man sieht auf einem Niveau, das mittlerweile im Bereich von SPD, Grünen und im Osten der Linkspartei liegt.
Insofern deutet sich mit der Befragung eine weitere Verschiebung in der Parteienlandschaft an. Auch die CDU bzw. CSU werden weiter an Kernwählerschaft verlieren. Die Zeit der großen Zweier-Koalitionen ist vorbei. Immer öfter werden Dreierbündnisse in verschiedenen Farbkonstellationen notwendig werden.
Pech hat da, wer von seinem Programm her mit dem Großteil der politischen Konkurrenz nicht koalieren kann.
Vergleichsweise viele Konfessionslose gibt es unter den Anhängern der rechten Parteien (53,6 %), der Linken (47,4 %) und unter den Nichtwählern (36,1 %). Bei den SPD-Anhängern finden sich sehr viele Protestanten, bei CDU/CSU sehr viele Katholiken. Aber auch unter den linken Wählern umfasst der Anteil der Katholiken 22,4 Prozent.
Ähnliche Studien liefen an der Universität Leipzig auch schon in den vergangenen Jahren, so dass es möglich ist, fundierte Aussagen zu Trends zu treffen. "Ins Auge fällt die gegenüber dem Vorjahr etwas geringere Sorge um den Arbeitsplatz quer durch alle politischen Ansichten. Die deutlichsten Verschiebungen in ihrer Anhängerschaft verzeichnet die FDP. Formal gesehen gingen bei ihren Wählern die Sorge um den Arbeitsplatz beziehungsweise die Arbeitslosigkeit am deutlichsten zurück und sank der Anteil der Haushalte mit geringem Einkommen. Dies muss allerdings nicht ausschließlich auf einer Verbesserung der Lebensumstände der entsprechenden Menschen beruhen. Es kann auch daraus resultieren, dass sich diese Teile der FDP-Wähler von anderen Parteien besser vertreten fühlen", sagt Elmar Brähler. Im Klartext: Was die FDP 2009 mit einer Menge Rhetorik an Wählerschaft dazugewonnen hat, hat innerlich längst bei anderen politischen Parteien angedockt.
Auch in den kommenden Jahren werden in die Studien der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig Fragestellungen zu Parteienpräferenzen nach soziodemografischen Merkmalen eingebunden sein, teilt die Uni Leipzig mit.
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