Neue Leipziger Studie zu Parteien und ihren Anhängern: Demokratie braucht Bildung!
Ralf Julke
07.12.2011
Wählerverhalten hängt von Bildung, Alter und Einkommen ab.
Foto: Ralf Julke
Ist zwar kein großes Wahljahr. Aber das freut natürlich Forscher. Da haben sie mal etwas Luft, das Verhältnis von Parteien und Wählern wieder etwas genauer zu untersuchen. Was Prof. Elmar Brähler von der Uni Leipzig und sein Kollege Prof. Johannes Kruse vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg jetzt in der Studie „Die Parteien und ihre Anhänger“ wieder taten. Mit beinah erwarteten Ergebnissen.
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Im Sommer 2011 wurden dafür rund 2.300 Ost- und Westdeutsche im Alter zwischen 18 und 97 Jahren im Auftrag der Universitäten Gießen und Leipzig zu sozial- und medizinpsychologischen Fragestellungen befragt. Auch die Wahlabsichten bei der Bundestagswahl wurden einbezogen.
Wie setzt sich die Wählerschaft der politischen Parteien zusammen? Welche Partei spricht eher Frauen an, welche eher Arbeitslose, auf wen setzen ältere Wähler? Mit den Umfrageergebnissen lassen sich Zusammenhänge von Parteienpräferenzen mit verschiedenen soziodemographischen Daten wie Haushaltseinkommen, Arbeitslosigkeit, Geschlecht oder Bildungsstand darstellen. Dadurch wurde es möglich, Aussagen über die Zusammensetzung der Wählerschaft der Parteien zu treffen.
Dabei kam heraus, dass nicht nur bestehende Arbeitslosigkeit die Wähler der extremen Rechten zutreibt, sondern bereits die Sorge um den Arbeitsplatz zu Sympathien für die Rechtsextremisten führt. Immerhin geben 20 Prozent der Rechten-Wähler an, arbeitslos zu sein, bei der Linken sind es 16,1 Prozent, bei CDU/CSU im Vergleich nur 3,8. Aber auch bei den Anhängern der Linken finden sich der Studie nach vergleichsweise viele mit der Sorge um den Arbeitsplatz, während Wähler der CDU/CSU und SPD am wenigsten Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben.
Dies mag mit dem Bildungsstand zusammenhängen, vermuten die beiden Forscher. Mehr als ein Drittel der Wähler von Bündnis 90/die Grünen haben Abitur (31,5 %), bei den Wählern von NPD, DVU und Republikanern sind es dagegen nur 10 %. Nur bei den Nichtwählern haben mit 7 % noch weniger Personen den höchsten in Deutschland möglichen Schulabschluss.
Was möglicherweise auch heißen kann: Demokratie ist eine Herausforderung an den Grips des Menschen. Wer eher schlecht gebildet ist, fühlt sich von den geistigen Anforderungen einer komplexen Demokratie möglicherweise überfordert und bevorzugt dann die scheinbar einfacheren Lösungen - gar nicht zur Wahl zu gehen - wie die Nichtwähler - oder eher undemokratische Lösungen - wie die Wähler der NPD.
Zur Korrektur und Vervollständigung des Bildes freilich auch mal die Abiturienten-Anteile bei SPD und CDU/CSU: 14,9 und 14,2 Prozent. Das ist eher der normale Schnitt, so wie er sich auch im bundesdeutschen Querschnitt der vergangenen Jahrzehnte darstellt. Abiturientenquoten von über 30 Prozent wurden erst in der jüngeren Vergangenheit erreicht, was im Fall Grüne und FDP auch bedeuten kann, dass man es hier mit einer deutlich jüngeren Wählerschaft zu tun hat.
Wählerverhalten hängt von Bildung, Alter und Einkommen ab.
Foto: Ralf Julke
Was durch den Altersdurchschnitt der befragten Wähler bestätigt wird. Während Wähler von CDU/CSU im Schnitt 56,1 Jahre alt sind und auch Linke-Wähler (51,8) und SPD-Wähler (52,4) deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegen, liegen die FDP mit 44,8 und die Grünen mit 41,1 Jahren deutlich darunter. Wahrscheinlich würden auch die Piraten noch drunter liegen, aber die wurden mit dieser Studie noch nicht erfasst.
Und auch wenn man die NPD und ihre Unterstützer meist mit jungen, perspektivlosen und gewalttätigen Männern in Verbindung bringt, ist die eigentliche Wählerschaft von NPD & Co. auch nicht wirklich die jüngste mit einem Altersdurchschnitt von 50,4 Prozent. Die meisten davon: Männer. 80 Prozent der Anhänger rechtsextremer Parteien sind Männer.
Bündnis 90/die Grünen ist dagegen eine eher weibliche Partei: Sie wird mit 63,5 % von Frauen bevorzugt. Jüngeren Frauen eben, während ältere Frauen eher CDU/CSU wählen.
Auch die Nichtwähler sind mehrheitlich Frauen (57,8 %). Am ausgeglichensten ist das Geschlechterverhältnis bei Anhängern der SPD (49,4 % Männer, 50,2 % Frauen).
Und da so manche Entscheidung dafür oder dagegen mit dem lieben Geld zu tun hat, haben die Forscher auch nach dem Verhältnis von Einkommen und Wahlpräferenz gefragt.
Wie die Studie ergab, gelten FDP und Bündnis 90/Die Grünen zu Recht als die Parteien der so genannten "Besserverdienenden“. Ihre Wähler haben zu 41,1 % (FDP) bzw. 37,0 % (Bündnis 90/die Grünen) ein Haushaltseinkommen von mehr als 2.500 Euro. Im Gegensatz dazu haben die rechtsextremen Parteien am meisten Zulauf von finanzschwachen Haushalten: nur 20 % der Wähler der NPD, Republikaner oder DVU verfügen über ein Haushaltseinkommen von mehr als 2.500 Euro.
Und noch eine pfiffige Zahl spuckt die Studie aus: Die wichtigsten Bundestagswahlentscheidungen fallen alle im Westen der Republik. Hier holen die meisten Parteien über 80 Prozent ihrer Wählerstimmen. Die FDP sogar 88,7 Prozent, die Grünen 86,4 und die SPD 86,1 Prozent.
Die einzige Partei, die im Osten ein paar Stimmen mehr holt als im Westen, ist die Linke mit 50,4 zu 49,6 Prozent. Andererseits trägt der Osten mit 26,6 Prozent auch überdurchschnittlich zu den Nichtwählern bei. Und die CDU profitiert überdurchschnittlich stark bei Wählerstimmen aus dem Osten - 23,5 Prozent. Selbst die rechtsextremen Parteien können hier nur 20 Prozent ihrer Wähler abholen, was zwar auch überdurchschnittlich ist und auch die Präsenz der Rechtsextremen in zwei ostdeutschen Parlamenten begründet. Aber das Zahlenverhältnis zeigt auch, dass es zu einer "Braunmalerei" des Ostens keinen Grund gibt.
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