Das Bezirksklassespiel SV Mügeln-Ablaß gegen Roter Stern Leipzig `99 wurde am Samstag, 24. April, durch den Schiedsrichter in der 80. Spielminute abgebrochen. Es kam zu erheblichen Störungen und Gewaltanwendung, teilt das sächsische Innenministerium mit und zeigt sich alarmiert.
"Schon vor Beginn des Spieles wurde deutlich, dass es vielen der sogenannten Fans nicht um den Fußball ging, sondern um gewaltsame Auseinandersetzung", heißt es in der Mitteilung des Ministeriums. Das kann man nur in Gänsefüßchen zitieren, denn es ist weder objektiv noch verantwortlich. Es ist diffamierend. Eine Aussage wie die von den "vielen der sogenannten Fans" muss belegt sein, sonst hat sie in einer solchen Meldung nichts zu suchen.
Selbst der Rote Stern Leipzig berichtet nur von etwa 50 gewaltbereiten Anhängern auf Mügelnscher Seite, die wahrscheinlich dem rechten Spektrum zuzurechnen sind. "So kam es zu verschiedenen Übergriffen", behauptet das Ministerium weiter. "Nach einer Unterbrechung wurde das Spiel in der 80. Spielminute durch den Schiedsrichter abgepfiffen. Der Grund waren rassistische Gesänge aus dem Bereich der Mügelner Fans."
Das zumindest stimmt zur Hälfte, auch wenn man die Sänger der Hassparolen vielleicht gar nicht in Mügeln verorten kann. Denn es ist auch im ländlichen Raum um Leipzig oft genug dieselbe Szenerie, die nicht ganz zufällig bei bestimmten Fußballspielen aufkreuzt und auf ihre Art und Weise Propaganda macht.
Bereits Mitte der ersten Halbzeit wurde das Spiel längere Zeit unterbrochen. Schon da kam es zu einem Polizeieinsatz, der auch den Fan-Block des "Roten Stern" betraf. Als "unverhältnismäß" schätzt der Verein diesen Polizeieinsatz ein, bei dem mehrere Personen auf das Spielfeld flüchteten. Es gab fünf Verletze und gegen mehrere Polizeibeamte habe der "Rote Stern" Anzeige erstattet. Anlass war augenscheinlich der unbeholfene Versuch der Polizei, die Personalien eines RSL-Anhängers aufzunehmen, der einen Hitler-Gruß auf der gegnerischen Fan-Seite angezeigt hatte.
Die Polizei scheint hier ganz ähnlich ratlos gewesen zu sein wie bei den Ereignissen beim Spiel in Brandis, die mittlerweile zu mehreren Verhandlungen gegen namhaft gewordene Gewalttäter vor Gericht mündeten.
Dem Spielabbruch in Mügeln in der 80. Minute gingen seit Spielbeginn mehrere antisemitische und menschenverachtende Rufe aus dem Mügelner Fan-Block voraus, die auch die Verantwortlichen des SV Mügeln-Ablaß nicht so recht ernst nehmen wollten. Selbst der Stadionsprecher soll über die Lautsprecheranlage noch verkündet haben, der Rote Stern hätte feige gehandelt. Immerhin hatte Mügeln mit 2 : 0 in Führung gelegen. Darauf angesprochen, soll er erklärt haben, man müsse über so etwas hinweg schauen. Oliver Kahn wäre schließlich auch mit Bananen beworfen worden und hätte darüber nur gelacht.
So berichten es die Verantwortlichen des "Roten Stern", die auch einen Teil der diversen Parolen festgehalten haben, die gerufen wurden. Wenn so eine Parolen-Kulisse von Beginn des Spiels an herrschte, ist sogar recht unverständlich, dass der Schiedsrichter nach der ersten Spielunterbrechung überhaupt hat weiterspielen lassen. Natürlich hatte das, was da auf den Rängen geschah, mit Fußball gar nichts mehr zu tun.
Nur dass die Stellungnahme des sächsischen Innenministers Markus Ulbig nach den Bezirksliga-Erfahrungen des sich selbst als antifaschistisch bezeichnenden "Roten Stern" recht eigentümlich wirkt.
"Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun", erklärte Ulbig am Sonntag. Und bedient einen alten Reflex, indem er einfach dekretierte: "Die verbalen und gewaltsamen Auseinandersetzungen rund um das Spiel zeigen, dass der Fußball von rechten und linken gewaltbereiten Extremisten benutzt wird."
Ohne dass bislang amtliche Aussagen vorliegen, dass von "linker" Seite entsprechende Parolen gerufen oder Gewaltaktionen ausgelöst wurden, betont er. "Die Ereignisse in Mügeln haben gezeigt, dass wir zusammen mit den Vereinen auch über neue Maßnahmen zu mehr Sicherheit bei Risikospielen reden müssen.“
Was letztlich auch das ministerielle Eingeständnis ist, dass man auch in Mügeln wieder nicht entsprechend vorgesorgt hat. Denn mittlerweile müsste sowohl die westsächsische Polizei als auch ihr Dienstherr in Dresden wissen, dass der "Rote Stern" zur Zielscheibe einer sehr wohl bekannten gewaltbereiten Fan-Szene geworden ist.
Klaus Reichenbach, Präsident des sächsischen Fußballverbandes, sagt es nicht ganz so platt wie der sächsische Innenminister: „Das sind Kräfte, für die der Fußball nur als Bühne dient. Hier müssen alle relevanten gesellschaftlichen Kräfte zusammenstehen und solchen Entwicklungen klar die Stirn bieten. Von den Vereinen erwarte ich eine klare Distanzierung von jeder Art Gewalt und Hassparolen.“
Ulla Fröbisch vom RSL berichtet im MDR, die Polizei sei zwar bei den antisemitischen Gesängen nicht eingeschritten, habe aber alles gefilmt. Die Beamten hätten gesagt, die Aufnahmen würden später ausgewertet. Und wenn die Faktenlage nicht trügt, werden auch nach diesem Spiel wieder ein paar bekannte Gesichter vor dem Kadi stehen. Und alles war reiner Zufall, man habe sich irgendwie zu diesem Fußballspiel verirrt. Und gerufen hätte man wohl auch nur, weil die anderen angefangen hätten.
Erklärung des Sportclubs SV Mügeln Ablaß zum "Spielverlauf"
Die Berichterstattung des MDR nach dem Spiel
"Der Spielabbruch bei Sport im Osten" Das Sportmagazin des MDR berichtet heute, am Sonntag dem 25. April 2010, ab 16:30 Uhr von den Vorkommnissen in Mügeln.