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Leipziger Fußball-Frauen (3): Carry Brostewitz - Frauenfußball in der DDR, Bezirksliga, Baumwolle, Bändeleien

Marko Hofmann
Schon mit 14 Jahren spielte Carry Brostewitz mit Rotation Ost in der DDR-Bezirksliga.
Schon mit 14 Jahren spielte Carry Brostewitz mit Rotation Ost in der DDR-Bezirksliga.
Foto: Post SV Leipzig
Frauenfußball in der DDR? Ja, gab es - auch in Leipzig. Vereine wie Chemie Leipzig oder Rotation Ost hatten schon lange vor der heutigen Entwicklung auf Frauenfußball gesetzt. Damals mittendrin: Carry Brostewitz, die sich noch lebhaft an Baumwoll-Trikots, sehr kurze Hosen und an den heftigen Widerstand ihrer Mutter gegen den „Jungssport“ erinnern kann.

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Leipzig-Connewitz 1983. Die 13-jährige Carry Brostewitz geht kicken. Regelmäßig. Mit ihrem Vater und ihren beiden Brüdern. Der Fußballplatz in der Fockestraße ist nicht sonderlich weit, zur Not reicht auch der Hof. Und in fast jeder Freistunde wird sowieso der Ball ausgepackt. Dann spielt Carry mit Klassenkameraden. „Die Jungs wussten, dass ich spielen kann und haben auch abgegeben.“

"Rumgezickt wurde bei uns sowieso nicht."
"Rumgezickt wurde bei uns sowieso nicht."
Foto: Post SV Leipzig
Zur etwa gleichen Zeit versuchen die Bezirksliga-Damen von Rotation Ost, sesshaft im Mariannenpark, über eine Zeitungsannonce frisches Blut zu sich zu locken. Carry liest die Annonce und beschließt mit ihrer damals besten Freundin zweimal die Woche die Straßenbahn nach Schönefeld zu besteigen. Ihre Mutter hält das Ganze für pubertäre Spinnerei und schmeißt den Sport in die Schublade. "'Fußball ist ein Jungssport, ich kaufe dir keine Fußballschuhe. Das gibt es nicht!', tobte meine Mutter", so die mittlerweile 40-jährige Brostewitz. "Dabei war es schon damals nicht selten, dass Mädchen Fußball gespielt haben. Es war nur nicht so publik wie heute." Einen Verbündeten findet Carry in ihrem Vater, der seine Frau zusammen mit seiner Tochter solange bearbeitet, bis das Mädchen doch Fußballschuhe bekommt. "An die ist man damals relativ leicht rangekommen, wenn es nicht gerade Schraubstollen sein sollten, aber die gab es auch. Nur seltener."

Carry läuft mit 14 Jahren direkt in der dritthöchsten Spielklasse der DDR, der Bezirksliga, auf. Nachwuchsförderung findet damals nicht statt und so gibt es keine Jugendmannschaften. Gespielt wird in den üblichen DDR-Trikots aus Baumwolle und in den kurzen Hosen der damaligen Zeit und das bedeutet: sehr kurz. Meist wäscht sie der Trainer gleich selbst bei sich zu Hause. Carry soll derweil die rechte Bahn umpflügen.

In der Bezirksliga spielen damals 12 Teams. "Unser sogenannter Hassgegner war damals Chemie Leipzig." Außerdem kicken aus der Umgebung noch Chemie Markkleeberg und Robotron Leipzig mit. Der große Wurf gelingt Rotation nie. "Wir waren eine gute Mittelfeldmannschaft, mehr aber nicht." Die Liga dominierte meist Chemie Leipzig, wo es schon seit Ende der 60er Jahre eine Damenfußballabteilung gibt. Zwischenzeitlich spielten die Leutzscher Damen sogar DDR-Oberliga. "Aber einmal konnten wir sie im Pokal schlagen. Das muss 1984/ 1985 gewesen sein. Am Ende hieß es 3:1 für Rotation. Eine Riesensache für uns."

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Körperlich hat die junge Carry keine Probleme. Gestählt von den Partien gegen ihre Brüder geht sie die Zweikämpfe robust an und bleibt auch bei der Stange als ihre beste Freundin nach drei Jahren aufhört. Trainer Ralf Ritter setzt auf Technik und auf Kondition. "Er hat nicht so körperbetont trainieren lassen wie heute und es mit der Technik auch nicht übertrieben." Bei Widerworten der Damen bleibt Ritter locker. "Rumgezickt wurde bei uns sowieso nicht. Der Zusammenhalt war groß.", so Brostewitz. Gemeinsam fährt die Mannschaft in den Ferien zelten, feiert zusammen und das nicht selten auch mit den Männermannschaften des Vereins. "Die Männer waren damals offener für Frauenfußball. Wir haben uns gut verstanden, Liebeleien hatten wir damals alle." Auch mit den gegnerischen Mannschaften heben die Rotation-Damen die Tassen, werden eingeladen von Teams aus Dresden oder Halle. "Früher war der Sport vom Spaß geprägt, heute ist es der Ehrgeiz." Zu verdienen gibt es jedenfalls nichts. "Ich wüsste auch nicht, dass meine damaligen Bekannten in der Oberliga etwas bekommen haben."

Das Team bleibt bis zur Wende im Wesentlichen zusammen, Spielerwechsel waren unüblich. Erst als 1987 Chemie Leipzig seine Damenabteilung schließt, kommen neue Spielerinnen in Größenordnung zu Rotation. "Ich kann mich erinnern, dass das damals sogar in der Zeitung stand, die seit 1986 zumindest die Ergebnisse unserer Liga brachte. Ab da gab es auch vereinzelt Artikel." Sportförderung wie in anderen Sportarten üblich findet nicht statt. Frauenfußball in der DDR war nicht als Leistungssport etabliert. "Aus dem Handball kannte ich es, dass immer mal ein paar Spielerbeobachter da waren. Bei uns war nie jemand außer Freunden und Eltern. Vielleicht hätte ich sonst mal höherklassig spielen können."

Carry Brostewitz (li.) als Co-Trainerin der Post SV-Frauen.
Carry Brostewitz (li.) als Co-Trainerin der Post SV-Frauen.
Foto: Post SV Leipzig
Auch als Rotation Ost in den bereits bestehenden Post SV Leipzig integriert wird, bleibt die dann 20-jährige Brostewitz dem Verein treu und kickt ab sofort in der Landes- und phasenweise auch in der Regionalliga. Im Jahr 2000 geht sie mit den älteren Spielerinnen freiwillig in die zweite Mannschaft. "Es gab so viele junge Spielerinnen, die nachgerückt sind, so dass wir uns dachten, dass wir es ruhiger angehen lassen könnten." Die Post "Old Ladies" kicken derzeit als Post II auf Kleinfeld in der Stadtliga und sind trotz des hohen Durchschnittsalters von über 40 Jahren in der letzten Saison Dritter geworden. "Am Anfang haben wir immer die Stadtmeisterschaft und den Stadtpokal geholt, das wurde irgendwann langweilig." Brostewitz selbst spielt nur noch selten mit, sie steht als Trainerin am Spielfeldrand. "Meine Knochen sind kaputt. Knorpelschaden im Knie."

Bei der 1. Mannschaft ist sie zudem Co-Trainerin und hat den direkten Vergleich zu ihrer Zeit. "Im Gegensatz zu heute wurde ich als junges Mädchen von allen beachtet. Es gab keine Spielerin, die mich links liegen lassen hat, weil ich so jung war. Wenn heute eine in dem Alter kommt und nichts sagt, wird sie von den Spielerinnen auch nicht beachtet. Der Zusammenhalt ist auch nicht mehr so groß wie zu meiner Zeit." Nach den Gründen sucht Brostewitz selbst regelmäßig. "Sicher liegt es auch daran, dass alles recht schnelllebig ist und jedes Jahr viele Spielerinnen kommen und gehen." Sie jedenfalls ist mittlerweile nach fast 30 Jahre die Letzte bei Post aus der Zeit der Baumwolltrikots, der Bändeleien und der DDR-Bezirksliga.

Die Homepage der Post SV-Frauen:
www.postsv-maedchenundfrauenfussball.de


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