Leipzigs Fanprojekt und die rechte Szene: Mangelt es an Distanz?
Patrick Limbach
16.07.2011
Trauer, Feuer und rechte Symbolik im Bruno-Plache-Stadion.
Foto: L-IZ.de
Wie groß ist der Abstand des Leipziger Fanprojekts zur rechten Szene? Zu gering, glaubt Miro Jennerjahn, sportpolitischer Sprecher der sächsischen Grünen. "Aus der Antwort der Staatsregierung auf eine Kleine Anfrage von mir wird deutlich, dass der derzeitige Träger, die Leipziger Sportjugend, nur eine geringe Distanz zur rechtsextremen Fanszene hat."
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Rund 200 schwarz gekleidete Personen zogen am 13. Mai vom Völkerschlachtdenkmal zum Bruno-Plache-Stadion, wo am Abend Lok Leipzig die Amateure von Carl Zeiss Jena empfing. Anlass war der Unfalltod eines 20-jährigen Lok-Anhängers. Die Teilnehmer entzündeten Fackeln, vorneweg trugen einige ein Transparent und einen Gedenkkranz. Rein äußerlich erinnerte die Veranstaltung stark an rechte Trauermärsche wie zuletzt am 13. Februar in Dresden. Dazu trug auch die starke Präsenz von Neonazis bei. Unter ihnen auch Mitglieder von NPD und JN. Die Presse war, wie bei rechtslastigen Veranstaltungen üblich, nicht erwünscht: Vor dem Stadiontor spuckte ein Teilnehmer einem Journalisten ins Gesicht.
Nach dem Marsch betraten die Teilnehmer unter dem Applaus der übrigen Zuschauer mit Verspätung die Fankurve. Gegen Ende der Oberliga-Partie entzündeten sie Fackeln, mit denen sie nach Spielschluss ein großes Feuer entfachten.
Die mutmaßlichen Initiatoren der Veranstaltung finden sich in den Reihen von "Scenario Lok" wieder. Die Fangruppierung pflegt ein gewalttätiges Image. Mehrere Scenario-Anhänger sind wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Der einzige Täter, der wegen des Überfalls auf die Weihnachtsfeier der Chemie-Ultras "Diablos" rechtskräftig verurteilt wurde, entstammte ihren Reihen. Trotz personeller Schnittmengen mit der Neonazi-Szene scheint die Gruppierung derzeit nicht vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. Anders die "Blue Caps Le", deren Anhänger nicht nur an der Gedenkveranstaltung teilnahmen, sondern dem Verstorbenen auch einen Eintrag auf ihrer Homepage widmeten.
Udo Ueberschär: ""Eine Anmeldung unter dem Fanprojekt lehnte ich ab."
Foto: L-IZ.de
Nach Auskunft von Innenminister Markus Ulbig (CDU) soll das Leipziger Fanprojekt in Zusammenarbeit mit einer Einzelperson den Marsch angemeldet haben. Ein Pressesprecher der Stadt Leipzig nannte gegenüber L-IZ.de seinerzeit "ein Fußball-Fanprojekt" als Anmelder. Udo Ueberschär, beim offiziellen Fanprojekt für die Betreuung der Lok-Fans zuständig, wehrt sich gegen die Behauptung, er und seine Kollegen hätten die Veranstalter des Marsches unterstützt. Das Fanprojekt hätte an einer Regieberatung zum Spiel teilgenommen. Mit am Tisch: Verein, Polizei, Ordnungsdienst. Hier sei der geplante Marsch angesprochen und beraten worden.
"Da nicht bekannt war, wer Teilnehmer sein wird, erklärte ich mich bereit, diesen zu begleiten, um den Verein zu informieren, wer in Richtung Stadion läuft", erklärte der Sozialpädagoge gegenüber L-IZ.de. "Eine Anmeldung unter dem Fanprojekt, wie in der Beratung avisiert, lehnte ich ab, da damit zu rechnen war, dass möglicherweise Personen teilnehmen könnten, die wir nicht kennen bzw. nicht zu unserem Klientel zählen. Daher wollten wir keine Haftung und Verantwortung übernehmen." Offenbar ahnte der Szenekenner, wer zu der Veranstaltung erscheinen würde. Wie der Innenminister auf die Idee gekommen sei, das Fanprojekt hätte den Marsch mitorganisiert, sei ihm unerklärlich.
Um den Sachverhalt aufzuklären, habe er seinerseits eine Anfrage an Ulbigs Ministerium gerichtet.
Ueberschär distanziert sich von rechten Fans: "Wir arbeiten mit solchen Jugendlichen nicht zusammen." Daher sei ihm unerklärlich, wie der Innenminister behaupten könne, der Verein habe auf Anfrage des Fanprojekt sämtliche Stadionverbote aufgehoben. Schließlich arbeite das Fanprojekt mit Hausverboten gegen das betreffende Klientel. "Wir würden uns nie für die Lockerung von Stadionverboten aussprechen", so der Pädagoge. Es scheint auch keine derartigen Lockerungen gegeben zu haben. Steffen Kubald, Sicherheitsbeauftragter von Lok, sorgte am Einlass persönlich dafür, dass nicht alle Trauergäste das Spiel besuchen konnten.
Jennerjahn: "Innenminister Ulbig sollte diese Vorfälle zur Kenntnis nehmen und der Stadt und dem DFB bei dem avisierten Trägerwechsel des Fanprojekts nicht länger im Wege stehen."
Foto: L-IZ.de
Nicht die einzige Ungereimtheit in den Ausführungen des Ministers. Die Frage nach der Anmelderschaft bleibt vor dem Hintergrund von Ueberschärs Ausführungen weiter unklar. Polizei und Ordnungsbehörde gaben den Namen des Anmelders bisher nicht bekannt. In der Politik wurden indes Stimmen laut, den jüngst gescheiterten Wechsel des Fanprojekt-Trägers unverzüglich durchzuführen. "Die Fanszene im Leipziger Fußball ist seit langem ein Brennpunkt. Hier ist vernünftige, mit Augenmaß geführte Arbeit gefragt. Der Entschluss der Stadt Leipzig, einen Wechsel des Fanprojektträgers herbeizuführen, ist deshalb voll und ganz zu unterstützen", so Miro Jennerjahn. "Innenminister Ulbig sollte diese Vorfälle zur Kenntnis nehmen und der Stadt und dem DFB bei dem avisierten Trägerwechsel des Fanprojekts nicht länger im Wege stehen."
Unterstützung erhält der Landtagsabgeordnete durch den Grünen-Stadtrat Michael Schmidt: "Es stellt sich nicht mehr nur die Frage, warum der Freistaat sich nicht zu einem Trägerwechsel und einer Förderung von Outlaw bekennt, sondern warum sich die Landesregierung nicht in aller Deutlichkeit vom bisherigen Fanprojektträger, der Leipziger Sportjugend, distanziert. Meine Fraktion sieht hierin einen handfesten Skandal und erwartet eine unverzügliche Positionierung des Freistaates zur geplanten Neuausrichtung des Fußball-Fanprojektes mit einem erfahrenen Jugendhilfeträger. "
Leipzigs Linke befürworten ebenfalls einen zügigen Trägerwechsel. "Dass nun neue Informationen über die Verstrickung von Fanprojekt-Träger und Neonazis auftauchen, bestätigt die Entscheidung pro Trägerwechsel ausdrücklich", so Stadträtin Juliane Nagel. "Die Linksfraktion steht weiterhin zu einer qualitativ hochwertigen, sozialpädagogisch ausgerichteten Fanarbeit mit Schwerpunktsetzung auf Antidiskriminierung und Gewaltprävention. Der neue Träger Outlaw hat unser volles Vertrauen, diese Herausforderung zu meistern."
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