Kicken um die goldene Ananas: Leutzscher Derby Heimpremiere für Hammermüller
Martin Schöler
08.06.2012
Alfred-Kunze-Sportpark
Foto: L-IZ.de (Archiv)
Unterschlagene Sponsorengelder, Nachwuchssorgen, Punktabzüge. Der Leutzscher Fußball hielt diese Saison genug Negativ-Schlagzeilen parat. Das ist alles Schnee von gestern. Am Sonnabend trifft die SG Leipzig Leutzsch auf die BSG Chemie (Anstoß: 15 Uhr). Sportlich betrachtet geht es nach rein menschlichem Ermessen für beide Teams um nichts. Das Hinspiel endete 0:0.
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Der Gewinn der inoffiziellen Stadtteilmeisterschaft wäre für die verfeindeten Fans Wasser auf die Mühlen. Beide Lager beanspruchen, einziger legitimer Nachfolger der BSG Chemie Leipzig zu sein, die 1964 die DDR-Meisterschaft gewann. 47 Jahre später ging deren Rechtsnachfolger FC Sachsen pleite. Der grün-weiße Fußball versank in Chaos und Kleinkriegen, die Außenstehenden mittlerweile nur noch ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubern. Die Verhältnisse im Leipziger Fußball scheinen geklärt. Was die Traditionalisten nicht wahrhaben wollen: RB Leipzig hat sich längst als neue Nummer eins etabliert. Die beflügelten Kicker begrüßten diese Saison im Schnitt mehr Zuschauer als die drei Traditionsvereine zusammen. Mit dem 1. FC Lokomotive, unter den etablierten Clubs ohnehin der Zuschauermagnet, hat sich durch den Sprung in Liga vier auch sportlich eine Nummer zwei herauskristalisiert. Für SG Leutzsch und BSG Chemie bleibt nur noch der erbitterte Hahnenkampf um den dritten Platz.
Der dreht sich längst nicht mehr um die Gunst der Massen. Die BSG Chemie lockte mit einem frischen Konzept überwiegend junge Fans an. Auf dem Norddamm tummeln sich bei Heimspielen viele Schüler, Azubis und Studenten. Zuschauer, die die Leutzscher Tradition noch über Jahrzehnte weiterpflegen könnten. Die SG Leutzsch steht dagegen bei den Traditionalisten hoch im Kurs, die sich von der Abkehr der Ultra-Gruppe "Diablos" vom FC Sachsen 2008 verprellt fühlen. Außerdem boten Verein und Fanszene in der Vergangenheit leichtfertig Schlupflöcher für rechtes Gedankengut. Die BSG Chemie bekennt sich dagegen öffentlich zum Antirassismus.
Das vielleicht kurioseste Fußballderby Deutschlands - zwei Mannschaften aus einem Stadtviertel als Rivalen auf einem gemeinsamen Platz.
Foto: L-IZ.de (Archiv)
Dass zum Saisonstart plötzlich zwei Leutzscher Vereine auf der Matte standen, wäre vermutlich nur halb so dramatisch, hätte nur einer der beiden Anspruch auf den maroden Alfred-Kunze-Sportpark erhoben. Sportamtschefin Kerstin Kirmes entschied sich für die SG Leutzsch. Möglicherweise ein Fehler? Die Sanierungsmaßnahmen der Verantwortlichen hielten sich bisher in Grenzen. Dabei könnten sie vermutlich auf tatkräftige Mithilfe der BSG Chemie bauen. Doch bis Ende Mai lag der Stadt nicht einmal das Konzept vor, das Vorstandssprecher Jamal Engel in Aussicht gestellt hatte. Das selbst gesteckte Ziel, leistungsorientierten Nachwuchsfußball zu spielen, verfehlten die Leutzscher deutlich. Vom Renomée des einstigen Leistungszentrums ist nicht mehr viel übrig. Die U19 sicherte erst kurz vor Saisonende den Klassenerhalt. U17 und U15 stiegen von der Landesliga in die Bedeutungslosigkeit ab. Talente werden in der Messestadt mittlerweile anderswo geschmiedet.
So wird es am Sonnabend auch nicht darum gehen, wer den schöneren Fußball spielt. Beide Teams werden auf Sieg spielen. Soviel steht fest. Viel zu verlieren haben beide Mannschaften nicht. Bei der BSG Chemie feiert Chefcoach Steffen Hammermüller seine Heimspiel-Premiere. Vorige Woche glückte ihm mit einem 4:2 in Neugersdorf ein Einstand nach Maß. Einen Neuzugang vermeldete auch die SG Leutzsch: Vorigen Freitag kürten die Mitglieder den Druckerei-Inhaber Jan Hoppe zu ihrem neuen Präsidenten. Er löste den glücklosen Jens Barthelmes ab, der sich aus beruflichen Gründen nicht erneut zur Wahl stellte. Insider vermuten, er habe nicht kandidiert, weil er Ende 2011 Sponsorengeld nicht rechtzeitig in die Klubkasse eingezahlt habe. Der Stukkateurmeister äußerte sich auf Nachfrage wiederholt nicht zu den Vorwürfen. Neu auch der Aufsichtsrat, in dem mit Thomas Kupfer ein ehemaliger Geschäftsführer des FC Sachsen vorsteht. Der Unternehmensberater tat sich zu Saisonbeginn als einer der schärfsten Kritiker der BSG Chemie hervor. Dass er aus dieser Position heraus die SG Leutzsch in ruhigere Gewässer lenken kann, darf zumindest angezweifelt werden.
Ganz gleich wie das Spiel am Sonnabend ausgeht. Die Rivalität beider Vereine wird weiter vor sich hin gären. Wahrscheinlich, bis die nächste Insolvenz ins Haus steht. Zurzeit spricht zumindest mehr dafür als dagegen.
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