René Müller vor der EM (Teil 2): „Holland erwischen wir nicht noch einmal so“
Marko Hofmann
08.06.2012
René Müller: "Wichtig ist, wenn du so spielst, dass du nicht brutal ausgekontert wirst."
Foto: Jan Kaefer
Er liebt den holländischen Fußball und glaubt wohl auch deshalb nicht daran, dass Deutschland noch einmal die Niederlande so besiegen wird wie im November 2011 in Hamburg. Wen René Müller in der deutschen Innenverteidigung und im Sturm spielen lässt, warum das deutsche Spielsystem anfällig ist und wieso er Matthias Sammer widerspricht, erklärt er im zweiten Teil des Interviews.
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Erwarten Sie taktische Revolutionen bei dieser EM?
Zunächst einmal muss ich noch kurz auf die vorangegangen Veränderung des deutschen Fußballs eingehen. Der Mann, der den deutschen Fußball verändert hat, war Louis van Gaal. Er hat die heutige Spielweise bei den Bayern eingeführt und Löw hat sie dann übernommen. Das war nicht Löws Erfindung, der Bayern-Stamm hat das in die Nationalmannschaft hineingetragen. Bei der EM werden Spanien, Holland und Deutschland dieses dominante, auf Ballbesitz ausgerichtete Spiel durchziehen. Ob das andere können, ist eine andere Sache. Wichtig ist, wenn du so spielst, dass du nicht brutal ausgekontert wirst. Das ist die Gefahr in dem System und es liegt an der Stärke der Offensivleute.
Nehmen wir Lewandowski: Wenn du gegen solche Stürmer spielst, ist das System unglaublich anfällig. Ein sehr guter finaler Pass in die Tiefe, 50 Meter Platz und dann wird es gefährlich. Du bist also als angreifende Mannschaft stark unter Druck, musst ballsicher spielen, musst Ballverluste durch die Mitte vermeiden. Eine Mannschaft mit gutem Umkehrspiel kann so ein System zum Absturz bringen. Bei taktischen Fragen wird es vor allem spannend zu sehen sein, wie die anderen Mannschaften gegen solche Gegner spielen werden.
Chelsea hat sich gegen die Bayern hinten eingemauert…
…und Matthias Sammer hat das arg kritisiert. Das kann ich aber nicht verstehen. Du musst aus deinem Kader das Beste herausholen und wenn das eine Option ist wie bei Chelsea, dann muss das ein Trainer so machen. 1954 hat Deutschland auch das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht, hat allerdings nicht gezaubert.
Der Weltmeistertitel wird heute immer noch gefeiert, über den Zauberfußball der Ungarn redet keiner mehr. Das Entscheidende ist der Titelgewinn. Wenn es nicht so schön aussieht wie bei Barcelona ist das auch gut.
Wie sehen Sie die Vorrundengegner der Deutschen?
Ich sehe die Niederlande als größten Konkurrenten. Ich denke, dass Deutschland gegen Portugal gut ins Turnier finden wird, wenn man sich nicht auskontern lässt. Am besten man macht es so wie gegen Israel, 20 Minuten erstmal den Ball sichern. Die Spieler haben genug Erfahrung. Die Holländer noch einmal so zu erwischen wie in Hamburg (3:0 am 15.11.2011/ Anm. d. Red.) wird nicht passieren und sie haben mindestens ein genauso gutes Offensivpotenzial sowie mit van Bommel einen echten Leader. Er mag in die Jahre gekommen sein, aber er ist nicht umsonst in Deutschland und Italien Meister geworden. Er hält die Mannschaft außerhalb und auf dem Platz zusammen. Es wird sein letztes großes Turnier sein, das wird er gewinnen wollen. Ich persönlich liebe den holländischen Fußball, der sehr offensiv ausgerichtet ist.
Und: Das ist ein Land mit etwas mehr Einwohnern als Bayern. Man stelle sich mal vor, das Bundesland Bayern würde bei der EM oder WM eine Mannschaft melden, die Favorit ist. Dort wird klasse Fußballarbeit gemacht.
Aber die Abwehr ist auch anfällig…
Das ist ihr Problem und das ist immer das Problem in Ausbildungssystemen die viel Wert auf fußballerische Qualitäten legen – was richtig ist - aber es ist immer schwer, richtig gute Innenverteidiger auszubilden, denn sie anzulernen, bleibt immer liegen. Dazu kommt, dass man auf diesen Positionen auch Vorbilder braucht. In Holland war der letzte starke Innenverteidiger Jaap Stam. In Deutschland gab es früher Leute wie Karl-Heinz Förster. Das ist auch vorbei. Jetzt gibt es einen Badstuber, der ein fußballerischer Innenverteidiger ist, der aber in der Defensive auch seine Probleme hat, gerade im oberen Bereich.
Dann gibt es einen Hummels, der einen Fußball wie Franz Beckenbauer spielt, aber daneben braucht man einen richtigen Abräumer. Deshalb ist es auch ein Problem, die beiden zusammen spielen zu lassen. Dazu kommt Mertesacker, der nicht dem folgen kann, was seine Vorgänger abgeliefert haben – zumindest nicht in den letzten Jahren. 2010 war er der schlechtere der beiden Innenverteidiger. Dass Arsenal ihn gekauft hat, verwundert mich stark. Vielleicht gibt es ja ein Wunder, wie 2010 als Friedrich als Innenverteidiger auf einmal in der Form seines Lebens war. Das wünsche ich dem Jogi Löw. Ich wünsche ihm nicht, dass Mertesacker versagt, aber ich habe einen schweren Magen, wenn ich seinen Namen in der Anfangsaufstellung sehe.
Wen würden Sie aufstellen?
Ich bin zu weit weg, hätte mich aber wahrscheinlich doch für Badstuber/ Hummels entschieden. Ich glaube nicht, dass Mertesacker ein halbes Jahr Verletzung mit zwei Spielen kompensieren kann. Dazu war er in Bremen auch nicht in Form. Boateng ist für mich ein Risikofaktor und das bleibt er auch. Es ist also schon schwer, in Deutschland vier ordentliche Innenverteidiger zu benennen.
"Bei wichtigen Spielen bin ich so angespannt, als wenn ich selbst spiele."
Foto: Jan Kaefer
Im Sturm gibt es die Diskussion ob Klose oder Gomez stürmen sollen. Wer würde bei Ihnen spielen?
Klose ist letztendlich der, der zu diesem System am besten passt, aber er ist auch verletzt gewesen. Ansonsten hat der Bundestrainer zu diesem System keinen Mittelstürmer. Reus, der in der Diskussion ist, hat in Mönchengladbach hinter den Spitzen oder auf außen gespielt. Man müsste dann auf 4:4:2 umstellen. Die großen Probleme in der Zukunft werden die Besetzung der Innenverteidigung und der Sturmspitze sein. Das sage ich jetzt schon voraus, denn nach Klose und Gomez kommt für mich international gar nichts. Diese Probleme liegen für mich im deutschen Ausbildungssystem begründet.
Du hast zwar viele gut ausgebildete Fußballer, aber wenige Typen. Du hast keinen Typ wie Drogba, van Buyten oder eben van Bommel. Das sind Straßentypen. Die braucht man im Fußball eben auch. Gomez ist kein Typ. Und in unserem System wird so ein Typ auch nicht entwickelt. Über diesen Nachteil redet Sammer nicht. Gomez ist für mich ein hervorragender 4:4:2-Stürmer. Du kannst mit ihm nicht spielen, aber bei 4:4:2 kann er nach außen ausbrechen, hat das Gesicht zum Tor und steht nicht mit dem Rücken zum Tor. Ich könnte mir vorstellen, dass die Bayern wieder auf 4:4:2 umstellen werden. Warum sonst wollen sie Dzeko und haben jetzt schon Pizarro und Gomez? Und das hat dann auch einen Effekt auf die Nationalmannschaft
Über die Außenverteidiger haben wir noch gar nicht geredet.
Es gibt Lahm und keinen anderen. Ich frage mich auch, wer dann gegen Christiano Ronaldo spielt.
Wären Sie gern Bundestrainer?
Damit habe ich mich nie beschäftigt, weil ich die Trainerstationen gar nicht habe. Ich schätze Jogi Löw absolut als Trainer, wir haben damals gemeinsam den Trainerlehrgang für verdiente Nationalspieler absolviert. Damals waren auch Köpke, Bierhoff, Klinsmann und Sammer dabei. Löw habe ich damals schon bewundert, weil er der einzige war, der schon als Trainer gearbeitet hat. Er hatte nach seinem Rauswurf in Stuttgart eine schwere Zeit, stieg mit Karlsruhe ab, war in der Türkei, arbeitete dann gut bei Austria Wien, wurde mit Tirol Meister. Mir war schon 2006 klar, dass Klinsmann das Gesicht dieses Projektes ist, aber Jogi Löw als Trainer die Schlagfrequenz vorgibt.
Wird aus Löws Mannschaft der Superstar des Turniers kommen?
Das ist schwer einzuschätzen. Das hängt auch immer mit der Mannschaftsleistung zusammen. Özil wäre ein Kandidat. Bei den anderen Mannschaften vielleicht Cristiano Ronaldo, bei dem das schon früher ganz oft erwartet wurde. Vielleicht gibt es auch einen Spieler, der die biedere Vorstellung seiner Mannschaft krönt.
Wie und mit wem schaut sich ein ehemaliger DDR-Fußballer des Jahres die Spiele dieser Europameisterschaft an?
Die deutschen Spiele schaue ich mir am liebsten allein an. Da bin ich konzentriert auf das Spiel und das andere lenkt ab. Die meisten Spiele schaue ich deshalb allein. Es macht aber auch Spaß, mal unter Leuten zu schauen, in der Stadt etwa, wenn die Leute mitgehen. Aber bei wichtigen Spielen bin ich so angespannt, als wenn ich selbst spiele, weil mich das Spiel so interessiert.
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