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Kostbare Berufe, Teil 1: Zwei Krankenschwestern im St. Elisabeth

Marko Hofmann
Anja Ohlinger.
Anja Ohlinger.
Foto: Marko Hofmann
Welche sind die Berufe, ohne die in unserer Gesellschaft nicht viel laufen würde? Wer trägt zu einem bequemen und hochwertigen Leben bei? Wer hilft uns bei der Bewältigung der elementarsten Probleme? Wie werden diese Berufe ausgeübt und: Wer übt diese Berufe aus, wie werden sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Die neue Serie „Kostbare Berufe“.

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„Wer Silvester die Nacht durchfeiert, der weiß Bescheid, wie es uns drei- bis viermal im Monat geht“. Anja Ohlinger ist Stationsschwester auf Station 4 am St. Elisabeth Krankenhaus in Connewitz mit 35 Betten. Ein langgezogener Korridor, ein wenig verwinkelt, ein Dienstzimmer, abgetrennt durch Glas. Das Reich der 34-Jährigen. Silvester und Weihnachten feierte sie 2010 das erste Mal seit 16 Jahren zu Hause - sonst mindestens einen der beiden Termine im Krankenhaus. Das Gefühl von Silvester hatte sie aufgrund des Schichtdiensts regelmäßig. Das ist vorbei.

Ein Jahr ist sie schon Stationsschwester, konnte raus aus dem anstrengenden Schichtdienst, arbeitet jetzt auf der interdisziplinären Station für Diabetologie, Gastroenterologie und Onkologie regelmäßig im Frühdienst von Montag bis Freitag. „Es ist eine große Belastung für den Kreislauf, immer einen anderen Schlaf-Wach-Rhythmus zu haben und es ist auch schwer, die privaten Termine zu koordinieren, um Freunde zu treffen oder mal zum Arzt zu gehen.“

Bereits um 6 Uhr morgens beginnt der Frühdienst, 30 Minuten bevor der Nachtdienst endet. 14:30 Uhr kommt der Spätdienst, 22 Uhr der Nachtdienst. Mal geht’s nachmittags halb vier ins Bett und kurz vor 0 Uhr wieder raus - mal wird ab früh um acht geruht bis nachmittags um drei. Berufsalltag für das Team von Anja Ohlinger. 13 Krankenschwestern und -pfleger gehören dazu. Während sie die koordinatorischen und organisatorischen Aufgaben übernimmt, Rücksprache mit Ärzten oder Sozialpädagogen hält, Infusionslösungen vorbereitet, wandert ihr Team die Zimmer ab, macht die Betten, verteilt Medikamente, reicht das Essen, misst Blutdruck, bettet und wäscht Patienten.

„Gerade für solche Arbeiten muss man geeignet sein. Man darf sich nicht davor scheuen, einen anderen Menschen zu waschen oder ihm bei der Ausscheidung helfen“. Karin Krause ist Leiterin der Krankenpflegeschule des Krankenhauses. Sie hält die Auszubildenden an der Schule von der leblosen Puppe fern und lässt sie lieber selbst auf Station mit eingreifen, so lernen sie Kniffe und Problemlagen des Berufs aus erster Hand.

„Puppe ist Puppe, Mensch ist Mensch“, erklärt Krause. „Die Schwierigkeit des Berufs liegt auch darin, dass man die Würde des Menschen achten muss. Er darf nicht wie ein Objekt behandelt werden und das ist nur so, wenn ich mich auf die Arbeit einlasse. Mit einer Puppe kann ich das nicht üben.“ Würde. Darauf legt Krause viel wert.

Stationsschwester im St. Elisabeth: Anja Ohlinger.
Stationsschwester im St. Elisabeth: Anja Ohlinger.
Foto: Marko Hofmann

Auch Ohlinger macht sich ihre Gedanken. „Jeder hat eine individuelle Einstellung dazu. Jeder behandelt den Patienten so, wie er selber behandelt werden möchte. Ich schaue mit dem Patienten zusammen, was tut ihm gut, wie kann ich ihm helfen. Oft ist es die medizinische Versorgung, häufig trägt aber auch das einfache Zuhören zur Verbesserung des Allgemeinzustands bei.“
Zuhören, mehr Zeit für den Patienten. Schulleiterin Krause hat ihre Ausbildung genau 20 Jahre vor Ohlinger abgelegt. 1974 war der technische Fortschritt noch nicht so weit wie heute. „Mit dem kam aber auch ein Mehr an Verwaltung. Ich wünsche mir aber auch ein Mehr an Zeit für den Patienten“, so Krause.

Ohlinger arbeitet seit fast 17 Jahren in dem Beruf. Sie weiß, dass jeder Patient seine eigene Geschichte und seine eigenen Probleme mitbringt und hat viele gehört. Patienten, die sich Sorgen um ihren Hund machen, der nun allein zu Hause ist, Patienten, die weinen, weil sie ins Pflegeheim müssen, da ihre Versorgung zu Hause nicht mehr möglich ist, Geschichten, die man noch schwerer wegsteckt. Egal wann und wo, Krankenschwestern wollen immer helfen, aber ist das überhaupt immer möglich – Stichwort Stress?

„Wir hatten letztens erst einen 97-jährigen Patienten, der uns davon erzählte, dass er weiterarbeiten musste, obwohl das Haus gerade bombardiert wurde, da dachte ich mir, dass wir keinen Grund haben, über Stress zu klagen. Ich kann auch mal Zeiten haben, wo es stressiger ist, wenn ich meine Arbeit gern mache“, sagt Ohlinger. Wenn sie nicht mehr allein weiter kommt, hilft ihr der Sozialdienst des Krankenhauses.

Trotzdem: Zur Vorbereitung auf den psychologischen Druck, den Krankenschwestern aushalten müssen, erhalten sie fachspezifischen Unterricht während ihrer Ausbildung. Der beinhaltet auch Kommunikationstraining. Wie rede ich mit Patienten, wie rede ich mit der Familie, wenn die Ärzte die Nachricht vom Tod des Angehörigen überbracht haben. Todesfälle gehören zum Alltag einer Krankenschwester dazu.

Stationsschwester Anja Ohlinger.
Stationsschwester Anja Ohlinger.
Foto: Marko Hofmann
„Mit den Ärzten haben wir generell einen guten Austausch, auch mit den Sozialarbeitern oder Physiotherapeuten und natürlich in unserem Team“. Was für Krause die Würde, ist für Ohlinger „das Team“. Ein Kerngedanke krankenschwesterlichen Handelns. „Ohne die Unterstützung durch dein Team hältst du es als Krankenschwester nicht durch“. Ohlinger fördert den Teamgedanken regelmäßig. „Ich führe mit jedem Gespräche, was er zur Arbeit im Team beitragen kann“. Jeder Einzelne trägt Verantwortung.

„Natürlich muss jeder sehr gewissenhaft arbeiten, es muss auf die richtigen Medikamenten, die richtige Einnahme, die richtigen Spritzen, die Krankengeschichte geachtet werden. Wenn ich jeden Morgen aufwache und mir Sorgen mache, dann müsste ich meinen Beruf an den Nagel hängen.“

Ohlinger ist entfernt von solchen Gedanken. Die Motivation, jedes Mal aus dem Bett zu steigen, um auf Arbeit zu gehen, kriegt sie vor allem durch die Freude am Beruf - ab Donnerstag auch durch den Ausblick aufs Wochenende. Krankenschwestern unterscheiden sich in der Hinsicht kaum von anderen Berufen. Auch nicht in einer Grundkomponente: Menschen. „Viele Azubis kommen zu uns, weil sie etwas mit Menschen zu tun haben wollen“, berichtet Krause.

Sie wollen aber nicht nur helfen, sondern auch etwas in der medizinischen Richtung machen. Ein Schnitt von 2,5 auf der Realschule ist das Minimum, um überhaupt Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Wer angenommen wird, wird innerhalb von drei Jahren zum Gesundheits- und Krankenpfleger ausgebildet. Zwar bewerben sich immer noch Hunderte für 25 Plätze an der Pflegeschule, doch die Bewerberzahlen gehen zurück.
„Ich weiß nicht, ob der Beruf finanziell noch so attraktiv ist, wenn man an die Belastung und Verantwortung denkt. Wenn ein Lagerarbeiter bei BMW mehr verdient, macht man sich so seine Gedanken.“ Die Bewerberzahl geht zurück, die Anzahl der männlichen Azubis steigt. Mittlerweile ist es ein Drittel. „Das Rollenbild hat sich seit 1974 geändert“.

Als Krause anfing, waren Männer richtige Exoten an der Berufsschule. Als sich Ohlinger für den Beruf entschied, lag sie kurze Zeit vorher nach einem schweren Autounfall ein halbes Jahr im Krankenhaus. „Ich habe erlebt, was man braucht, wie man sich fühlt, nämlich einsam und hilflos.
Diese Erfahrung hilft mir, die Patienten zu verstehen.“ Mitgefühl ist eine Fähigkeit, die man laut Ohlinger braucht, um eine gute Krankenschwester zu werden. Die hat nicht jeder und auch nicht jeder ist jeden Tag gleich fit. Dann heißt es, die Anspannung vor dem Patienten zu verbergen. Er kann nichts dafür. Gedankt wird es den Schwestern oft, von Patienten und Angehörigen. Doch da ist etwas, was aus der Sicht Ohlingers in letzter Zeit zunimmt. „Manche Angehörige betrachten uns mehr und mehr als Dienstleister“.

Das Stations-Team.
Das Stations-Team.
Foto: St. Elisabeth Krankenhaus
Am Ende des Tages steigt Ohlinger in ihr Auto und fährt nach Hause. Kann sie gut abschalten? „Ich versuche es und es klappt oft, aber gerade wenn viel los ist, fällt es schwer. Manchmal wache ich nachts auf, weil ich von der Arbeit geträumt habe“.

Ein Blick in das Forum der Internetseite krankenschwester.de zeigt, dass offenbar viele Krankenschwestern nicht so erfolgreich beim Abschalten sind wie Ohlinger. Sie sind unzufrieden mit sich selbst, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, dass sie nicht jedem Patienten gerecht werden können. Hinzu kommen die schwere körperliche Arbeit, Patienten umbetten, Patienten anheben, die unregelmäßigen Arbeitszeiten und die tägliche Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod. Krankenschwestern geben ihren Beruf häufig irgendwann auf.

Für Anja Ohlinger ist das kein Thema. Das Team und die Freude an der Arbeit lässt solche Gedanken gar nicht erst aufkommen. „Zudem haben wir täglich Heilungserfolge, an denen wir uns erfreuen können“.

Gesundheitsminister Rösler hat derweil für 2011 das Jahr der Pflege ausgerufen. Krause ist da eher skeptisch. „Das begrüße ich prinzipiell, aber da soll er sich auch mal Gedanken machen, wie man den Beruf attraktiv macht. Pflege muss einen hohen Stellenwert bekommen. Mich regt immer wieder auf, wenn Politiker wollen, dass Hartz-IV-Empfänger im Krankenhaus arbeiten sollen. Wer es nicht kann, sollte es nicht machen. Diese Arbeit soll für sie keine Strafe sein“.

Stattdessen möge der Minister die Grundlagen schaffen, dass durchweg und ausreichend professionell Pflegende in einer Schicht eingesetzt werden, um der hohen Verantwortung gerecht zu werden, fordert Krause.

Mehr zum Thema:

Was braucht eine Gesellschaft, um zu funktionieren? - Die L-IZ stellt kostbare Berufe vor
Welche Berufe sind tatsächlich wichtig und wertvoll für eine Gesellschaft wie die unsere? ...
Ohlinger wünscht sich dagegen, dass „die palliativ und Hospizarbeit ausgebaut und als wichtig erachtet wird. Oft kommen Patienten, die lieber zu Hause als im Krankenhaus sterben wollen“. Das St. Elisabeth Krankenhaus Leipzig kooperiert mit einem ambulanten Hospizdienst und ist dabei eine Art Vorreiter.

Die Stationsschwester kann die Patienten verstehen, aber sie weiß auch: „Ohne die soziale Arbeit und Hilfe der Krankenschwester würde es vielen Menschen noch schlechter gehen. Das macht unseren Beruf so kostbar.“


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