Kostbare Berufe (II): Papa, wo kommt eigentlich das Essen her?
Marko Hofmann
04.05.2011
Uwe Reiche im Rapsfeld.
Foto: Marko Hofmann
Der dümmste hat die dicksten Kartoffeln, die Schule haben sie nach der vierten Klasse abgebrochen, am Ende des Tages riechen sie wie ein Kuhstall und alle suchen vollkommen verzweifelt eine Frau: der Bauer. Ein Beruf wie ein ganzes Feld voller Vorurteile. Doch wer versorgt uns eigentlich mit Essen? Fest steht: Inka Bause hat sich für diese Personen nie wirklich interessiert.
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Nebel legt sich über die Felder zwischen Altengroitzsch und Gatzen im Leipziger Land. Eine grün-gelbe Maislegemaschine verschwindet hinter dem Schleier der Diesigkeit, Möwen suchen Regenwürmer auf den feuchten Feldern. Es ist feucht und kalt.
Die Maschine ist am frühen Morgen in Gatzen gestartet, 300-Seelen-Ort, Hauptsitz der Agrar GmbH & Co. KG Auligk, dicht an der Elsteraue gelegen. 68 Mitarbeiter hat der 1991 gegründete Betrieb. Sie kümmern sich um 7.500 Tiere und um 2.730 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Agraringenieur Uwe Reiche ist der Verantwortliche für Pflanzenzucht und Berufsausbildung. 30 Minuten sind für das Gespräch mit ihm eingeplant – was ein Bauer macht, dürfte immerhin schnell erzählt sein. Rübensamen rein in die Erde, warten, Rübe raus aus der Erde. Nach dem Gespräch soll es aufs Feld gehen. Der Bauer, der besser Landwirt genannt werden sollte, ist jedoch, wie ich am Ende weiß, ein Alleskönner.
„Gerade in Westdeutschland sind Landwirte nicht in Großbetrieben aktiv, deshalb müssen sie auch alles können. Von der Betriebswirtschaft über Biologie, Chemie bis hin zur Technik“, erklärt Reiche über seinen Schreibtisch hinweg, an dem er eigentlich gar nicht so häufig sitzt. In Ostdeutschland gibt es aufgrund der historischen Entwicklung – siehe: Zwangskollektivierung in der DDR – mehr Großbetriebe und deshalb auch eine Aufgabenverteilung. Trotzdem lernt der Landwirt universell.
Drei Jahre dauert die Berufsausbildung, sowohl in Pflanzen- als auch in Tierzucht werden die Lehrlinge ausgebildet. Danach können sie ihren Wirtschafter machen, dann den Meister oder aber auch noch studieren. Agrarwissenschaften etwa. „Viele sagen, dass man jeden Tag stinkt, mit Dreck und Scheiße zu tun hat, aber das ist Unsinn“, sagt Reiche, denn längst hat in der Landwirtschaft – zumindest in Großbetrieben – die Technisierung Einzug gehalten. In der Pflanzenzucht, also im Pflanzenanbau, ist kaum noch Handarbeit gefragt.
„Wir stecken nicht jede Rübe einzeln“. Stattdessen geht es stets mit der Maschine aufs Feld. Jeder muss mehrere Maschinen bedienen können, egal ob Radlader, Mähdrescher oder Maislegemaschine. „Jeden Tag sitzen die Mitarbeiter auf irgendeinem Gerät und sind draußen“. Es geht es allerdings nicht darum, wer am geradesten fahren kann, sondern darum, dem Feld genau das zu geben, was es in der jeweiligen Phase des Jahres braucht, damit am Ende auch eine Ernte herausspringt und die Regale nicht leer bleiben oder die Preise erhöht werden müssen.
Uwe Reiche inspiziert den Raps.
Foto: Marko Hofmann
In der Tierzucht ist mehr Handarbeit gefragt. Beim Impfen oder Kastrieren etwa wird noch selbst Hand angelegt, aber selbst das Ausmisten und das Füttern wird zu einem Großteil maschinell erledigt.
Das Schmuddel-Image des dummen, stinkenden Bauern müsste also eigentlich längst gesellschaftlich überholt sein. „Naja, der Bauer war schon immer der Dumme, denn viele wissen eigentlich gar nicht, was wir genau machen und wie sie von uns profitieren“, kritisiert Reiche. „11 Prozent unseres Einkommens geben wir für Lebensmittel aus, die den höchsten Qualitätsanforderungen entsprechen. Wir produzieren die hochwertigsten und saubersten Lebensmittel in Europa.“
Gedankt wird es den Bauern nicht. Der Deutsche Bauernverband hat erst jüngst eine Image-Kampagne unter dem Titel „Arbeit mit Leidenschaft“ gestartet.
Eine Kampagne, die in harter Konkurrenz zu einfach gestrickten, Image schädigenden Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ steht, die eingangs erwähnte Vorurteile teilweise kräftig und vor großem Publikum bedient und anreichert. „Bei uns sind 70 Prozent der Mitarbeiter liiert, ich bin selbst seit 28 Jahren glücklich verheiratet“, betont Reiche. „Und klar können die Klamotten mal riechen, aber da reicht es, wenn ich mal durch den Kuhstall gehe. Das hat mit Arbeit im Mist nichts zu tun.“
Der Bildungsreferent des Sächsischen Landesbauernverbands, Dr. Dieter Heider, ist naturgemäß auch kein Fan der Bauernkarikatur. „Sendungen wie ‚Bauer sucht Frau’ haben sehr wenig mit der landwirtschaftlichen Realität, wie sie bei uns in der Praxis anzutreffen ist, zu tun.“
Doch irgendeine Faszination muss diese Form der Unterhaltung für die Menschen haben, die wöchentlich einschalten, belustigt über den Zaun eines pseudorealistischen Bauernhofs schauen und dabei offensichtlich vergessen, dass sie hier eine Berufsgruppe verlachen, die ihr Überleben sichert. „Die Bevölkerung hat in Deutschland zu jeder Zeit einen uneingeschränkten Zugriff auf hochwertige Lebensmittel zu günstigen Preisen. Die 'Wertschätzung' der Lebensmittel und ihrer Erzeugung ist dadurch nachrangig zu anderen Bedarfsgütern“, analysiert Dr. Heider globaler.
Rico Käßner füllt Maiskörner nach für die Maislegemaschine.
Foto: Marko Hofmann
Was ihm und auch Reiche aufstößt: Betont wird nirgends, dass der Landwirt bei jedem Einkauf quasi mit im Einkaufswagen liegt. Egal ob Brot, Kekse (Butter, Mehl), Bier (Sommergerste), Popcorn (Mais), Gräupchen (Wintergerste), Milch, Sahne, Rapsöl…, der Landwirt hat den Weg bereitet. Wer gesund essen und trinken will, kommt an ihm nicht vorbei. Auch im Stromnetz steckt er teilweise durch die Biogasanlagen und im Auto seit dem Biodiesel auch schon.
Sieben Uhr geht es in der Regel für die Mitarbeiter in Gatzen los, kurz vor 15 Uhr fällt der Hammer. Zur Erntezeit geht es allerdings richtig rund. „Da kann es auch mal früh um 5 losgehen oder abends um 24 Uhr zu Ende sein, die Wochenenden werden dann durchgearbeitet“, berichtet Reiche. Urlaub gibt es nur vor der Ernte, das heißt im ganzen Sommer nicht. Paris, Athen, auf Wiedersehen. Die Überstunden werden im Winter abgefeiert. „Da geht es hier etwas ruhiger zu“, so Reiche.
Zeit für Weiterbildungen, für Reparaturen im Stall, an den Geräten und in der Aue. Denn der Landwirt ist auch für die Pflege der Kulturlandschaft, für Hochwasser- und Naturschutz tätig. Das heißt: „Die Aue räumen wir auf“ und ohne Bauer keine Fahrt ins Grüne. Die Felder hat er nicht nur gepachtet, um zu ernten, sondern er hat mit ihnen auch den Auftrag erhalten, sie zu pflegen. „Im Prinzip machen wir Landschaftspflege. Das bedeutet viel Arbeit und ist nicht mit dem Feld bereiten getan, es geht etwa auch um Pilze, die die Pflanzen schädigen“, berichtet Reiche.
Seit 1982 arbeitet der gebürtige Bornaer in Gatzen, hatte Glück, dass ein damaliger Mitarbeiter in Rente ging. Wie viele seiner Kollegen, tummelt er sich bei 50 Jahresringen und mehr. „Wir brauchen irgendwann Nachfolger und übernehmen deshalb auch Azubis.“ Derzeit lernt einer in Gatzen. „Wir suchen immer wieder auch gute Leute für den Stall, allerdings weiß auch jeder, dass in der Landwirtschaft nicht das große Geld zu verdienen ist.“ 1.500 Euro brutto kann man als Landwirt verdienen.
Landwirt im Rapsfeld: Uwe Reiche.
Foto: Marko Hofmann
„Natur- und Tierliebe sollte man unbedingt mitbringen und vor allem Interesse am Beruf haben. Man ist immer draußen, jeder Tag und jedes Jahr sind anders und man muss auch immer andere Entscheidungen treffen“, wirbt Reiche, mit seiner Brille spielend. Doch nicht nur, dass die gesellschaftliche Anerkennung derzeit zu wünschen übrig lässt, als Landwirt muss man sich auch wie in jedem Beruf mit zahlreichen Problemen herumplagen.
Stichwort Milchpreise. „Pro Tag geben wir ca. 20.000 Kilogramm Milch ab und erhalten pro Kilo 34 Cent. Davon können wir geradeso leben, wir müssen aber auch investieren. Uns wird immer der Vorwurf gemacht, wir würden subventioniert, dabei erhalten wir nur Fördermittel. Ohne die würde sich das Rad bei dieser Preisgestaltung gar nicht drehen.“
Stichwort Bürokratie: „Alles, was wir machen, müssen wir genau dokumentieren und viele Schritte sind genauestens geregelt“. Wie nah man Pflanzenschutzmittel an Gewässer heranspritzen darf etwa, wie hoch der sogenannte Bekämpfungsrichtwert ist, der erreicht werden muss, ehe man gegen Schädlinge vorgehen darf.
Einen von ihnen zeigt mir Reiche auf einem Rapsfeld. Nach zwei Stunden haben wir sein Büro verlassen. Der Rapsglanzkäfer ist jetzt noch nützlich für die Rapsblüte, bald allerdings wird er zum Schädling. Dann muss Reiche wie vorgeschrieben gelbe Rapswannen aufstellen, die der Käfer in Gedanken an eine Rapspflanze entert. Wenn nach einer gewissen Zeit eine bestimmte Zahl erreicht ist, darf er erst bekämpft werden.
Auf dem Feld gegenüber sind heute Roland Käßner und sein Sohn Rico tätig. Letzterer füllt gerade Maiskörner in seiner Maislegemaschine nach als wir ankommen. Acht Boxen sind an deren Ende befestigt, in denen nun abertausende Körner auf die Ablagerung warten. Sie werden einzeln angesaugt und dann automatisch von einer Kette abgestreift. Technik, die begeistert. Vater Roland hat noch einen Platz frei und führt die Technisierung am Beispiel vor.
Nahezu jedes landwirtschaftliche Fahrzeug der Firma ist seit ein paar Jahren mit GPS ausgestattet. Steht das Fahrzeug an der äußersten Ecke des Felds und ist startklar, ist es über GPS möglich, dass es nach wenigen Metern im Autopilot-Modus schnurstracks geradeaus fährt, ohne dass der Fahrer etwas machen muss. Dabei wird jeder gefahrene Kilometer, die bearbeitete Fläche und der gefahrene Weg genauestens dokumentiert. Eine Grafik auf dem Bildschirm bildet das bearbeitete Feld und alle bearbeiteten Spuren ab. Am Ende jeder Spur muss allerdings selbst umgelenkt werden. Die Arbeitseffizienz wird so trotzdem enorm gesteigert.
Unser Treffen endet hier. Mittlerweile ist Mittagszeit. „Die Arbeit des Landwirts ist eben komplexer als man denkt“, lächelt mich Reiche an und verweist noch mal auf die avisierte halbe Stunde Vorgespräch. Konnte ja keiner wissen, dass sich die Landwirtschaft so stark von der eigenen Vorstellung unterscheidet, oder doch?
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