Glaser Fellmann hält sich täglich einen Spiegel vor.
Foto: Marko Hofmann
Wenn jemand die Sicht auf den Fernseher oder die Vorgänge im Haus gegenüber blockiert, wird es nirgendwo lang dauern, ehe der Unhold nach dem Beruf seines Vaters gefragt wird. Andreas Fellmann kann sie bejahen und auch er selbst ist einer. Ein Glaser. Er repariert Türen und Fenster, baut Glasmöbel, Kühlschrankplatten und Spiegel oder sandstrahlt Glasoberflächen individuell nach den Wünschen seiner Kunden. Eine Welt ohne Glas und Glaser wäre heutzutage undenkbar. Aber wer nimmt das schon wahr …?
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Ein unscheinbares Haus in der Fichtestraße in der Leipziger Südvorstadt. Im schnellen Vorbeigehen würde niemand auf die Idee kommen, dass im Haus ein Glaser und seine drei Angestellten die Fahne des Glaser-Handwerks hochhalten. Schaut man genauer hin, kann man das Schild am Hauseingang und auch die Folie auf den Fenstern zur Straße hin sehen. „Die habe ich selbst gemacht“, sagt Andreas Fellmann, der Chef der gleichnamigen Glaserei. Zu deren Leistungsspektrum Folien gehören. Was immer der Kunde als Folie will, Fellmann wird ihm helfen. Sie sind durchaus praktisch, denn sie gehen wieder von der Scheibe ab und sehen gut aus.
Ohne sie würde sich die Erde normal weiterdrehen, aber ohne viele Leistungen von Glaser Fellmann und seinen Kollegen würde sich doch einiges auf dem Planeten verändern. In Häusern, Straßenbahnen oder Autos würde es ziehen oder dunkel sein, Glasfassaden gäbe es nicht, im Spiegel könnte niemand Haar oder Anzug richten und einen Schaufensterbummel würde es in der Form nicht geben. Fellmann selbst baut allerdings keine Fenster oder Türen. Er hat sich auf individuelle Wünsche der Kunden spezialisiert.
Sein Vater hatte die Firma 1975 gegründet, der heute 45-jährige Andreas Fellmann lernte Anfang der achtziger Jahre das Handwerk. Die theoretische Ausbildung war damals noch in Neustadt an der Orla, jetzt ist sie in Schkeuditz. Derzeit bildet er keinen Lehrling aus, was allerdings nicht an ihm liegt: „Dieses Jahr hatten wir nicht mal eine Bewerbung.“ Und das ging nicht nur Fellmann so. Bis jetzt wird die neue Berufsschulklasse für Glaser aus fünf Lehrlingen bestehen. „Die Auftragslage in den Firmen ist ordentlich, aber körperlich produktive Arbeit erfährt in der Gesellschaft keine Wertschätzung. Wer einigermaßen gute Noten hat und Handwerker werden will, will lieber Mechatroniker oder KFZ-Mechaniker werden“, erläutert Frank Tollert, Obermeister der Leipziger Glaserinnung. „Viele denken nur, dass man im Handwerk körperlich schwer arbeiten muss und mit Schmutz zu tun hat, aber dass gerade im Glaserhandwerk viel mit Technik gearbeitet wird und Glaser kreativ sein können, weiß keiner.“
Der Glaser und seine drei Angestellten halten die Fahne des Glaser-Handwerks hoch.
Foto: Marko Hofmann
Gibt es dann doch einen Bewerber, hat dieser oftmals schlechte Noten. „In der Berufsschule werden teilweise die Mathe-Kenntnisse von Klasse 7 bis 10 wiederholt. Manche kennen nicht mal den Satz des Pythagoras. Wer eine 4 oder 5 in den Naturwissenschaften hat, hat es dann in der berufstheoretischen Ausbildung schwer, Glaser zu werden“, so Tollert. Bange ist ihm aber trotzdem nicht. „Die Geburtenzahlen steigen wieder“, und irgendwann wird sich auch herumgesprochen haben, dass man sich im Glaser-Handwerk und im Handwerk im Allgemeinen nach sechs bis sieben Jahren inklusive Ausbildung selbstständig machen kann und die Fluktuation bei den Betrieben gering ist. Viele sind 15, 20 und mehr Jahre im selben Betrieb angestellt. „Heute muss etwas aber cool sein damit es die Jugend anspricht“, so Tollert.
Was gefällt eigentlich Glaser Fellmann an seinem Beruf? „Das Material Glas ist einfach sehr interessant. Man kann viel damit machen, es ist stabil, aber auch zerbrechlich und man kann es individuell gestalten.“ Ab 7 Uhr morgens steht der Glasermeister in seiner Werkstatt. Derzeit steht dort ein selbstgebauter Couchtisch aus Glas zur Reparatur, auf einer Arbeitsplatte steht eine kleine Ablagefläche für eine Computer-Tastatur, die der Glasermeister nach Kundenwunsch angefertigt hat. Der Schachtisch aus Glas, den er erst kürzlich gebaut hat, wurde bereits abgeholt.
„Die Kunden kommen zu uns und haben eine Idee, wie sie etwas gebaut haben möchten. Wir verfeinern sie zusammen mit ihnen und bauen es“, so der 45-Jährige. Mitten im Raum steht ein großer Spiegel. Auch damit kennt sich Fellmann aus. Die Spiegel im Bach-Saal hat seine Firma rekonstruiert. „Das war eine wunderbare Geschichte für uns.“ Vis-a-vis zum Spiegel steht die Kantenschleifmaschine. Trotz Technisierung sind überwiegend Handgeräte die wichtigsten Werkzeuge des Glasers: Glasschneider, Glaserwinkel, Glaserecken, Glaserhammer.
Am Werkstattrand stehen eine Reihe von Glasscheiben, neue und kaputte. Fellmann repariert auch, beispielsweise kaputte Fenster- und Türscheiben in Wohnungen oder von Läden. Reparaturverglasungen sind nicht ganz so arbeitsaufwendig wie es beispielsweise der Bau von Glasmöbel ist. Alles was gewünscht wird, kann Fellmann allerdings nicht zaubern. Er muss sich an die geltenden Vorschriften halten. „Mittlerweile gibt es allerdings tolle Sachen.“ Begehbares Glas etwa. „Dieser Rundlauf aus Glas im Grand Canyon zum Beispiel oder auch Glasstufen.“ Wenn er gerade nicht baut oder repariert, sandstrahlt Fellmann Türen, Fenster oder Spiegel.
Glas zuschneiden ist eine der täglichen Arbeiten Fellmanns.
Foto: Marko Hofmann
Wenn sich sein Kunde dann über seine Neuanschaffung oder sein repariertes Stück freut, freut sich der Glasermeister direkt mit. Heutzutage gibt es allerdings auch ganz viele, die sich nicht mal bedanken oder direkt unzufrieden sind. „Das gab es in dieser Form früher nicht. Da haben sich viel mehr Kunden bedankt und diese Unzufriedenheit gab es ebenfalls nicht. Aber das scheint ein allgemeiner Trend zu sein.“
Der Feierabend winkt Fellmann jeden Tag zu einer anderen Zeit. Wenn nach der Arbeit oder am Wochenende Luft ist, schwingt sich der Handwerker aufs Rad oder arbeitet im Garten. Muskel- und Skelettschmerzen sind bei Glasern deutlich stärker ausgeprägt als in anderen Handwerksberufen. Viele klagen in diesem Beruf über Verspannung. Den Glasermeister aus der Südvorstadt interessiert das weniger. „Wenn man im Büro sitzt, kann man auch verspannt sein. Glas ist nun mal schwer.“ Aber dafür auch interessant und wichtig.
Die Auftragslage in der Branche ist gut. Es gibt genug zu tun.
Wir bekommen jede Woche zwei bis drei Angebote von Arbeitszeitfirmen. Ausgebildete Tischler, Fensterbauer und Helfer angeboten. Es sind doch genügend Facharbeiter da, das Problem ist woanders. Wenn ich Leute woanders outsource muss ich nicht jammern, wenn ich keine Facharbeiter mehr habe.
Wenige Bewerbungen und eher mäßiges Interesse. Bis jetzt sind fünf Lehrlinge in Schkeuditz. Sachsenweit ist es mit Lehrlingen schwierig. Es liegt daran, dass handwerkliche Arbeit eher gemieden wird. Im Handwerk muss ich richtig körperlich arbeiten. Körperlich produktive Arbeit hat in der Gesellschaft geringe Wertschätzung.
Aber es ist technisch anspruchsvoll, man muss auch mit Computertechnik arbeiten können. Viel Technik, viel Bauphysik - Na klar ist der Beruf anstrengend, aber es ist auch so, dass durch technische Veränderungen auch viele Kenntnisse in Mathe und Physik Vorraussetzung sind, damit ich konstruktiv denken und arbeiten kann. Von Geometrie und Mechanik sollte Grundwissen Vorhanden sein. Noten vier und fünf sind da nicht gefragt. .
Die Grundausbildung ist mit verschiedenen Lernfeldern, wie Glasbearbeitung, Zuschnitt, Transport, Reparaturverglasung. Ab dem zweiten Lehrjahr wird die Klasse geteilt in Fensterbau und Glasveredlung bzw. Glasbau.
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