Kostbare Berufe (5): Damit du mich besser sehen kannst
Marko Hofmann
18.09.2011
Volkmar Maul bei seiner Arbeit.
Foto: Marko Hofmann
Große Augen wie bei Rotkäppchens Großmutter reichen schon lange nicht mehr, um besser sehen zu können. Eine Brille muss her, bei manchen Leuten sogar komplexere Sehhilfen. Über 60 Prozent der Deutschen würden mittlerweile ohne Brille mehr oder weniger umherirren. Doch wer kommt schon darauf, den Beruf Optiker kostbar zu nennen?
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Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten. Inmitten internationaler Küche und Lebensmittel thront ein Leipziger Traditionsbetrieb, der Augenoptiker Maul. Seit 1939 wird bei Mauls was für die Nase gefunden, nicht für den Mund. Die Zeiten waren mal besser, sicher auch mal schlechter. Beim anglo-amerikanischen Bombenangriff im Dezember 1943 wird das Geschäft ausgebombt. Nach vier Jahren aufstrebenden Handwerkens in der Plauenschen Straße, die einst Brühl mit Richard-Wagner-Platz verband, zieht Geschäftsgründer Johann-Heinrich Maul in die damalige Ernst-Thälmann-Straße. Mehrmals wird das Geschäft erweitert. Nach der Wende arbeiten hier sagenhafte 13 Leute, heute sind es immerhin noch sechs.
Die automatische Tür zum mittlerweile erweiterten und modernisierten Geschäft in der - heutigen - Eisenbahnstraße öffnet sich. Ein Kunde möchte seine Brille abholen. Inhaber Volkmar Maul kommt selbst aus der Werkstatt hervor und tritt an den Tresen, sucht aus den Schubkästen das Modell und setzt es dem Kunden auf. Hinterm Ohr sitzt das neue Nasenfahrrad noch nicht richtig, Maul geht hinter und bessert nach.
Ohne Augenoptiker wie Volkmar Maul würde mancher nicht viel sehen.
Foto: Marko Hofmann
1978 hat er das Geschäft von seinem Vater übernommen. „Es war klar, dass ich mal Optiker werde und meinen Vater beerbe.“ Zuvor hat der heute 61-Jährige die Gesellenausbildung zum Augenoptiker in Leipzig absolviert und auf der „Hermann Pistor“ in Jena für die Meisterausbildung gebüffelt.
Maul kommt wieder aus der Werkstatt hervor und passt das Modell an. Diesmal sitzt alles gut. Mitarbeiterin Reiche hatte den Kunden vor ein paar Tagen ausgiebig beraten. Die Augenoptiker-Meisterin hat sich noch zur Farb- und Stilberaterin weitergebildet. Als sie bei Mauls anfing, war eine Beratung nicht nötig. Zu DDR-Zeiten gab es keine große Auswahl. Damals liefen Maul, Reiche und alle anderen Mitarbeiter sogar noch in Kitteln im Geschäft herum. Das hat sich geändert - wie so vieles. Doch die Hauptaufgabe des Optikers ist gleich geblieben. Helfen. „Zu uns kommen Kunden, die ein Problem haben. Für das suchen wir mit ihnen eine Lösung“, umreißt Maul die Hauptaufgabe des Augenoptikers.
Das heutige Optiker-Fachgeschäft Maul.
Foto: Marko Hofmann
Ein Beruf, der irgendwo zwischen handwerklicher Tätigkeit, Kundenkontakt, Biologie, Medizin und Physik steht und eigentlich alles in sich vereint. „Dieser Beruf ist sehr abwechslungsreich, man muss enorm viele Sachen beherrschen“, weiß Maul nach über 40 Jahren Berufserfahrung. Es macht seine tägliche Freude auf die Arbeit aus. Früh halb acht ist er der erste im Laden, der in der Woche halb neun öffnet und erst halb sieben am Abend schließt. Auch samstags können Kunden kommen.
Das Prozedere ist eigentlich stets dasselbe: Ein Kunde kommt. Entweder mit der Idee, eine neue Brille zu kaufen oder mit einem Rezept. Oder er hat größere Sehprobleme und benötigt eine Sehhilfe. Für den Fernseher etwa. Maul hat solche Geräte. Sie können das Fernsehbild bis zu vierzig Mal vergrößern. Manch einer will vielleicht einfach nur ein Barometer kaufen. Auch das gibt es hier. Hat er sein Bewerbchen vorgetragen, setzt sich einer der Mitarbeiter mit ihm hin und sucht ein paar passende Gestelle aus den zahlreich im Laden vorhandenen Brillen aus. Eine nach der anderen wird aufgesetzt. Der Kunde schaut in den Spiegel, wenn er auch durch unbearbeitetes Glas etwas sehen kann. Wenn nicht, kann er sich neuerdings mit der Brille fotografieren lassen. Ein Apparat der Firma Zeiss macht möglich, dass das Bild in Sekundenschnelle auf dem Computer erscheint. Der Kunde kann seine alte Brille aufsetzen und gemeinsam mit dem Optiker über sein Antlitz mit dem neuen Gestell diskutieren. Wer unsicher ist, vertraut dem Fachmann. Maul macht auch Hausbesuche. „Es gibt hier viele ältere Leute. Wenn die eine Brille brauchen, nehme ich einige Modelle mit und fahre zu ihnen.“
Augenoptiker Volkmar Maul.
Foto: Marko Hofmann
„Wichtig ist die Fähigkeit, mit den Kunden zu kommunizieren. Die Lehrlinge müssen auch Freude am genauen handwerklichen Arbeiten haben. Ohne Grundkenntnisse in Mathe, Physik und Bio geht es nicht.“ Abitur braucht man nicht, um die dreijährige Ausbildung antreten zu können. „Mittlerweile sind wir im großen Maße Berater fürs gute Sehen. Wer Freude an der Mode hat, wird bei uns auch ein Bestätigungsfeld finden. Vom ‚Fummeln’ in der Werkstatt über die anspruchsvolle Beratung bis zur biologischen Erklärung ist einfach alles dabei.“
Ist das Brillengestell einmal ausgewählt, prüft der Augenoptiker noch die Augen des Kunden und schickt sie zusammen mit allen weiteren Daten zum gewünschten Glas an den Hersteller. Wenn die Gläser dann bei Maul ankommen, werden sie mit dem Gestell vereinigt. Bei randlosen Brillen wird das Glas gebohrt, bei Brillen die unten offen sind, hält ein Perlonfaden die Gläser, die gefräst werden müssen und bei Kunststofffassungen werden die Gläser nach Erwärmen der Brille in das Gestell gedrückt. Ist alles fertig, wird der Kunde per Telefon informiert und marschiert dann durch die automatische Tür ins Geschäft.
Er könnte auch auf Volkmar Mauls Tochter Elisabeth treffen. Sie hat die Meisterschule bereits absolviert. Die 24-Jährige wird irgendwann ihren Vater ablösen. Auf dem Gebiet der Farb- und Stilberatung hat sie sich schon fit gemacht, bei den Kontaktlinsen ist sie spezialisiert. Maul, der auch im Vorstand der Interessengemeinschaft Eisenbahnstraße - die Lo(c)kmeile – sitzt, wird dann aber nicht gleich in Rente gehen. „Ich werde schon noch mithelfen. Es ist ja kein Beruf, bei dem der Körper verschlissen wird.“ Er ist zudem einfach nur interessant und abwechslungsreich.
Johannisplatz. Seit 92 Jahren existiert die Optiker-Tradition in der Familie Truckenbrod. Der aktuelle Leiter des Geschäfts, Thomas, ist nicht nur Optiker, sondern auch Vorsitzender der Augenoptiker-Innung Nordsachsen und Präsident des deutschen Zentralverbands der Augenoptiker. Er kennt die Probleme und Freuden der Branche. „Den Optikern geht es überall genauso. Die demografische Entwicklung wird auch irgendwann unseren Beruf betreffen. Nicht alle kommen darauf, Augenoptiker zu lernen. Dann müssen wir uns um junge Leute kümmern.“ Derzeit seien die Lehrlingsklassen aber noch voll.
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