Carsten Pitsch ist Diplom-Forstingenieur, also das, was man für gewöhnlich, fast schon abwertend, einen Förster nennt. Wer denkt, dass Förster im Dickicht eines dunklen Waldes umherkrauchen, gelegentlich einen Baum fällen und ansonsten spazieren gehen, sollte jedoch sein Bild vom Förster korrigieren.
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Dort wo Pitsch arbeitet, gibt es kein Dickicht, ja es gibt nicht mal einen ernstzunehmenden Wald, aber genau das macht Pitschs Arbeit so interessant.
Sonnenschein in Leipzig – mal wieder. Carsten Pitsch trägt trotzdem Gummistiefel, rät auch dem Redakteur an seinen Fersen, der mit Turnschuhen angereist ist, zum sicheren Wasserschutz. Denn dort, wo Diplom-Forstingenieur Pitsch einen Teil seines Reviers hat, ist es mit Spazierwegen nicht weit her. Genau genommen ist es sogar mit Wald nicht weit her. Zumindest, wenn man sich Wald als ein Ensemble von allerlei hohen Bäumen mit dicken Stämmen und breiten Kronen vorstellt, wo es auch an einem Sonnenscheintag zeitweise finster werden kann, hin und wieder ein Reh vorbeihuscht oder ein Wildschwein grunzend in der Ecke liegt.
Rehe und Wildschweine gibt es auch im südlichen Revier von Carsten Pitsch. Die Wildautobahnen zwischen den einzelnen Baumstreifen zeugen davon. Pitsch saß selbst in der vergangenen Nacht auf einem Hochstand, um den Bestand zu regulieren. Derzeit gibt es in dem Wald direkt neben der Autobahn A 38 zu viele von ihnen. Doch Pitschs Jagd, die theoretisch nur 5 Prozent seiner Tätigkeit ausmachen soll, war nicht erfolgreich. Der Nebel in der Nacht verhinderte jede klare Sicht. Die Bäume hätten ihm auf jeden Fall kaum die Sicht verstellt.
Nachdem hier lange nach Braunkohle gebaggert wurde, wird die Landschaft gerade wieder rekultiviert. Einen Wald, in der Form wie es ihn vor 100 Jahren hier gegeben hat, wird es frühestens in 200 Jahren wieder geben. Pitschs Arbeit ist Pionierarbeit. „Aber gerade das macht es hier so spannend, ich kann aktiv an der Landschaftsgestaltung mitwirken“, so der 33-Jährige. Dass er dabei nur vier bis fünf Meter hohe Hybridpappeln, Stiel- oder Roteichen um sich hat, stört ihn nicht.
Der Blick von Förster Pitsch geht immer nach oben...
Foto: Marko Hofmann
Auf seinem täglichen Spaziergang über das Gelände überprüft der Forstingenieur diesmal einen neu gebauten Hochstand. Die Bäume sind mittlerweile so hoch gewachsen, dass Jäger und Förster vom alten Hochstand langsam nicht mehr alles überblicken können. Ein weiterer soll an der Fernwärmetrasse zwischen Lippendorf - Leipzig gebaut werden. Hier ist das Gebiet gut einsehbar, die Fernwärmetrasse ist frei von jeglichen Bäumen. Eine Bepflanzung hat keinen Sinn. Bei Problemen mit der Trasse müssen die Techniker schnell an den Ort des Geschehens. Erst kürzlich wurde deshalb großflächig gegraben, um einen Fehler zu korrigieren. Ein großer Sandkreis zeugt noch davon.
Pitsch überprüft selbst, ob das Loch ordnungsgemäß zugeschüttet wurde und jeder es gefahrlos passieren kann. Um den Standort für den neuen Hochstand für die beauftragte Firma zu markieren, müssen wir uns doch durch eine Art Dickicht kämpfen, Sträucher beiseite halten und immer einen Blick auf den Boden haben. „Haben Sie Angst vor Wildschweinen?“, fragte Pitsch nicht ohne Grund. Zu gern liegen die hier herum.
Eine Markierung mit der Spraydose später, sind wir schon wieder Richtung Auto unterwegs. Begegnet ist uns niemand. Nicht nur sind derzeit weder Spazierwetter noch Spazierzeit, das Waldgebiet ist bisher eher auch noch ein Geheimtipp. Auch Pitsch ist hier in seiner Freizeit nicht unterwegs. Er geht am liebsten im Naunhofer Forst spazieren. „Dort gibt es den See, die Waldstruktur ist vielfältig und in Leipzig ist es einfach schwer, ruhige Waldecken zu finden.“ Der fachmännische Blick bleibt aber auch dann nicht aus. „Man guckt schon anders hin als ein normaler Spaziergänger“, schmunzelt Pitsch.
Schon als Kind fand der Erzgebirgler den Wald faszinierend, der Berufswunsch war deshalb schnell formuliert. „Es sollte etwas mit Holz sein und es sollte mit Landschaftsgestaltung zu tun haben.“ Vor 14 Jahren machte Pitsch ein Praktikum im Forstdienst und begann sein Studium ein Jahr später an der Fachhochschule. Seit 2008 ist er Revierleiter für einen Teil des Staatsforstes in und um Leipzig. Sein Revier reicht dabei von Schkeuditz bis Rötha und von der ehemaligen Kreisgrenze Muldental/Leipziger Land bis nach Sachsen-Anhalt. „Die 1.300 Hektar Waldfläche sind dabei noch relativ klein, es gibt Reviere, die sind deutlich größer.“
Diplom-Forstingenieur Carsten Pitsch bei einer ganz normalen Wald-Inspektion.
Foto: Marko Hofmann
Mit dem Auto geht es auf die andere Seite des südlichen Reviers, über die B 2 Richtung Pegau, kurz hinter dem Fliegerclub Böhlen links rein. Hier sieht es schon eher nach Wald aus, sind die Bäume, die auf der ehemaligen Kippe Böhlen gepflanzt wurden, allerdings auch ein Stück älter. Jeden Tag ist Pitsch draußen, entweder hier oder im nördlichen Revier rundum die Domholzschenke. Das Wetter spielt dabei keine Rolle, Gummistiefel halten so manches ab. Immer dabei sind Notizblock, Stift, Kompass, Taschenlampe, Spraydose und das Kartenwerk, wie es offiziell bürokratisch heißt. Der Tag beginnt und endet aber im Büro. Zwischen 9 Uhr und 16 Uhr ist Pitsch draußen, bereitet dann nach, was er erledigt hat.
„Gerade im Winter verkaufe ich viel Brennholz, da muss hinterher im Büro ordentlich abgerechnet werden.“ Überhaupt ist der Winter „vollgepackt“. Neben dem Brennholzverkauf wird auch an zahlreichen Wochen zur Jagd geblasen, um den Bestand auf dem zuvor bestimmten Level zu halten. „Bis Ende Januar ist jetzt jeden Sonnabend Jagd.“ Pitsch ist dann meist als einer der Treiber eingesetzt und schießt nicht selbst. Das übernehmen die eingeladenen Jäger.
Zu jedem Gang durchs Revier gehört die Kontrolle der Sicherheit. Hängen irgendwo Äste in den Bäumen, die auf den Weg fallen könnten? Droht ein Baum zu kippen? Ist irgendwas auffällig und kann nicht sofort behoben werden, notiert es Pitsch im Notizblock und informiert dann entweder seinen Waldarbeitertrupp oder einen Unternehmer, was aufgrund des Stellenabbaus im öffentlichen Dienst immer öfter der Fall ist. Viele Waldarbeiter verloren in der Vergangenheit ihren Job, gingen zur Bahn, um dort die Strecke freizuhalten. Wenige werden mittlerweile in Colditz ausgebildet, noch weniger übernommen.
Für Pitsch heißt das, seine Aufträge an einen Unternehmer zu vergeben. Auf dem Waldgebiet der ehemalige Kippe Böhlen war die Sicherheit beim Erklimmen eines Hochstands gefährdet, ein Unternehmen hat das Problem beseitigt. Pitsch testet selbst das Ergebnis der Arbeit und ist zufrieden.
Der Revierleiter kann größtenteils selbstständig entscheiden und arbeiten, kann in seinem Revier seine eigene Handschrift hinterlassen - für ihn die größte Arbeitsmotivation bei der täglichen Umsetzung des „waldbaulichen Handels“, einem der Arbeitsziele für Förster. Sie allein entscheiden, welche Baumart wo gepflanzt werden soll, sie leiten Maßnahmen ein, um den Wald vor Gefahren zu schützen, die sie selbst vorher wahrgenommen haben. Pitsch hält zudem den Kontakt zur Sanierungsgesellschaft für das Tagebaugebiet, zu den Naturschutzverbänden und zur Talsperrenverwaltung.
Abfahrt aus dem Revier. Ein letztes Mal war Pitsch vom Waldweg abgebogen, um im tieferen Wald nach dem Rechten zu sehen. Alles in Ordnung. Am Wegesrand liegen verkümmerte Pappeln, die in der DDR oft schnell hochgezogen wurden, um ganz flott an ganz viel Holz zu kommen. Jeder hinterlässt eben seine eigene Handschrift …
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