Kultur- & Kreativwirtschaft in Mitteldeutschland: Katja Großer im Interview
Daniel Thalheim
04.12.2011
Bild: www.rkw-kompetenzzentrum.de
Sie ist die Ansprechpartnerin des Kompetenzzentrums Kultur- & Kreativwirtschaft des Bundes in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aus ihrem Büro in der Leipziger Klostergasse heraus dirigiert sie die Anträge, Beratungen und Informationen für Unternehmer und Freiberufler der Kreativbranche. Die regionale Vernetzung der Akteure gehört dazu. Katja Großer gibt einen detaillierten Einblick auf die Kreativwirtschaft in "Mitteldeutschland".
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Kürzlich wurden zwei Preise an Kreativwirtschaftler und -netzwerker vergeben: Julius Popp und Kreatives Leipzig. Ist das als Erfolg zu werten, wie es das Bundeswirtschaftsministerium mit Zahlen bundesweit belegt?
Es stimmt: Das Bundeswirtschaftsministerium hat mit seinem bundesweiten Forschungsgutachten 2009 erstmals in Zahlen ausgedrückt, welche volkswirtschaftliche Bedeutung die Kultur- und Kreativwirtschaft besitzt. Etwa 131 Milliarden Euro Jahresumsatz, mehr als 1 Million Erwerbstätige, rund 237.000 Unternehmen – so weit die Zahlen. Bei den beiden Auszeichnungen geht es aber nicht primär darum, die wirtschaftliche Potenz der Branche zu zeigen, sondern den Facettenreichtum, die außergewöhnlichen Geschäftsmodelle, das Wesen der Akteure. Die Branche ist in aller Munde, aber für Viele immer noch nicht fassbar.
Warum das und was kann man dagegen tun?
Um dem entgegen zu wirken, um der Branche Gesicht und Gewicht zu geben, wurde 2010 die Auszeichnung "Kultur- & Kreativpiloten Deutschland" ins Leben gerufen. 32 beispielhafte Unternehmen aus ganz Deutschland erhalten ein Jahr lang individuelle Unterstützung bei ihrer unternehmerischen Entwicklung, stehen aber auch ein Jahr lang im Fokus der Öffentlichkeit und repräsentieren die Branche. Sie sind greifbare und fassbare Beispiele für das, was Kreative tun. Dass die Auszeichnung in diesem Jahr zum zweiten Mal auch an einen Leipziger Unternehmer geht, sagt durchaus etwas über den Kreativstandort Leipzig und das Potential in der Region aus.
Gibt es Beispiele?
Kreatives Leipzig e.V., durch die Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft der Bundesregierung als „Bewegungsmelder der Kultur- und Kreativwirtschaft“ ausgezeichnet, belegt die Dynamik und den vergleichsweise hohen Grad an Selbstorganisation der Branche in Leipzig. Kreatives Leipzig e.V. schafft passende Informationsangebote und bietet eine Plattform zur lokalen Vernetzung – beides sind zentrale Voraussetzungen zur Förderung der Branche, wie sie auch in besagtem Gutachten 2009 nachzulesen sind.
Katja Großer berät Kreativwirtschaftler in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Bild: www.rkw-kompetenzzentrum.de
Was bewirkt so eine Auszeichnung?
Wenn Modelle wie das des Kreativen Leipzig e.V. Schule machen, kann das erheblich zur wirtschaftlichen Stabilisierung und besseren Sichtbarkeit der Branche beitragen. Darum geht es bei der Auszeichnung: Initiativen vorzustellen, die sich aus der Szene heraus konstituieren und sich in besonderem Maße um die Förderung der Branche verdient machen.
Im Topf tummeln sich unter anderem IT-Leute, Kulturmacher, Crowdfunding-Macher: Ist Kreativwirtschaft "nur" ein Begriff für einen wirtschaftlichen Trend in Richtung Kleinteiligkeit?
Nein. Die Branche ist extrem kleinteilig, ja. 97 Prozent sind Kleinstunternehmer, davon wiederum 98 Prozent sogenannte Micro-Unternehmen mit 1-3 Mitarbeitern. Mag sein, dass sie damit eine Avantgarde für eine gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist; es gibt aber Abgrenzungsmerkmale dafür, wer zur Kultur- und Kreativwirtschaft gehört, und wer nicht.
Wer gehört nun genau dazu?
Zur Branche gehören alle jene Akteure, die überwiegend erwerbswirtschaftlich - also gewinnorientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und medialen Verbreitung von kulturellen sowie kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen. Der wirtschaftlich verbindende Kern jeder kreativwirtschaftlichen Aktivität ist der sogenannte ‚schöpferische Akt‘.
Es geht um gewinnorientierte Unternehmen, um Freiberufler und Selbstständige, die ausschließlich von ihren Gewinnen leben. Es geht also nicht um gemeinnützige Vereine oder städtische Kulturbetriebe. Ausgangspunkt für jeden Wertschöpfungsprozess der Branche ist eine kreative, künstlerische Idee – der schöpferische Akt.
So ein Projekt wie VisionBakery gehört auch mit ins Boot?
Der Crowdfunding-Macher gehört also nicht zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Er ist vielmehr ein Finanzdienstleister, dessen Angebot für Kreativschaffende sehr attraktiv ist. Denn – und das vereint die vielen Kleinstunternehmer aller 11 Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft – für die Akteure ist es schwer bis unmöglich, eine Finanzierung für kreativwirtschaftliche Geschäftsideen zu bekommen. Zu unbekannt das Metier, zu schwer die Risikoabschätzung, zu gering der Kapitalbedarf. Da steigen viele traditionelle Financiers wie Banken und Fördermittelgeber aus.
David Voss stellv. Vorsitzender Kreatives Leipzig e.V., Hans Joachim Otto (Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie) und Moderatorin Katrin Bauerfeind bei der Verleihung "Bewegungsmelder der Kultur- und Kreativwirtschaft".
Bild: Matthias Petzold (Kreatives Leipzig)
Und die Kulturleute?
Bei den ‚Kulturmachern‘ muss man genau hinschauen: Der einzelne Regisseur, Musiker, Veranstalter, der für seine Arbeit Rechnungen schreibt, gehört dazu, der gemeinnützige Kunstverein, das freie Theater, das als gemeinnütziger Verein oder auch als Aktiengesellschaft geführt wird, wie z.B. die Schaubühne Lindenfels, tut es nicht.
Dann all jene, die sich mit Softwareentwicklung beschäftigen...
Und die ‚IT-Leute‘ – hier wird es tatsächlich schwierig, auch weil die Stadt Leipzig in ihren Studien hier anders abgrenzt, als der Bund und die Länder es tun. Nach Bundes-Definition zählen alle Unternehmen, Selbstständigen und Freiberufler dazu, die Software entwickeln, verlegen und dazu beraten. Dieser Teilmarkt wird in Deutschland vor allem hinzugenommen, um die internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, beispielsweise mit Großbritannien. Was bewirkt Kreativwirtschaft konkret vor Ort?
Da fällt einem angesichts der aktuellen Debatte natürlich die Aufwertung von Stadtquartieren ein. Das ist für die Kreativen Fluch und Segen zugleich, wie man sich im Leipziger Westen und aktuell im Gebäudekomplex rund um die Windmühlenstraße anschauen kann. Vielerorts in Deutschland wird um Ansiedlungen kreativer Unternehmer geworben, aber vielfach sind sie dann die ersten, die wegen Mieterhöhungen das Feld räumen müssen. Stichwort: Gentrifizierung. Dem sollte dringend entgegen gewirkt werden, sonst frisst sich die Kreativwirtschaft über kurz oder lang selbst auf.
Das ist doch nicht alles...
Die vielen Clubs, Veranstalter, Zeitungen und Magazine leisten ihren Beitrag für eine attraktive, lebenswerte Stadt. Gerade im Bereich der Veranstaltungswirtschaft kommen zusätzliche Einnahmen durch Übernachtungen, Gastronomie etc. hinzu. Stichwort: Spill-over-Effekte. Es ist an der Zeit, Kreativwirtschaftler nicht mehr als selbstreferentielle Hungerleider zu betrachten, sondern als strategischer Partner für die traditionellen Wirtschaftsbranchen. Auch in Leipzig.
Katja Großer.
Bild: www.rkw-kompetenzzentrum.de
Wie bewirkt sich die politische Förderung auf die Kreativwirtschaft aus?
Es geht zunächst einmal um Akzeptanz. Mir hat mal ein Musiker gesagt: „Seit es Dich gibt, weiß ich, dass ich nicht total bescheuert bin, mit Musik meinen Lebensunterhalt verdienen zu wollen. Vorher dachte ich immer, es sei mein Fehler gewesen, keine Ausbildung als Bankkaufmann gemacht zu haben.“ Was wir als regionale Ansprechpartner des Kompetenzzentrums Kultur- & Kreativwirtschaft des Bundes machen, ist ja eine Form von Wirtschaftsförderung, und sie erfolgt aufgrund einer politischen Entscheidung, ihr liegt ein Beschluss des Bundestages zugrunde.
Was unsere Arbeit in erster Linie bewirkt: Wir nehmen die Akteure ernst in dem, was sie tun, wir geben ihnen eine Plattform, ein Sprachrohr. Die vielen Einzelkämpfer der Branche entdecken sich selbst als Branche, formulieren Forderungen an die Stadt, werden sichtbar.
Insofern bewirkt ein politisches Engagement für die Branche, das es ja auch in Leipzig gibt, zunächst einmal, dass sich die Akteure ernst genommen fühlen. Das ist die Grundlage für Gespräche darüber, wie die Akteure gezielt unterstützt werden können.
Leipzigs Wirtschaftsdezernat auch?
Die Stadt Leipzig ist da sehr engagiert: Es besteht ein Austausch zwischen dem Branchenverband Kreatives Leipzig e.V. und der Wirtschaftsförderung, die Stadt signalisiert regelmäßig Gesprächsbereitschaft mit den Akteuren der Branche, es gibt eine eigene Kontaktstelle für die Kreativwirtschaft und viele Projekte, mit denen die Stadt gemeinsam mit den Akteuren versucht, die Rahmenbedingungen der Branche zu verbessern.
Wo gibt es ihrer Meinung nach Schwierigkeiten?
Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Leipzig ist extrem vielfältig. Anders als in anderen Städten gibt es hier noch (!) Freiraum, günstige Lebenshaltungskosten. Leipzig ist ein Labor für Kreative. Hier wird viel geschaffen – aber wenig verkauft. Die Nachfrage an kreativen Dienstleistungen oder künstlerischen Produkten ist einfach zu gering, um allen Akteuren ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Die Folge ist, dass sich die Kreativen in einen absurden Preiskampf stürzen, sich gegenseitig unterbieten, jeden Auftrag annehmen – am Ende ist damit allen geschadet. Hier müssen die Akteure einerseits befähigt werden, kluge Marketingstrategien zu entwickeln, andererseits können Stadt und Land beim Erschließen von nationalen und internationalen Märkten helfen, indem sie beispielsweise Messebeteiligungen von Kreativwirtschaftlern fördern.
Welche Anlaufstellen gibt es für junge Unternehmer, die im Bereich Kultur und Kreatives tätig sein wollen?
Zunächst einmal gibt es natürlich die Ansprechpartner bei der städtischen Wirtschaftsförderung, an die sich Kreative grundsätzlich wenden können. Spezifischeres Know-how für Kreativschaffende in Leipzig, auch in Bezug auf Räume, Fördermittel, Kooperationspartner, liefert Katja Etzold, die als „Kontaktstelle für die Kreativwirtschaft“ seit September 2011 für Leipzigs Kreative da ist.
Und mich gibt es natürlich auch. Jeden Mittwoch nachmittag biete ich im Stadtteilladen Leipziger Westen Orientierungsberatungen an. Eine Klientin hat mir mal gesagt: „Du hast mich fokussiert, motiviert und mir neue Denkanstöße gegeben.“ Das ist das, was ich mache.
Was kommt nach einem Preis wie dem der "Kultur-und Kreativpiloten"?
Die Rückmeldungen des letzten Jahrganges waren ziemlich eindeutig: Die Preisträger haben eine klarere Zielvorstellung. Sie wissen, wohin sie wollen. Und der Zugewinn an Kontakten, zu anderen kreativen Vordenkern, zu Branchenexperten und anderen Unternehmern, der ja auch über das Jahr hinaus erhalten bleibt, erleichtert ihnen den Weg dorthin. Kompass und Machete – das ist das Rüstzeug, das die Titelträger er- und behalten.
Trägt sich Kreativwirtschaft dauerhaft oder ist es immer noch spezifisch von Fördermitteln abhängig?
Noch einmal: Die oben genannten Zahlen stammen aus dem Jahr 2008, und belegen eindrücklich, welche volkswirtschaftliche Bedeutung sie schon damals hatte. Im Freistaat Sachsen gibt es bis heute keine dezidierte Förderung für die Kultur- und Kreativwirtschaft (abgesehen vom recht hoch dotierten Sächsischen Staatspreis für die Design, der alle 2 Jahre verliehen wird), und trotzdem war die Branche hier schon 2006 der zweitwichtigste Arbeitgeber nach dem Maschinenbau.
Im Wirtschaftskrisenjahr 2009 hat der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Kultur- und Kreativwirtschaft deutschlandweit um 3,5 Prozent zugenommen. Die Frage ist also nicht, ob die Branche ohne Förderung überlebensfähig ist, sondern wie man die Wachstumspotentiale der Branche bergen und ihr massives Innovationspotential für andere Wirtschaftsbranchen nutzbar machen kann. Wer das nicht tut, verschläft eine große Chance, die eigene Volkswirtschaft zukunfts- und wettbewerbsfähig zu halten.
Was passiert, wenn es Beratungsmöglichkeiten wie ihre nicht gäbe?
Ein wichtiges Handlungsfeld ist dabei, den hoch qualifizierten Akteuren dabei zu helfen, von ihrer eigenen Arbeit leben zu können, ohne sich quer zu finanzieren: Betriebswirtschaftliches Know-how, um die eigene Kreativität in Wert zu setzen, ist dringend erforderlich. Wo das nicht vermittelt wird, greift die Prekarisierung der Kreativwirtschaft um sich. Das erleben wir vor allem in Leipzig.
„Nach der Veröffentlichung der Umfrage zum Image Sachsens in der Bundesrepublik wurde vor allem eines deutlich: Die Bürger sehen die Probleme, die die Staatsregierung gerne weg redet", stellt Martin Dulig, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, zu den am Mittwoch, 23. Mai, vorgestellten Ergebnissen der deutschlandweiten Umfrage zum Image Sachsens in Deutschland fest. mehr…
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Die sächsische Staatsregierung ist ja höchst besorgt um das Bild von Sachsen - nach innen und nach außen. Also hat sie mal wieder eine Image-Befragung durchführen lassen, 4.000 Leute befragen lassen durch die GMS Dr. Jung GmbH, 1.000 in Sachsen selbst, 1.000 im Rest von Ostdeutschland, 2.000 im Westen. Eigentlich eine Befragung, die die schöne Erkenntnis bestärkt: Nehmt euch nicht so wichtig. mehr…
Der Wald steckt voller Zeichen: Hinweisschilder für Gasleitungen, Wanderwege, Graffiti oder Markierungen an Bäumen. Alles hat – meistens – seinen Sinn. Die erleb-bar hat viele dieser Symbole entschlüsselt und die Ergebnisse in einer neuen Geocaching-Tour zusammengestellt. mehr…
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