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In der Schaltzentrale von Leipzig: Oberbürgermeister Jung besucht Verbundleitwarte von SWL und KWL

Ralf Julke
Burkhard Jung in der Leitstelle der Stadtwerke.
Burkhard Jung in der Leitstelle der Stadtwerke.
Foto: Ralf Julke
Zwischen Weihnachten und Neujahr erfüllt sich auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung ein paar Wünsche. Einen erfüllte er sich am Dienstag, 27. Dezember. Da besuchte er die zentrale Verbundleitwarte in der Eutritzscher Straße. In diesem Gebäude auf dem Gelände der Stadtwerke Leipzig wird alles gesteuert, was die tägliche Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser betrifft.

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Eigentlich sind es zwei Leitstellen unter einem Dach. Im März erst hatten die Wasserwerke Leipzig (KWL) den zehnten Geburtstag ihrer Leitstelle in der Eutritzscher Straße gefeiert. "Synergien suchen ist für uns nichts Neues", sagt Dr. Ulrich Meyer, Technischer Geschäftsführer der KWL. "Vor zehn Jahren suchten wir eine Lösung für unsere zentrale Leitstelle. Das war vorher über mehrere Leitstellen im KWL-Gebiet verstreut. Wir hätten neu bauen müssen - und das hätte wohl 2 bis 4 Millionen Euro gekostet."

Weil die Stadtwerke längst eine eigene zentrale Leitstelle besaßen, zogen die Wasserwerke mit ein. Und der Laie wundert sich über das störrische Wort Verbundleitwarte. Eine Gegensprechanlage muss betätigt werden, erst dann kommen OBM, Geschäftsführer und Journalisten an diesem fast frühlingshaften Dezembertag in das Haus. Ein Fahrstuhl bringt sie in die Etage mit den glasverblendeten Räumen, in denen die Leitstellen der beiden kommunalen Versorger nebeneinander liegen. Beim Pausenkaffee treffen sich die Mitarbeiter der Leitstellen, die beide rund um die Uhr besetzt sind. Auch Weihnachten. Auch Silvester. Denn Strom und Wasser müssen verlässlich fließen. Der Leipziger merkt nur, dass es irgendwo in den Systemen hakt, wenn mal der Strom flackert oder die Heizung kalt wird oder ...

Der Möglichkeiten gibt es viele. Man sieht es an den großen Schalttafeln in den Leitzentralen, die keine Schalttafeln mehr sind, sondern elektronische Karten. Mit den Knotenpunkten, Messpunkten und Leitungen. Beim einen sind es Umschaltstationen und Stromleitungen, Gasleitungen und Fernwärmetrassen. Beim anderen Pumpen, Trink- und Abwasserleitungen.

OBM Burkhard Jung vor Schaltschema des Leipziger Stromnetzes.
OBM Burkhard Jung vor Schaltschema des Leipziger Stromnetzes.
Foto: Ralf Julke

Was passieren kann, wenn sich Störungen unverhofft ballen, erlebten Fermwärmekunden genau vor einem Jahr - da gab's bei heftigen Minusgraden gleich zwei Störungen - eine im GuD-Kraftwerk in der Eutritzscher Straße, wo mit dem Strom zusammen auch Fernwärme für Leipzig erzeugt wird, und eine im Kraftwerk Lippendorf, wo die Grundlast an Fernwärme erzeugt wird.

"Da wurden hier die Lichter auf der Anzeige erst gelb und dann rot", erinnert sich Thomas Prauße, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Leipzig GmbH. "Als sie alle rot waren, habe ich den OBM angerufen." Denn dann ist die Störung nicht mehr in kurzer Zeit zu beheben. Dann kann es - wie in diesem Fall - ein paar Stunden dauern, bis die Heizungen der Betroffenen wieder warm werden.

In der Leitstelle der Stadtwerke lässt sich der OBM die Reaktion auf Störungen im Stromnetz erklären.
In der Leitstelle der Stadtwerke lässt sich der OBM die Reaktion auf Störungen im Stromnetz erklären.
Foto: Ralf Julke
Das sind die Momente, in denen auch Leipzigs Oberbürgermeister mitbekommt, dass die Daseinsfürsorge in Leipzig ein hochkomplexes System ist. Und dass in der Eutritzscher Straße rund um die Uhr Techniker vor den Bildschirmen sitzen, jeder Meldung aus dem System nachgehen und - wenn es irgendwo tatsächlich zu Ausfällen kommt - die Einsatzmannschaften rausschicken.

Wie in der Nacht von 23. zum 24. Dezember zum Beispiel. Da schaltete sich bei Burkhard Jung in Gohlis-Süd der Radiowecker aus. Empfundene zwei Sekunden lang war der Saft weg. Was war's? Das wollte der Oberbürgermeister bei der Gelegenheit schon gern wissen.

"Zwei Sekunden sind beim Thema Strom eine sehr lange Zeit", sagt Prauße. Meistens ist es ein Kurzschluss irgendwo in einer Leitung oder in einem Schaltkasten. In der Leitstelle lässt sich die Störungsstelle bis auf die Straße genau ausmachen. Binnen Sekundenbruchteilen wird die Störungsstelle vom Netz genommen. Ein anderer Stromkreis wird zugeschaltet. "Klack, klack macht das", versucht Prauße den Vorgang bildlich zu machen. Wer im Störungsbereich wohnt, merkt es oft nur an einem kurzen Flackern der Lampen.

Nur wer direkt an der Quelle der Störung wohnt, merkt mehr davon. Denn was es genau ist, findet erst das Einsatz-Team heraus, das sofort losgeschickt wird. Manchmal muss nur eine Sicherung ersetzt werden. Manchmal ist es ein Kabel, das bei nächster Gelegenheit ersetzt werden muss.

Ein Blick in die Leitstelle der Wasserwerke Leipzig.
Ein Blick in die Leitstelle der Wasserwerke Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Aber nicht nur um Störungen geht es in der Leitstelle der Stadtwerke. Hier werden auch die Strom-, Gas- und Fernwärmemengen gesteuert, die in die Netze fließen. An einem normalen Werktag zum Beispiel gehen 290 bis 300 Megawatt Strom in die Leipziger Netze. Zwischen den Feiertagen sind es logischerweise deutlich weniger. 160 MW sind wenig später an der Digitalanzeige der GuD-Anlage zu lesen. Dazu tragen auch die Betriebsferien beim größten Stromabnehmer in Leipzig bei, der Gießerei Georg Fischer in Großzschocher - an normalen Tagen bezieht sie allein 18 MW.

Auch der Leipziger Weihnachtsmarkt machte sich deutlich im Leipziger Stromkonsum bemerkbar - 5 MW zog er zusätzlich aus den Netzen. Gemerkt hat auch das kein Leipziger. Es ist genug Strom da. Das Meiste davon wird in der GuD-Anlage produziert. Der Rest wird am Markt zugekauft. Das ist dann der Strommix, über den so viel diskutiert wird.

Nebenan bei den Wasserwerkern wird nicht gemixt. Das Trinkwasser muss klar sein, wenn es aus den Hähnen kommt. Leipzigs Problem war lange Zeit die komplette Überalterung der Netze. Das Meiste, was nach 1990 unter der Erde lag, war 100 Jahre alt und älter. Die Wasserwerke haben 20 Jahre Sanierung und Erneuerung ihrer Netze und Anlagen hinter sich. "Vor zehn Jahren hatten wir noch drei Mal so viele Störungen wie heute", erzählt Mathias Wiemann, Unternehmensbereichsleiter Netze der KWL. Noch gibt es die hundertjährigen Leitungen und Kanäle unter der Straßendecke.

Erst vor Weihnachten überraschte ein Rohrbruch in der Harkortstraße die Wasserwerker und das Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt. Die Harkortstraße ist ein Nadelöhr. Geborsten war ein Rohr aus Betonasbest. Eine Woche vor Weihnachten war es dann ausgewechselt. Die Baustelle im Nadelöhr konnte wieder beräumt werden.

Der OBM beim Besuch in der Leitstelle des GuD-Kraftwerkes der Stadtwerke Leipzig.
Der OBM beim Besuch in der Leitstelle des GuD-Kraftwerkes der Stadtwerke Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Druckanzeiger an den neuralgischen Punkten im Netz zeigen an, wo es möglicherweise Probleme gibt. Dass eine der noch nicht erneuerten Leitungen reißt, kann jederzeit passieren. "Aber wir haben da mittlerweile einen sehr guten Stand erreicht", sagt Mathias Wiemann. Die Trinkwasserverluste haben sich von mehr als einem Drittel auf knapp 10 Prozent verringert. Das ist ein Standard, der gehalten werden kann. Wiemann: "Jedes zusätzlich eingesparte Prozent wird proportional teurer. Das können wir und die Stadt uns gar nicht leisten."

Auch hier bekommen die meisten Leipziger gar nicht mit, wenn irgendwo eine Leitung abgedreht wird, weil ein Rohr gebrochen ist. Auch das Trinkwassernetz ist durch Parallelleitungen neu organisierbar. Tatsächlich ist das Leitungsnetz längst viel zu groß ausgelegt für die Stadt. 1989 flossen noch 270.000 Kubikmeter Trinkwasser täglich. Heute freuen sich die Wasserwerke sogar, wenn es mal 90.000 oder 100.000 werden. Dann werden nämlich auch die Abwasserkanäle durchgespült.

"Mittlerweile haben wir sogar mit zwei gegensätzlichen Phänomenen zu tun", sagt Dr. Ulrich Meyer, Technischer Geschäftsführer der KWL, "mit dem demografischen Wandel und mit dem Klimawandel." Der erste sorgt dafür, dass der Wasserverbrauch sinkt. Insbesondere in den Umlandgemeinden, die ebenfalls von den KWL versorgt werden. Der andere sorgt mit Starkregenfällen, die sich immer mehr häufen, dafür, dass selbst die für eine 700.000-Einwohner-Stadt ausgelegten Abwassersammler nicht ausreichen und die Kanäle punktuell trotzdem überlaufen. "Aber ein Kanalsystem, das solchen Extremereignissen genügt, kann sich niemand leisten", sagt Meyer.

In den anderthalb Stunden, in denen Burkhard Jung mit der Journalistenschar die beiden Leitzentralen in Beschlag nimmt, passiert nichts. Nichts jedenfalls, was irgendwo ein rotes Lämpchen aufblitzen lässt. Strom, Fernwärme, Erdgas und Wasser fließen in ihren Leitungen. Auch das Störungstelefon (0341) 969-2100, auf dem die Leipziger rund um die Uhr anrufen können, wenn es irgendwo im Netz der Wasserwerke hakt, bleibt ruhig.

Was noch bleibt, ist ein Weg über den Hof. Denn eine Leitstelle will Burkhard Jung noch sehen - die für das Herz der Leipziger Energieversorgung, die Gas-und-Dampfturbinen-Anlage im Nachbargebäude. Auch hier begrüßt eine Reihe Monitore die Gäste. Auch hier überreicht Burkhard Jung eine Packung Pfannkuchen an die Diensttuenden. Und lässt sich die Sache mit den beiden Gasturbinen erklären. Die jüngere wurde erst 2010 eingebaut, die ältere soll 2012 ersetzt werden. Die Anlage fährt sichtlich nicht unter Volllast, muss auch nicht - wie im Frostwinter vor einem Jahr - die Reservekapazitäten zuschalten. Dann könnten 200 plus 90 MW Fernwärme erzeugt werden.

Doch das wird diesmal nicht gebraucht. Das Thermometer draußen zeigt 8 Grad Celsius, für Mittwoch sind 9 Grad angekündigt. Schnee und Frost gibt's derzeit nur in höheren Berglagen.


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