Ein kleiner Schritt für die Energiemetropole Leipzig: Solarcity und NEU e.V. unterzeichnen Kooperationsvertrag
Ralf Julke
07.07.2012
Winfried Damm und Holger Tschense.
Foto: Ralf Julke
Wenn es um Leipzigs Zukunft geht, fühlt man sich immer öfter an den unvergesslichen Satz von Neil Armstrong erinnert, den er am 21. Juni 1969 sagte, etwas atemlos, weil er selbst noch völlig aus dem Häuschen war: "That’s one small step for man ..." - Männer müssen viele kleine Schritte tun, damit die Menschheit aus dem Mustopp kommt. Am Freitag, 6. Juli, gab's wieder einen kleinen Schritt. Zwei Männer unterschrieben eine Kooperationsvereinbarung.
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Der Versprecher, der aus dem "großen Schritt für die Menschheit" einen "großen Sprung" machte, ist legendär. Umso legendärer, als die USA in den 1970er Jahren nicht nur ihr Mondprogramm beendeten, sondern sich in den letzten Jahren immer mehr aus der bemannten Raumfahrt verabschiedeten, weil die Strategen im Weißen Haus das Geld für Kriege um Öl im Nahen und Mittleren Osten dringender brauchten. Oder zu brauchen glaubten. Der Krieg fraß den Fortschritt.
In Sachsen ist es die Braunkohle, die immer wieder den energetischen Umbau des Landes ausbremst. Mit 12 Tonnen CO2-Ausstoß pro Einwohner und Jahr ist Sachsen einer der größten Klimasünder in der Bundesrepublik. Und all jene, die auf einen 100prozentigen Umbau der Energiebasis drängen, landläufig als "Energiewende" bezeichnet (Kapitän Egon Krenz lässt grüßen), haben ein schweres und mühsames Brot.
"Aber ich denke, wir haben auch Erfolge zu verzeichnen", sagt Holger Tschense, Vorsitzender des Solarcity e.V. Er war einer der beiden Männer, die zum Federhalter griffen, um eine Kooperationsvereinbarung zu unterschreiben. Und das mit einem wesentlich jüngeren Partner.
Denn Solarcity wird - man glaubt's nicht gleich - in diesem Jahr 15 Jahre alt. 1997 begann der Verein, den Einsatz von Photovoltaik in Leipzig zu propagieren, Partner zu gewinnen, die mitzogen, Pilotprojekte zu initiieren und diejenigen, die gern mit Solarkraft "was anfangen" wollten, zu schulen.
E-Tankstelle - hier am Haus der Demokratie.
Foto: Ralf Julke
"Natürlich gehört die Lobbyarbeit dazu", sagt Tschense. "Bis heute. In der Verwaltung, der Wirtschaft, der Wissenschaft." 127 Mitglieder hat der Verein. Da und dort hat er die Vorreiterrolle an andere abgegeben. "Aber auch das war ja gewollt", sagt Tschense. Nur wenn Technologien zum Allgemeingut werden, werden sie auch selbstverständlich.
Heute wird auch bei der offiziell so genannten "Energiewende" die Solarenergie als Teil eines Energiemixes gesehen, der in wenigen Jahren schon die Grundlast der Energieversorgung in Deutschland sichern soll. Bioenergie - mit dem Biomasseforschungszentrum in Leipzig stark vertreten - ist ein zweiter wichtiger Teil dieses Mixes, Windenergie und Wasserkraft kommen noch dazu.
Einige dieser Einzelwege in die Energiezukunft spiegeln sich in den fünf Cluster-Teams wieder, die sich im Rahmen des Netzwerkes Energie & Umwelt e. V. (NEU e.V.) gebildet haben. NEU ist wirklich neu: Erst im Januar 2011 gegründet, hat dieser Verein, der alle Initiativen der Energiemetropole Leipzig bündeln will, heute 40 Mitglieder.
Vorsitzender ist Dr. Winfried Damm, den viele Leipziger noch kennen als Organisator der Elektro-Mobilität im Bereich der Stadtwerke Leipzig. Er durfte die ersten E-Tankstellen einweihen. Und logischerweise gibt es im NEU e.V. auch ein eigenes Cluster-Team Elektromobilität.
Damm war der zweite Mann, der am Freitag den Kooperationsvertrag im Haus der Stadtwerke Leipzig an der Eutritzscher Straße unterschrieb. Der NEU e.V. hat dort ein kleines Büro. Die Geschäftsstelle betreut Lisa Keck.
Winfried Damm und Holger Tschense bei der Unterschrift zum Kooperationsvertrag.
Foto: Ralf Julke
Die Kooperation mit einem der ältesten Leipziger Vereine in Sachen Energie und Umwelt ist ein logischer Schritt, stellt Tschense fest. Denn mit dem Andocken an den NEU e.V. bekommt Solarcity, das seit zwei Jahren auf eine EFRE-Förderung verzichten muss, wieder Unterstützung in der eigenen Arbeit. "Die ja weiter geht", sagt Bernd Genennig, Geschäftsführer des Vereins. Der Verein organisiert Informationsveranstaltungen für alle, die sich für Solaranlagen interessieren. Und seit 2002 bildet er zertifizierte Energieberater aus. "Architekten und Bauingenieure in der Regel", so Genennig, "die sich bei uns zum Energieberater qualifizieren." Sie werden tätig, wenn es um die Erstellung von Energieausweisen und die Beratung von Gebäudebesitzern geht, wenn sie Wege suchen, ihr Haus energiesparender zu machen.
Da kommt also auch geballtes Knowhow ins wachsende Netzwerk des NEU e.V. In der Netzwerkarbeit sieht Damm sein Hauptarbeitsfeld: Leute zusammen zu bringen, die sich sowieso schon mit all den Themen um die Energiezukunft von Leipzig und Region beschäftigen. Dazu gehören Herstellerfirmen und Energieproduzenten, Projektentwickler und Forschungseinrichtungen. "Wir sind ja am Wissenschaftsstandort in den letzten Jahren deutlich vorangekommen", sagt Damm und benennt den Vattenfall-Lehrstuhl für Energiemanagement und Nachhaltigkeit an der Uni Leipzig und die zunehmende Fokussierung auf moderne Energie- und Umwelttechniken an der HTWK.
Das Ziel könne nur sein, so Genennig, Leipzig irgendwann zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu versorgen. "Das wird ein langer und nicht einfacher Weg", ist sich Damm sicher. Aber Leipzig hätte mit dem, was sich da gerade entwickle, tatsächlich die Chance, zur Energiemetropole zu werden.
Was sich, so Damm, auch auf Bevölkerungszahl, Bildungsangebot und Arbeitskräftesituation auswirke. Die Unternehmen, die in diesem Bereich entstünden, würden nicht nur Wissenstransfer brauchen (den sie schon jetzt auf diversen Cluster-Veranstaltungen bekommen), sondern auch Praktikanten suchen und künftig vermehrt Personal einstellen.
Dass Solarcity erst einmal nur eine Kooperation einging, hat natürlich auch mit den gewachsenen Strukturen zu tun. "Wir beschnuppern uns erst einmal und probieren aus, ob es klappt", sagt Tschense. "Aber ich denke, wie sind beim NEU e.V. genau richtig. Nach 15 Jahren ist es auch Zeit, einmal Resümee zu ziehen und sich zu überlegen, wie es weiter geht." Und im Netzwerk könnte das durchaus in neuer Form geschehen. Denn Pionierarbeit in Sachen Solarenergie muss der Verein ja nicht mehr leisten. In Leipzig ist die Botschaft angekommen.
Auf Landesebene ist das noch etwas diffizil, denn die sächsische Regierung hält sich noch beinah panisch an der Braunkohle fest. Es wird ein ganz ähnliches Gefühl sein, wie es Neil Armstrong hatte, als er den ersten Schritt in den Mondstaub tat. Deswegen hat er sich ja dann auch sprachlich ein bisschen verhaspelt. Aber vielleicht hört man ja mal aus Dresden die mutige Fortsetzung des Satzes.
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