Sachsen und das Loblied auf Monsanto: Landwirtschaftsminister Frank Kupfer diffamiert Gentechnik-Kritiker
Ralf Julke
31.01.2010
Kritik für Monsato-Werbung.
Der Film "Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika", ist seit Weihnachten im Kino. Der Mann, dessen Schicksal da verfilmt wurde, scheint auch Sachsens Umweltminister zu faszinieren. Ein Spruch von Albert Schweitzer ziert seine Website: "Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst."
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Autsch, könnte man sagen. Denn das, was der sächsische Umweltminister Frank Kupfer (CDU) sich in der letzten Woche als Glanzstück von Lobbyarbeit leistete, hat mit einer Sorge um die Zukunft wenig zu tun. Jedenfalls nicht der ihm anvertrauten Zukunft der sächsischen Flora und Fauna, die nicht vom Maiszünsler bedroht wird, wie man am Donnerstagabend, 28. Januar, im Dresdener Rudolf-Harbig-Stadion wohl glauben konnte – oder sollte.
Eigentlich war es eine Informations- und Netzwerkveranstaltung des sächsischen Clusters der Biotechnologie "biosaxony". Das ist – von den Forschungszweigen und den Anwendungen her – zwar ein Gemischtwarenladen, in dem der Freistaat alles versammelt, was irgendwie mit Biotechnologie zu tun hat – von der medizinischen Forschung über die industrielle Anwendung bis hin zur Gentechnik in der Agrikultur. Doch die Veranstaltung in der Reihe "Biotech meets public" unter dem Titel "Zukunftsindustrie oder Schutz vor Genmonstern? Grüne und weiße Biotechnologie in Sachsen und Deutschland" entpuppte sich schon im Vorfeld als mögliche Werbeveranstaltung für den weltgrößten Konzern, der gentechnisch verändertes Saatgut an den Bauern bringen will: Monsanto.
Und das steckte nicht nur im Titel oder in der Ankündigung eines der drei Hauptredner, Dr. Andreas Thierfelder, Pressesprecher der Monsanto Agrar Deutschland GmbH, der sich zu "Genetisch veränderte Pflanzen als Beitrag zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft" äußern wollte. So weit, so üblich: Der Konzern, der gern mehr als die 13,3 Millionen Landwirte weltweit und die 125 Millionen Hektar Boden, auf denen schon heute seine Genpflanzen angebaut werden, unter seine Regie bekommen möchte, gibt sich seit lauten Protesten aus aller Welt gern als Umweltschützer und behauptet für seine Produkte eine Nachhaltigkeit, die durch keine wissenschaftliche Studie untermauert ist.
Website des sächsischen Umweltministers Frank Kupfer: Nachdenken mit einem Spruch von Albert Schweitzer.
Screenshot: L-IZ
Und das ist das Problem: Kritische Studien werden nicht nur von diesem US-amerikanischen Konzern ignoriert, sie fallen auch in Deutschland regelmäßig unter den Tisch. Und nur dann und wann findet eine deutsche Politikerin wie Ilse Aigner, die CSU-Umweltministerin, den Mut, die durchaus Fragen aufwerfenden Studien zur Kenntnis zu nehmen und ein möglicherweise mit bedrohlichen Wirkungen behaftetes Produkt wie den Genmais MON810 für den Vertrieb in Deutschland zu verbieten.
Dieser Vertrieb ist noch immer verboten. Trotzdem haben auch 2010 wieder zehn sächsische Bauern den Anbau dieser Maissorte zu "Testzwecken" auf Vorrat angemeldet. Versuchsfelder gab es in den letzten Jahren in Sachsen immer wieder – doch kein einziges Mal wurde der Anbau dieser Maissorte dazu genutzt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen des Anbaus auf die biologische Umgebung genauer zu erforschen. Das lag weder im Interesse der einzelnen Bauern noch in dem des saatgutliefernden Konzerns. Es könnte ja die Legende untergraben, der Mais sei genau die Wunderwaffe, die heutige Bauern brauchten, um der vielen nagenden Schädlinge auf ihren Feldern Herr zu werden.
Und so zündelte sogar die Organisation biosaxony selbst schon bei Ankündigung der Veranstaltung auf ihrer Website: "Den Maiszünsler in Deutschland wird es freuen: Seine Nahrungsquelle bleibt vorerst weiter wohlbekömmlich. Die Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner, CSU, ließ im Frühsommer diesen Jahres die gentechnisch veränderte Maissorte MON 810 in Deutschland verbieten." – Das „wohlbekömmlich“ bezieht sich auf das genetisch in MON 810 eingebaute Gift, das den Maiszünsler fern halten soll – das aber möglicherweise auch andere Insekten schädigt.
Hier ist aber auch ein verstörtes „Ähäm!“ fällig: biosaxony arbeitet im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit. Und dann wird die Ankündigung einer staatlichen Veranstaltung formuliert wie ein zynischer Werbetext des Saatgutmultis Monsanto? – Das klingt selbst im Freistaat Sachsen anrüchig.
Und der Autor des PR-Textes ließ es beim heißen Anreißer nicht bleiben, sondern tat weiter so, als hätte Ilse Aigner ohne Kenntnis und Verstand gehandelt. "Während im medizinischen Bereich – der roten Biotechnologie – keine Erfindung schnell genug zu den Patienten kommen kann, ist dies im Bereich der Pflanzen, also bei allem was direkt oder indirekt mit Lebensmitteln zu tun hat, ganz anders. Die einen sagen, man schafft mit Einschränkungen Abhängigkeit von ausländischen Lizenzen, Forschungsförderung verfehlt ihr volkswirtschaftliches Ziel und unternehmerische Aktivität verlagert sich ins Ausland. Die anderen möchten nicht essen müssen, was in Labors genetisch manipuliert wurde und in Monokulturen außerhalb Deutschlands ganze Landstriche verändert."
Und dabei blieb es bekanntlich nicht. Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) nutzte die Veranstaltung im Harbig-Stadion, um in genau dieselbe Kerbe zu hauen und das Loblied auf Monsanto zu singen, ohne einen einzigen Seitenblick auf die ihm anvertraute Landwirtschaft in Sachsen, die eben nicht nur 10 Bauern umfasst, die sich auf das Hasardspiel mit Monsanto einlassen wollen.
Umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion: Michael Weichert.
Foto: Grüne Fraktion Sachsen
"In seiner Begrüßungsrede hielt er den zahlreich erschienenen Kritikern der Agro-Gentechnik vor, eine sachliche Debatte zu verweigern", kritisiert ihn der Leipziger Landtagsabgeordnete Michael Weichert (Bündnis 90/Die Grünen), der selbst an der Veranstaltung teilnahm. Stattdessen behauptete Kupfer, die Kritiker schürten eine unbegründete Skepsis gegenüber der Agro-Gentechnik. Und dies habe dazu geführt, dass diese in Sachsen bisher nur eine untergeordnete Rolle spielen würde. Es sei töricht, so der Landwirtschaftsminister, der zugleich Umweltminister des Freistaates ist, auf die Genmanipulation von Pflanzen zu verzichten. Er begründete dies mit der wachsenden Weltbevölkerung und deren Ernährung.
"Landwirtschaftminister Frank Kupfer ist für alle 6.960 landwirtschaftlichen Betriebe in Sachsen verantwortlich und nicht nur für die 10 Landwirte, die in der Vergangenheit auf Agro-Gentechnik setzten", kommentiert Michael Weichert, landwirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. "Das sollte er sich endlich einmal vor Augen halten."
Und nicht nur das: Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen torpediert eines der Hauptziele, das sich der Freistaat in der Landwirtschaft gesetzt hat: den nachhaltigen Umbau der sächsischen Landwirtschaft zu einer ökologischen Landwirtschaft. Einfach zum Vergleich: Schon Mitte 2009 gab es in Sachsen 358 Öko-Bauernhöfe mit rund 28.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und etwa 280 Betriebe, die Öko-Produkte weiterverarbeiten. 28 Betriebe hatten die vom Freistaat gewährte Förderung für einen Umstieg von der konventionellen zur Öko-Landwirtschaft beantragt. Wer einmal mit Öko-Produkten auf den Markt will, ist in der Bundesrepublik in der Beweispflicht, dass in keinem Teil der Produktionsstrecke gentechnisch veränderte Produkte zum Einsatz kommen oder Verunreinigungen durch solche auftreten.
Das heißt nicht nur für Imker, die im Freistaat sowieso schon ein saures Brot zu essen haben, dass sie bei Zulassung von Genpflanzenanbau keinen gentechnikfreien Honig mehr bekommen – es heißt auch, dass sich im größeren Umkreis um die Gen-Testfelder kein Öko-Betrieb mehr niederlassen kann.
Wenn der gelernte Fernmeldetechniker Kupfer das Lied von Monsanto singt, macht er die wirtschaftlichen Bestrebungen all der sächsischen Bauern zunichte, die mit ökolögischer Produktion ihre Betriebe am Laufen halten wollen. Der Markt wächst übrigens seit Jahren. Auch wenn nur 5 % der sächsischen Bauern mittlerweile Öko-Landbau betreiben: 30 % der sächsischen Verbraucher kaufen regelmäßig Produkte aus ökologischem Anbau.
"Die deutlichen Bemühungen des Veranstalters, eine sachliche Debatte zu führen, was sich unter anderem im Vortrag von Dr. Marc Struhalla, Geschäftsführer der Leipziger c-LEcta GmbH widerspiegelte, machte Minister Kupfer mit seiner Polemik zunichte", ärgert sich Weichert. "Es zeugt von mangelndem Selbstvertrauen und Fachwissen, dass er Fragen zu seinem Vortrag entweder nicht zuließ bzw. eine Antwort gänzlich schuldig blieb."
Auf die Frage aus dem Publikum, warum gentechnikfrei arbeitende Betriebe die Mehrkosten für Analysen tragen müssten, mit denen sie nachweisen, dass ihre Produkte gentechnikfrei sind, antwortete Kupfer zynisch: "Das ganze Leben kostet."
"Tiefer kann des Gesprächsniveau kaum noch sinken", ist Weichert entsetzt. Er fordert Landwirtschaftsminister Kupfer auf, "auf den Boden von Fakten und Tatsachen zurückzukehren und künftig mit Argumenten statt mit Anfeindungen und Phrasen aufzuwarten. Dazu gehört auch, wissenschaftliche Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, die nicht den eigenen Standpunkt stützen."
Und es bedeutet, einen Satz von Albert Schweitzer nicht nur als Schönheitspflästerchen zu begreifen: "Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst."
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