Hacken abwetzen, an einem Strang ziehen und Musik: Jahresausklang der Leipziger Messe
Ralf Julke
15.12.2011
Neues Messegelände Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Kurz vor Weihnachten sind auch in Leipzig alle Messen gelungen und abgerechnet, dann wird schon mal überschlagen, was das Messejahr gebracht haben könnte. So um die 68 Millionen Euro Umsatz. "Es war ein richtig gutes Jahr", sagt Martin Buhl-Wagner, der Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe. Ort der kleinen guten Bilanz: ein Heuboden.
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Es ist der einstige Heuboden der einstigen Remise in der Goldschmidstraße 12. Die hieß, als sie 1843/1844 auf dem Gelände des Groß-Bosenschen Gartens angelegt wurde, Königsstraße. Das Haus war damals die Nummer 3. Und im August 1845 zog hier Familie Mendelssohn ein. Zwei Jahre später, im November 1847, starb Felix Mendelssohn hier. Viel zu jung. Aber die Musikstadt Leipzig hatte er als Gewandhauskapellmeister gründlich umgekrempelt.
So gründlich, dass Jürgen Ernst, Direktor des Mendelssohn-Hauses, immer wieder gern erklärt, was eigentlich anders ist seit Mendelssohn. Am Dienstag, 13. Dezember, holt er ein wenig weiter aus. Denn in der zum Gartensaal umgebauten Remise oben auf dem Heuboden, der nur noch so anmutet, aber seit Jahren für klassische Konzerte und kleinere Veranstaltungen genutzt wird, empfing die Leipziger Messegesellschaft noch einmal die Wirtschaftsjournalisten, mit denen sie sowieso mehrfach im Jahr zusammenkommt. Doch diesmal ging es nicht um spezielle Messen, auch noch nicht um die Bilanz des Jahres - die wird irgendwann Anfang 2012, wenn alle Zahlen komplett sind, vorgestellt.
Es ging um einen ersten Rückblick. Immerhin gab's ja einige Veränderungen, etliches wurde ausprobiert, vieles neu justiert. Denn der Messemarkt verändert sich. Hat er schon immer getan, seit Leipzig vor über 500 Jahren das kaiserliche Messeprivileg erwarb. Mit dem Husarenstreich, vor über 100 Jahren aus der kriselnden Warenmesse kurzerhand eine Mustermesse zu machen, die sofort Erfolg hatte, hat die einst größte und wichtigste deutsche Messegesellschaft nachhaltig Geschichte geschrieben. Dass sie heute in heftiger Konkurrenz zu einem Dutzend weiterer deutscher Messeplätze bestehen muss, ist das Ergebnis der deutschen Geschichte. Es ist kein leichtes Kämpfen, das gab auch Buhl-Wagner zu.
Doch auch die Veränderungen, die sich 2011 abzeichneten und die sich 2012 auch wieder in neuen Messeformaten zeigen, gehören zu dieser langen Geschichte der immer neuen Anpassungen an die Wünsche von Markt und Kunden - und zur Konkurrenz.
Mal in den Worten Martin Buhl-Wagners etwas technisch ausgedrückt, was die Leipziger Messe nun eigentlich geworden ist: "Als integrierter Messedienstleister mit unserem Service- und Tochternetzwerk und einem diversifizierten Messe-Portfolio steht die Unternehmensgruppe auf festen Säulen. Wir haben das Angebot der vernetzten Servicedienstleistungen weiter gestärkt, um für Kunden einen höheren Mehrwert zu schaffen. Die strategische Neuausrichtung trägt Früchte."
Den normalen Messebesucher wird das eher anmuten wie böhmische Dörfer. Für den Messe-Historiker sind das alles neue Worte für eine alte Leipziger Tugend: die Bereitschaft, sich die Hacken abzulaufen für die Kundschaft. Neu-Deutsch: Service. Klassisch: Dienstleistung.
36 Messen fanden 2011 auf dem Neuen Messegelände statt.
Foto: Ralf Julke
Messemacher sind Dienstleister. Vom Vertragsmacher ganz oben bis zur freundlichen Servier-Kraft in der Messe-Tochtergesellschaft Fairgourmet. Die den vom Wind hereingetragenen Journalisten auch die Getränke offerierten. Denn es dauerte ja ein bisschen. Auch wenn das Kulturprogramm dann eher der abendliche, von Jürgen Ernst geführte Rundgang durchs Mendelssohn-Museum war. Vorher gab's Reden. Auch von Jürgen Ernst, der - wie erwähnt - weit ausholte. Bis zum Jahr 1743, als 16 Leipziger Kaufleute und Staatsangestellte beschlossen, 16 Musiker für ein städtisches Orchester zu finanzieren. Was ein Novum war, wie Ernst betont.
"Vorher leisteten sich nur Fürsten ein eigenes Orchester. Diese von Fürsten finanzierten Orchester gibt es auch heute noch. Heute sind das die Staatskapellen. Zum Beispiel die Sächsische Staatskapelle in Dresden."
Dass Johann Sebastian Bach sich zeitlebens um solche fürstlichen Kapellmeistertitel bemühte, erwähnt er nicht. Bach, findet er, ist in Leipzig viel zu sehr in den Vordergrund gestellt. "Wir sind doch kein Bischofssitz, dass wir einen Kirchenkomponisten so in den Mittelpunkt stellen müssen", sagt er. Launig. Denn um Bach geht es ja eigentlich weniger. Eher darum, dass die Gestalt des großen Thomaskantors den Blick auf das eigentliche Wesen der Musikstadt verstellt. Und auf die Rolle der Kaufleute und Händler in dieser Stadt, die nicht nur mit ihren Steuern den Thomaskantor bezahlt, sondern auch jenes Orchester von 1743 protegierten. Personell und ab 1781 auch mit einem eigenen Konzertraum auf dem Boden des Gewandhauses. So dass aus dem Orchester das Gewandhausorchester wurde. Das an dieser Stelle dann von Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert wurde. Womit sich der erste Kreis schloss, den Ernst schlug. Wenn er erst einmal über sein Lieblingsthema spricht, ist er kaum zu bremsen.
Diesmal mit der Pointe: Ohne Leipzigs Krämer und Händler hätte es beides nicht gegeben - nicht das Gewandhausorchester und nicht die Messe. Das gehört zusammen. Nun haben es auch die Wirtschaftsjournalisten mal gehört.
Irgendwie ist das eine nun über Jahrhunderte reichende Erfolgsgeschichte. Und eine des Hackenabwetzens. Deswegen steht ja auch im Neuen Gewandhaus zu lesen: "Res severa verum gaudium". Übersetzt: Eine ernste Sache ist ein wahres Vergnügen. Mancher meint, zwischen severa und verum fehle noch ein est. Die Verknappung kann aber Absicht sein. Aus dem fehlenden "est" wird ein unsichtbares Gleichheitszeichen. Nur wer seine Sache ernst nimmt, hat auch Vergnügen daran. Nur wer sich die Hacken abwetzt, hat am Ende geschäftlichen Erfolg. Leipziger Krämergeist. Auf Lateinisch.
Oder das Ideal, zu dem sich auch die heutige Messegeschäftsführung bekennt. Martin Buhl-Wagner: "Ob bestehende Veranstaltungen ausgebaut, das Portfolio mit neuen Messen wie der PostPrint, med.Logistica, World of Trophies oder denkmal Moskau erweitert, das Kongressgeschäft gestärkt oder die Dienstleistungen der Töchter öfter verkauft wurden - jeder Bereich des Unternehmens trägt zum Erfolg bei. Als integrierter Messedienstleister profitieren wir von der immer besseren Vernetzung innerhalb der Unternehmensgruppe. Wir übernehmen das komplexe Management und verknüpfen Serviceleistungen. Für den Kunden gibt es nur einen Ansprechpartner, egal ob am Messeplatz Leipzig oder im Ausland. Das wissen unsere Kunden zu schätzen. Und das sichert uns Stabilität und damit eine ausgewogene Unternehmensentwicklung."
Für 2011 zieht die Messe eine erste positive Bilanz.
Foto: Ralf Julke
Ergebnis: Rund eine Million Gäste besuchten im Jahr 2011 die 36 Messen, 93 Kongresse sowie 34 Veranstaltungen in den Bereichen Business, Politik, Sport und Unterhaltung, die den Leipziger Messekalender füllten. Zu den Messen kamen rund 11.500 Aussteller.
Noch einmal zum Stichwort Dienstleistung - Geschäftsführer Markus Geisenberger ergänzt: „Unser Plus ist die gelebte Firmenstruktur. Mutter- und Tochterunternehmen ziehen an einem Strang. Dadurch decken wir das gesamte Leistungsspektrum der Veranstaltungsbranche ab, wodurch kaum ein Firmenauftrag zu klein und keine Veranstaltung zu groß für uns ist. Hinzu kommt ein konsequentes betriebswirtschaftliches Denken und Handeln aller sechs Messefirmen.“
Hacken ablaufen und alle an einem Strang. Und die Erfahrungen aus über 500 Jahren, die auch die kleine Ahnung wach halten, dass man auch an die Zukunft denken muss. Sonst schafft man die nächsten 500 nicht. Heute heißt das: Nachhaltigkeit.
Um ihrer Vorreiterrolle auf dem Gebiet Nachhaltigkeit weiterhin gerecht zu werden, hat sich die Leipziger Messe 2011 erneut mit dem Green Globe Siegel zertifizieren lassen. Die dazu erforderlichen 294 Kriterien erfüllte sie mit 90 Prozent.
„Dass sich die Unternehmensgruppe mit diesem Ergebnis um ein Drittel im Vergleich zum Zertifizierungsprozess 2010 verbessern konnte, ist dem gemeinsamen Engagement aller Mitarbeiter zu verdanken“, sagt Martin Buhl-Wagner. „Das Thema Nachhaltigkeit wird im Unternehmen gelebt.“
Die Tochtergesellschaft Fairnet hat sich einem eigenen Zertifizierungsprozess gestellt und das Siegel „Sustainable Company powered by FAMAB“ errungen. Damit zertifiziert der Branchenverband FAMAB (Verband für Direkte Wirtschaftskommunikation) Unternehmen aus der Messe- und Kongresswirtschaft, die sich zum nachhaltigen Umgang mit Kunden, Partnern, Lieferanten und ihren Mitarbeitern bekennen.
Hacken abwetzen, an einem Strang ziehen und Geschäftspartner pflegen. Was will man mehr? - Die Verträge für nächstes Jahr, so Geisenberger, sind fast alle unterschrieben. Eigentlich, so sagen beide Geschäftsführer, sei man längst im nächsten Jahr. Im Januar geht's auf dem Messegelände ja dann wieder los - mit Babygeschrei. "Sie wissen ja", sagt Buhl-Wagner, "unser Messekalender hat eine ganz bestimmte Choreographie."
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