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Angst vor der Energiewende? - Der Ruf nach sächsischem Braunkohlestrom schadet mittlerweile der Energiezukunft

Ralf Julke
Sachsens Kohlezukunft ist überhaupt nicht sicher.
Sachsens Kohlezukunft ist überhaupt nicht sicher.
Foto: Daniel Thalheim
Unternehmer sind auch nur Menschen. Sie lesen Zeitung, hören sich die Botschaften der Politiker in Fernsehen und Radio an. Und wenn ihnen der hundertste Experte erzählt, dass die Stromversorgung künftig in Gefahr sei, dann heben sie zur Vollversammlung der IHK natürlich die Hand. Jawoll, wir brauchen die Braunkohle. So geschehen in der Vollversammlung der IHK in Chemnitz.

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Sie formulierte noch im Dezember eine Forderung nach einer langfristig sicheren Braunkohleversorgung für stabile Energiepreise anstelle eines Umbaus des Energiesektors hin zu Erneuerbaren Energien. Die Panikmache der großen Konzerne, die sich mit allen Mitteln des Marketings gegen eine Veränderung des Energiemarktes wehren, zeigt immer wieder Früchte. Dass dann ganze Kammern geschlossen gegen die eigene Region und die eigenen kommunalen Energieversorger votieren, ist vielen der Akteure gar nicht bewusst.

"Handlungsunfähige politische Akteure sollten die Wirtschaft nicht dazu verleiten, die notwendigen Anpassungen im Energiesektor zu unterlassen", erklärte dazu Antje Hermenau, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Sächsischen Landtag. Einen Monat später zeigte sich, was die falschen Weichenstellungen der Politik mittlerweile bedeuten. Am 5. Januar titelte zum Beispiel das "Manager Magazin": "Deutschland braucht erstmals Ösi-Strom".

Was so klang, als könne Deutschland nach dem Abschalten mehrerer Kernkraftwerke seine Stromversorgung nicht mehr sichern, entpuppte sich beim Genauer-Lesen als das Gegenteil: Am 8. und am 9. Dezember produzierten deutsche Windkraftanlagen zu viel Strom, die die Stromleitungen Richtung Süden und Italien komplett blockierten. Da der Strom aber an Italien verkauft war, konnte er nicht umgeleitet werden - Baden-Württemberg musste in Österreich Strom zukaufen. Kurzfristig. Aber das Fazit war deutlich: Alternative Energiequellen produzieren mittlerweile mehr Strom, als in den bestehenden Netzen sinnvoll verteilt werden kann. Die Netzbetreiber hängen mit dem notwendigen Bau neuer Stromtrassen um Jahre hinterher. Und das auch, weil die deutsche Energiepolitik in den letzten sieben Jahren ein ständiges Vor und Zurück markiert. Immer wieder wird an den Förderprogrammen geschustert. Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernkraft wurde verkündet. Jedesmal brachen komplette Investitionshorizonte in sich zusammen.

Energieanlagen und Infrastrukturen brauchen 20, 30 Jahre Planungshorizont. Wer aller paar Monate die Rahmenbedingungen ändert, zerstört genau das.

Antje Hermenau: "Es ist nicht neu, dass der Gang der Geschichte die schwarz-gelbe Koalition in Berlin und Dresden zu Einsichten zwingt, auf die sie politisch nicht vorbereitet sind. Ihnen fällt auf die Füße, dass sie sich aus ideologischen Gründen mit vielen Themen nicht befassen wollten und nun politisches Neuland betreten, das sie nicht beherrschen. Wer aber auch in zehn Jahren nicht nur bei 'trocken Brot' sitzen will, muss sich den notwendigen Anpassungen stellen - die Energieversorgung gehört dazu."

"Bezahlbar"  ist Kohleverstromung schon in nächster Zukunft nicht mehr.
"Bezahlbar" ist Kohleverstromung schon in nächster Zukunft nicht mehr.
Foto: Ralf Julke

In Sachsen kommt das Thema Braunkohleverstromung hinzu. Auch deren Ende ist beschlossen. Ab 2013 steigen die Kosten für CO2-Emmissionszertifikate rapide an und der sächsische Kraftwerkbetreiber spielt mittlerweile Szenarien durch, seine Kohlekraftwerke in Sachsen zu verkaufen oder stillzulegen. Denn auch die Möglichkeit, das CO2 im Erdreich zu verpressen, hat der gescheiterte Kompromiss im Bundesrat verhindert. Noch exportiert Sachsen Kohlestrom. Das wird ab 2013 schon anders sein.

"Es ist richtig, dass der Umbau der Energiewirtschaft Geld kostet. Geld, das wir jetzt noch haben, auch seitens der öffentlichen Hand im Rahmen des 'Aufbau Ost'. Diese notwendigen Investitionen werden sich für Unternehmen und Verbraucher auszahlen", mahnte Hermenau. "Die Staatsregierung muss die Kommunen und Stadtwerke in den nächsten Jahren dabei unterstützen, eigene Solar- und Windparks aufzubauen. Hier wären das Geld für den 'Aufbau Ost' sinnvoll angelegt. Denn so sichert man mittelfristig preisgünstige regionale Energieversorgung und stärkt die Finanzkraft der Kommunen als Wirtschaftsstandorte."

Doch dafür braucht es Planungssicherheit. Genau die Planungssicherheit, die die aktuelle sächsische Politik den Stadtwerken nicht zu bieten vermag, weil sie noch immer die Hoffnung nährt, ab 2013 bliebe Braunkohlestrom bezahlbar. Das Wort "bezahlbar" taucht in jeder Stellungnahme der Staatsregierung zum Braunkohlestrom auf. Es ist eine Illusion.

"Schon jetzt machen Erneuerbare Energien den Strom an der Börse billiger, so dass Stadtwerke und Industriebetriebe dort günstiger einkaufen können. Die Börsenpreise liegen momentan auf dem gleichen Niveau, wie vor der Abschaltung der ersten Atomkraftwerke", stellt Hermenau fest. "Die Kilowattstunde Strom aus Windenergie an Land (On-Shore) kostet im Schnitt nur noch 6 bis 9 Cent. Dieser Preis sinkt, während die Preise für Braunkohlestrom durch die neue Stufe des Emissionshandels ab 2013 und die zunehmende Rohstoffknappheit steigen werden."

Selbst das, was Unternehmen am alternativen Strom gern bemängeln, wird schon bald kein Wettbewerbsnachteil mehr sein. Die Einspeisevergütung für Erneuerbare Energien ist degressiv angelegt und sank zum 1. Januar wieder. Nach Berechnungen des Bundesumweltministeriums (BMU) wird deshalb die EEG-Umlage nur noch moderat ansteigen und ab 2015 sogar sinken. In den nächsten Jahren fallen dann sogar die ersten Anlagen aus der Förderung. Durch Speichermöglichkeiten, wie sie jetzt schon von einigen Herstellern angeboten werden, wird der Eigenverbrauch immer attraktiver. Damit werden die Verbraucher auch von steigenden Rohstoffpreisen (Stichwort: China) entlastet.

"Weil auch die Einspeisevergütung für neue Solaranlagen jedes Jahr geringer wird, kann der selbsterzeugte Solarstrom vom Hausdach schon im Januar 2012 genau so viel kosten wie Strom vom Lieferanten. Damit wird der Eigenverbrauch immer attraktiver und die EEG-Umlage wird deshalb in den nächsten Jahren nicht weiter steigen", betont Hermenau.

Und warum sind dann die Strompreise 2011 weiter angestiegen? Hängt das mit dem Abschalten der Atommeiler zusammen? - Schon längst nicht mehr. Denn Strompreise werden mittlerweile an der Energiebörse generiert. Und immer mehr Strom wird von den Versorgern kurzfristig geordert. Am liebsten dann, wenn er - etwa aufgrund von viel Wind oder Sonne - richtig billig zu haben ist. Billiger wird der Einkauf auch, wenn man sich preiswerte Kontingente am Terminmarkt für den nächsten Monat oder das nächste Jahr sichert. Diese Preise sind mittlerweile wieder da, wo sie vor dem Atomausstiegs-Moratorium waren.

Nach der Abschaltung der Meiler ist der Strompreis für die Verbraucher hauptsächlich aufgrund steigender Gaspreise um rund 5 bis 10 Prozent angestiegen. Und so lange fossile Energieträger (wie eben das Gas) zum Energiemix gehören, werden die Kostensteigerungen hier durchschlagen auf den Gesamtstrompreis.

Die Studie des Bundesministeriums für Umwelt: www.erneuerbare-energien.de

Der Beschluss der IHK zu Chemnitz: www.chemnitz.ihk24.de

Der Strom-Import aus Österreich im "Manager Magazin": www.manager-magazin.de


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