Luftqualität 2011 in Sachsen: Feinstaub und Stickstoffdioxid belasten vor allem Ballungsgebiete
Ralf Julke
25.01.2012
Leipzig im November 2011.
Foto: Matthias Weidemann
Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) hat am Dienstag, 24. Januar, eine erste Bilanz zur Luftqualität des Jahres 2011 in Sachsen gezogen. "Keine Entwarnung für Feinstaub und Stickstoffdioxid in Ballungsgebieten" hat es drübergeschrieben. Auch wenn das nur die Hälfte des Problems ist. Die andere Hälfte ist der Verkehr.
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Das wurde 2011 bei Stickstoffdioxid (NO2) genauso wieder deutlich wie bei der gemessenen Feinstaubkonzentration.
So war an den verkehrsnahen Messstationen in den Ballungszentren von Dresden, Leipzig und Chemnitz die NO2-Belastung auch im letzten Jahr wieder zu hoch, stellt das Amt fest. Der zulässige Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m³) als Maß für eine Dauerbelastung konnte in allen drei Städten nicht eingehalten werden. Der höchste Jahresmittelwert ist mit 50 µg/m³ an der Bergstraße in Dresden gemessen worden.
Nur an der Messstelle Lützner Straße in Leipzig reduzierten sich die NO2-Konzentrationen gegenüber dem Vorjahr merklich, stellt das Umweltamt fest. Was auf einen besonderen Umstand zurückzuführen ist: Die Großbaustelle in der Lützner Straße hat auch im von der Baustelle nicht berührten Teil der Straße seit Mai 2011 eine andauernde Reduzierung des Verkehrs auf etwa zwei Drittel der sonst üblichen Verkehrszahlen bewirkt.
Dadurch konnte der Grenzwert für NO2 an dieser Station knapp eingehalten werden. Zur Erinnerung: Für gewöhnlich ist die Lützner Straße - als Teilstück der B 87 - mit 46.000 Fahrzeugen täglich eine der meistbefahrenen Straßen in Leipzig. Deutlicher als mit dem Rückgang des Verkehrs durch die Baustelle und die damit gesunkenen Belastungen bei den Stickstoffemissionen konnte gar nicht dargelegt werden, welche Rolle der motorisierte Verkehr bei der Luftbelastung spielt. Nach Einschätzung der Luftexperten des LfULG müsse jedoch mit dem Ende der baustellenbedingten Verkehrseinschränkungen wieder mit ansteigenden NO2-Konzentrationen gerechnet werden.
Inversionswetterlage über Leipzig im November 2011.
Foto: Matthias Weidemann
Bei einem anderen Emissionsthema freilich gab es 2011 zwei Rekordwerte: Bei Feinstaub (PM10) gab es an der Messtation Leipzig-Mitte (am Hauptbahnhof) 63 Tage mit Grenzwertüberschreitungen. 2008 waren es 39 Tage gewesen, 2009 dann 30, 2010 mit 41 Tagen schon einen Trend nach oben. Immer wieder hatten auch innerstädtische Kritiker vermutet, da könnten diverse Baustellen in der Nähe eine wichtige Rolle gespielt haben.
Doch das Argument trifft auf die Messstelle in der Lützner Straße nicht zu, wo es 2008 immerhin nur 28 Tage mit Grenzwertüberschreitung gab, 2009 waren es 51 und 2010 dann 49. 2011 wurde sogar an 69 Tagen die Latte gerissen. Und nicht nur in Leipzig wurden 2011 die Grenzwerte übertroffen.
Der Feinstaubgrenzwert ist 2011 in fünf Städten überschritten worden, teilt das LfULG mit. Er beträgt 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft und darf an maximal 35 Tagen im Kalenderjahr überschritten werden. Während Leipzig mit mehr als 60 Tagen mit Grenzwertüberschreitung herausragt, waren es in Dresden-Bergstraße 46 Tage und Dresden-Nord 42 Tage, in der Leipziger Straße in Chemnitz 39 Tage, in Zwickau 53 Tage und in Görlitz 46 Tage.
Auch das LfULG betont: "Alle sieben Stationen sind verkehrsnah gelegen."
Die Ursachen für die Grenzwertüberschreitungen seien jedoch differenziert zu betrachten. Denn gegenüber 2010 stieg die Zahl der Einzelüberschreitungen des Tagesgrenzwertes im Durchschnitt um 5 Prozent.
Die Inversionswetterlage hält die Dunstglocke über Leipzig - hier über Südvorstadt und Fockeberg.
Foto: Matthias Weidemann
Das lag - wie auch das Umweltamt bestätigt - vor allem am vorherrschenden Wetter. - "Geprägt wurde die Feinstaubbelastung 2011 hauptsächlich durch zwei lang anhaltende PM10-Episoden. In der Zeit vom 17. Februar bis zum 16. März und im November stiegen die PM10-Konzentrationen großräumig an, so dass es während dieser Zeiten zu einer Häufung von Überschreitungen der 50 µg/m³-Marke kam. Ursachen waren neben lang anhaltender Trockenheit ausgeprägte Inversionswetterlagen, die zu einem eingeschränkten Luftaustausch führten."
Was dann konkret bedeutet: In den Regionen, in denen besonders viel Feinstaub erzeugt wird, sammelt er sich in der Luft auch an. Deswegen taucht in der Analyse des Amtes auch das Wort Ballungsraum auf. Da kann man dann zwar von Feinstaub-Einträgen aus der Umgebung sprechen. Aber dazu gehören - wie in Leipzig - eben auch die Autobahnen. Was eigentlich auch die Notwendigkeit nahe legt, das Thema Feinstaubbelastung deutlich größer zu denken als in der städtischen Dimension.
Ballungsraum schließt eben für Leipzig auch den Raum Halle mit ein, wo es ähnliche Effekte zu beobachten gab. Auch dort wurde an der Merseburger Straße an 47 Tagen und an der Paracelsusstraße an 68 Tagen der Höchstwert überschritten. Der Effekt ist simpel: Wenn die Grundbelastung in einer Region mit Inversionswetterlage schon hoch ist, schnellen an stark frequentierten Straßen wie der Lützner und der Paracelsusstraße die Werte noch schneller über die Grenzmarke. Und bleiben mit Anhalten der Wetterlage auch länger dort.
Dabei sorgt dann die Beckenlage von Leipzig und Halle zusätzlich dafür, dass Luftmassen sich schlechter austauschen.
"In Ostsachsen hat sich die PM10-Belastung 2011 gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert", analysiert das Landesamt. "Der PM10-Jahresmittelwert sank hier im Durchschnitt um 11 Prozent. Nach vorläufigen Auswertungen sei das auf einen Rückgang des Ferneintrages aus östlicher Richtung zurückzuführen, der im Jahr 2010 - meteorologisch bedingt - besonders hoch gewesen sei. In Zittau konnte der 24-Stunden-Grenzwert 2011 dadurch wieder eingehalten werden." Heißt im Klartext: Wenn der Anteil der offenen Feuerungsanlagen in Polen zurückgeht, verringert sich auch die Feinstaubbelastung im östlichen Sachsen. Da gibt es sogar noch Puffer, wie das Amt feststellt: "An der Messstation Görlitz, die neben dem Verkehr im Winter auch durch den Hausbrand von Görlitz und der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec beeinflusst wird, hätte die Reduzierung des Hintergrundniveaus allerdings nicht ausgereicht, um den Tagesgrenzwert einzuhalten."
Und das Bedenkenswerte dabei ist: Inversionswetterlagen treten seit einigen Jahren in Folge des Klimawandels verstärkt auf. Im November sah sich das Umweltministerium deshalb auch zu einer Warnung veranlasst. Denn die hohen Feinstaubkonzentrationen werden ja für viele Betroffene auch zur gesundheitlichen Belastung.
Bei anderen Luftschadstoffen - wie bei Ozon (O3) - hat das besondere Wetter 2011 freilich dazu geführt, dass keine nennenswerten Belastungen entstanden. Dasselbe gilt für Benzol, Schwefeldioxid, Feinstaub PM2.5 - die Messwerte lagen bei diesen Schadstoffen deutlich unterhalb von Grenz- und Zielwerten.
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