Grünen-Antrag hat das Netzwerk Logistik Leipzig-Halle alarmiert: Das könnte international verstanden werden
Ralf Julke
23.01.2012
Start eines DHL-Frachtfliegers.
Foto: Flughafen Leipzig / Halle, Uwe Schoßig
Sie sind alle Mitglieder in diesem Verein - die Logistiker aus der Region, der Flughafen, Geldinstitute, Personaldienstleister, Grundstücksmakler. Der Netzwerk Logistik Leipzig-Halle e. V. ist unter den Lobbyverbänden in Mitteldeutschland ein gewichtiger Mitspieler. Doch jetzt schlägt er Alarm. Alarmiert hat ihn ein Antrag der Grünen-Fraktion im Leipziger Stadtrat.
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Noch im März 2011 waren sich die Leipziger Stadtratsfraktionen weitgehend einig darüber, dass Leipzig an seiner 2,1-prozentigen Beteiligung an der Mitteldeutschen Flughafen AG festhält. Man hatte ja gerade einmütig beschlossen, in der Fluglärmkommission aktiver zu werden, dort vor allem die so genannte Bonusliste durchzusetzen und damit endlich für eine Minderung der nächtlichen Lärmbelastungen im Leipziger Luftraum zu sorgen. Doch das ist jetzt zwei Sitzungen der Fluglärmkommission her - die Anträge der Stadt Leipzig, vorgetragen von der Leiterin des Amtes für Umweltschutz, Angelika von Fritsch, wurden beide Male abgeschmettert. Die Entsandte der namensgebenden Großstadt wurde unerledigter Dinge wieder nach Hause geschickt, ganz so, als wären die Sorgen der Metropole nicht mal ein Umdenken wert.
Einige der Mitglieder aus dem Netzwerk Logistik Leipzig-Halle sitzen auch in der Fluglärmkommission und haben durch ihren Widerspruch mit dafür gesorgt, dass sich die Kommission auch in ihrer 41. Sitzung im Dezember nicht einmal darauf einigen konnte, über das Thema Fluglärmbegrenzung überhaupt nachzudenken.
Dass die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen dann mit einiger Folgerichtigkeit schon am 17. November den Antrag ins Verfahren brachte, den Anteil der Stadt Leipzig an der Flughafen-Holding, die auch den Internationalen Flughafen Dresden betreibt und mit Millionensummen zur Konkurrenz für den eigenen Airport Leipzig-Halle aufgebaut hat, von 2,1 auf 0,2 Prozent zu senken, hätte im schlagkräftigen Netzwerk noch niemanden beunruhigt. Man nahm dort die Grünen bislang so ernst wie die Kommunen selbst. Auch dass Halle seinen Anteil schon lange deutlich gesenkt hat, hat dort niemanden verunsichert. Die Strategie im Flughafen-Konzern gibt die sächsische Staatsregierung vor. Wen interessieren denn da die Städte und ihre Politiker?
Doch Politik ist manchmal auch schlicht Symbolik. Und manches Zeichen ist deutlich. Und wenn die eigentlich namensgebende Metropole in einer Flughafen-AG ihre Anteile drastisch senkt und das dann auch noch damit begründet, dass "die Vertreter der Stadt Leipzig in den Aufsichtsräten der MFAG (OBM Jung) bzw. des FLH (Wirtschaftsbürgermeister Albrecht) keinen nennenswerten bzw. nachhaltigen Einfluss auf die Strategie bzw. Entscheidungen des Flughafens ausüben können" und auch noch auf das Ignorieren der berechtigten "Forderungen der Stadt Leipzig, darunter vier Stadtratsbeschlüsse zum Flughafenausbau" anspielt, dann ist das auch ein Signal an ein Wirtschaftscluster, das auch vom guten Ruf der Messe-, Handels- und Verkehrsknoten-Stadt Leipzig profitiert.
Start eines DHL-Frachtfliegers auf dem Flughafen Leipzig / Halle.
Foto: Flughafen Leipzig / Halle, Uwe Schoßig
Richtig Schwung bekam der Vorstoß der Grünen, als auch der Leipziger CDU-Vorsitzende Detlef Schubert erklärte, dass er ihn unterstütze. Immerhin steht für Leipzig zu Buche, dass es das Cluster Logistik in den letzten Jahren stets massiv unterstützt hat - unter anderem mit kulantem Grundstückstausch im Norden und mit tatsächlich 80 Millionen Euro, die Leipzig in die Flughafen-Holding gegeben hat. Welche Schäden an der Reputation der Logistiker jetzt ein deutliches Signal des Rückzuges im Leipziger Stadtrat bedeuten würde, diese Botschaft scheint jetzt im Netzwerk Logistik Leipzig-Halle tatsächlich endlich angekommen zu sein. Es spricht sich nun öffentlich klar gegen die von der Fraktion der Grünen im Leipziger Stadtrat beantragte Reduktion der städtischen Anteile an der Mitteldeutschen Flughafen AG aus.
"Eine Verringerung dieser von 2,1 Prozent auf 0,2 Prozent könnte die weitere Entwicklung der Logistikregion negativ beeinflussen", heißt es in der zugehörigen Mitteilung des Vereins, der durchaus zu ahnen beginnt, dass zum Standort eben nicht nur ein Flughafen in scheinbar menschenleeren sibirischen Weiten gehört, sondern eine Großstadt, die mit ihrer Ausstrahlung dem Flughafen erst zu wahrnehmbarer Power verhilft.
So weit hat man das auch schon analysiert: "Der Leipzig/Halle Airport, Deutschlands zweitgrößtes Frachtdrehkreuz, gilt als Dreh- und Angelpunkt der aufstrebenden Logistikregion im Herzen Mitteldeutschlands. Ein Gutachten des Fraunhofer-Instituts SCS in Nürnberg identifizierte den Flughafen im Dezember 2011 als einen der wichtigsten Pluspunkte im Standortwettbewerb der Logistikregionen. Der Airport ist einer der Hauptgründe für den rasanten Aufstieg des Standorts in die Liga der 'etablierten Logistikregionen' und 'Europäischen Gateways'."
Und dann so ein Signal aus Leipzig? - Da wird auch Toralf Weiße, Vorstandsvorsitzender des Netzwerk Logistik Leipzig-Halle e.V., mulmig. "Ein fast vollständiger Rückzug der Stadt Leipzig aus der Gesellschafterrolle könnte sowohl national als auch international als Distanzierung der Stadt Leipzig von dieser Entwicklung missverstanden werden. Das wäre ein fatales Zeichen für das Standortmarketing“, sagt er.
Die Logistikbranche hat in den letzten Jahren in der Region einen Beschäftigungsboom erlebt. Mehr als 5.000 Mitarbeiter werden derzeit im direkten Flughafenumfeld beschäftigt. Über neun Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in der Region – und damit deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt – entfallen mittlerweile auf den Logistiksektor, rechnet der Verein vor. Selbst in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise sei dieser Bereich kontinuierlich gewachsen. Aber was macht man draus?
„Gerade vor dem Hintergrund, dass die Arbeitslosenquote in Leipzig nach wie vor deutlich über dem sächsischen Durchschnitt liegt, wäre eine Verringerung des Engagements der Stadt Leipzig trotz nachgewiesener Ansiedlungserfolge nicht nachvollziehbar“, meint Toralf Weiße. "Im Interesse der regionalen Logistikwirtschaft und der mehr als 100 Mitglieder unseres Netzwerkes, die rund 17.000 Arbeitnehmer beschäftigen, spricht sich das Netzwerk Logistik Leipzig-Halle klar gegen den Vorschlag einer Reduzierung der Anteile der Stadt Leipzig an der Mitteldeutschen Flughafen AG aus."
Die erste Botschaft des Grünen-Antrages ist also, wie es aussieht, angekommen. Die zweite, wie es aussieht, noch nicht. Denn auch das Argument mit der Arbeitslosigkeit zieht irgendwann nicht mehr. Nicht, wenn in Leipzig die Sozialetats nicht sinken, weil die Entlohnung in vielen der neu geschaffenen Arbeitsfelder zu gering ist. Nicht, wenn jetzt eine Branche nach der anderen Fachkräftemangel und Nachwuchsprobleme signalisiert.
Auch das wird die Logistiker im Leipziger Norden betreffen. Es sind ja keine Faulen und Aussortierten, die des Nachts die Flugzeuge befüllen. Das Arbeitskräftefeld ist eines von immer mehr Feldern, auf denen man mittlerweile kooperieren muss. Und das heißt - überraschenderweise - die Logistiker müssen sich mit den Großstädten ins Einvernehmen setzen, müssen Anträge und Beschwerden ernst nehmen. Langfristig funktioniert das Cluster Logistik in Mitteldeutschland nur, wenn auch die so selbstbewussten Transport-Fachleute wieder lernen, die hier lebenden Bürger und ihre politischen Interessenvertreter als gleichwertig zu achten und ernst zu nehmen.
Der erste Schritt ist getan. Jetzt kann man von allen Vertretern in der Fluglärmkommission eigentlich mehr erwarten als das übliche Vertagen auf den Sanktnimmerleinstag.
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