Arbeitsverweigerung der "Weltverkehrsexperten" in Leipzig: Die Zukunft der globalen Mobilität bis 2050 sieht finster aus
Ralf Julke
30.05.2010
Verkehrskonzepte für die Zukunft?
Montage: L-IZ
Vom 26. bis 28. Mai tagten sie in Leipzig: Die Entscheidungsträger und Verkehrsfachleute aus 52 Ländern – beim Weltverkehrsforum in Leipzig. Es gab eine Menge Trompetengetöse, viel Zukunftsverheißung, einen Eiertanz um Elektro-Mobilität und eine Studie, die für die Zukunft Erschreckendes verheißt.
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Vorgestellt hat sie Jack Short, Generalsekretär des International Transport Forum, schon am Mittwoch, 26. Mai. "Transport Outlook" nennt sich das Werk, das von Experten des ITF/OECD Joint Transport Research Centre erstellt wurde. Das Wort Experten stammt aus der Pressemitteilung des Forums selbst.
Tatsächlich verbirgt sich hinter diesem "Centre" nicht im Ansatz eine Forschungseinrichtung. Eine unabhängige schon gar nicht. Hier arbeiten die "researchers from transport Ministries and Transport Research Agencies in 51 countries" zusammen. Es ist also das, was auf internationaler Ebene in der Regel eine Kommission genannt wird, in der sich Forscher und Staatssekretäre zusammensetzen und versuchen, ein für alle gültiges Papier zu erstellen. Zuallererst also: Politik. In zweiter Linie: Lobbyarbeit. Echte Forschungsarbeit gar im Sinne des Mottos, das sich das Weltverkehrsforum selbst gesetzt hat – „Verkehr und Innovation – die Potenziale ausschöpfen“ – Fehlanzeige.
Es geht um einen Überblick über "trends and developments in the transport sector". Und wer das zur Grundlage macht, bekommt natürlich ein finsteres und beklemmendes Bild von der Zukunft. Denn die aktuellen Trends sind mittelalterlich, von Einzel- und Profitinteressen dominiert – und im Grunde ist die Studie sogar ein Eingeständnis, dass die Verkehrsminister der wichtigsten Länder der Erde weder eine Vision, schon gar keine Strategie und erst recht keinen Willen haben, den Weltverkehr zukunftsfähig zu machen. Sie halten sich lieber an Wachstumsprognosen fest, die die Globalisierungsphase der letzten 20 Jahre auch für die nächsten 40 Jahre fortschreiben.
Und so heißt es in der kurzen Auswertung: "Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung und steigende Einkommen werden die globale Nachfrage nach Transportangeboten stark steigen lassen und weltweit enormen Druck auf die vorhandenen Verkehrssysteme ausüben."
Das ist immerhin eine der zentralen Aussagen der Studie „Transport Outlook 2010“. "Die Forscher gehen davon aus, dass die Kapazitäten mit der steigenden Nachfrage nicht werden mithalten können. Die Verkehrsinfrastrukturen müssten deshalb vor allem immer effizienter genutzt werden", heißt es weiter. Es ist nicht die einzige Aussage, die stutzen lässt. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Krise, die gezeigt hat, wie anfällig die internationalen Verkehrsströme sind. Innerhalb weniger Monate sind die Volumina und Preise im Transportsektor drastisch zusammengesackt. Das Handelsvolumen fiel laut CPB World Trade Volume Index um 20 Prozent, die Frachtraten für Schüttgut fielen von 2007 auf 2008 dramatisch um den Faktor 8.
Heißt im Klartext: Innerhalb weniger Wochen wurde aus einer völlig ausgereizten Frachtkapazität ein massiver Überhang an nicht vermietbarer Tonnage. Containerschiffe blieben im Hafen liegen, weil sie ihre Transportkapazität nicht auffüllen konnten. Und die flexibleren kleineren Einheiten, die die gesunkene Nachfrage wirtschaftlich hätten abfangen können, fehlten – die waren in den letzten Jahren, als die Giganten der Meere immer größer und tiefgängiger wurden, in Indien verschrottet worden. In summa: Auf weltweite Schwankungen sind die auf Effizienz getrimmten Transportlinien nicht mehr eingerichtet. Und Alternativen fehlen.
Im Gegenteil: Die "Experten" aus den Verkehrsministerien setzen weiter auf eine Zunahme der Tonnagen und Kapazitäten. Der alte Reflex dominiert ihr Denken: Wachstum auf Teufel komm raus. Beispiel Luftverkehr:
"Der Luftverkehr ist der am schnellsten wachsende Bereich des Transportsektors", heißt es in Auswertung der Studie. "Die ITF-Ökonomen erwarten, dass sich der Luftverkehr, gemessen an der Zahl der Passagiere, bis 2050 gegenüber 2010 verdreifachen wird. Diese Prognose liegt deutlich unter den Prognosen der Luftfahrtindustrie selbst. Die wird nach Ansicht der ITF-Ökonomen nur erreicht werden, wenn China und die anderen asiatischen Länder ihre Luftfahrtmärkte im Rahmen von 'Open Skies'-Vereinbarungen liberalisieren."
Nur zum Anmerken an dieser Stelle: Die großen Luftfahrtkonzerne, die ohne milliardenschwere Subventionen überhaupt nicht mehr existieren würden, begründen ihren Hunger nach staatlichen Subventionen mit überhöhten Prognosen im Passagieraufkommen. Die USA unterstellen zum Beispiel den Europäern, dass sie Airbus in den letzten 30 Jahren mit über 200 Milliarden Dollar suventioniert hätten. Und da die Europäer den Amerikanern bei Boeing Ähnliches vorwerfen, kann man davon ausgehen, dass daran eine Menge Wahres ist – und dass auch Russen und Chinesen ihre Flugzeugbauer mit Milliarden subventionieren. Das Ergebnis ist eine Schlacht um Rabatte, Preise und Aufträge, die allesamt auf Kosten der jeweiligen Wirtschaften gehen. Ein ganzes Segment der Welttransportwirtschaft ist ohne Dauersubvention durch Steuergelder überhaupt nicht überlebensfähig.
Da kann selbst die Erwartung der "ITF-Ökonomen" bezweifelt werden, dass sich die Passagierzahl im Luftverkehr bis 2050 verdreifachen wird. Das wird nur passieren, wenn die großen Nationen weiter Hasard mit ihrer Subventionspolitik spielen. Und das können sich – wie es aussieht – weder Europäer noch Amerikaner weiter leisten.
Die ITF-Studie mogelt sich um die Herausforderungen der Zukunft herum.
Montage: L-IZ
Aber auch beim Automobil scheinen die ministeriellen Experten einig zu sein, dass es da – trotz Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und sehr nahem "peak oil" immer so weiter geht. "Besitz und die Nutzung von Autos scheint in den entwickelten Ländern ein Plateau zu erreichen", wird da behauptet. "Dies ist nicht notwendigerweise Ausdruck einer Sättigung des Marktes, sondern die Folge steigender Benzinpreise, wachsender Einkommensunsicherheit und dem Wechsel zu schnelleren Verkehrsträgern wie Flugzeug oder Hochgeschwindigkeitszügen."
Darf man fragen, wieviele "Experten" aus den großen Autokonzernen mitschrieben an der Studie? – Denn das "Plateau" wurde nicht erst mit der Explosion der Benzinpreise 2008 erreicht. Die großen Konzerne steckten schon Jahre vorher in der Krise. Denn wenigstens der europäische und amerikanische Markt sind seit Jahren gesättigt. Auch wenn sich nicht nur deutsche Verkehrsminister fleißig bemühen, immer neue Straßen für immer mehr Autos zu bauen. Eine Subvention, die sich mit der aktuellen Überschuldungskrise genauso als bedrohlich für den Finanzhaushalt selbst eines reichen Landes wie der Bundesrepublik erwiesen hat.
Nicht ohne Grund wird in Deutschland mittlerweile diskutiert, welche Verkehrsinvestitionen Vorrang bekommen sollen. Auch Verkehrsminister Peter Ramsauer muss in seinem Haushalt einsparen. Man darf gespannt sein, wie er entscheidet und ob er den Mut hat, eine nachhaltige Lösung zu suchen.
Denn darum geht's – auch wenn man bei den "internationalen Verkehrsexperten" das Wort Nachhaltigkeit vermisst. Subventionierte Flugzeug- und Containerschiff-Flotten sind alles andere als nachhaltig. Sie sorgen nur dafür, dass sich immer mehr Länder für eine künstliche Transportblase fortwährend neu und tiefer verschulden.
"Das Verkehrswachstum wird erhebliche Auswirkungen auf künftige CO2-Emissionen des Mobilitätssektors haben", dekretieren die ITF-Studien-Autoren. "Um etwa den Ausstoß an Klimagasen durch leichte Transportfahrzeuge zu stabilisieren, müssten deren Motoren ihren Treibstoff doppelt so effizient verbrennen wie bisher. Bis 2050 müssten Autos einen globalen Durchschnittsausstoß von nur noch 90 Gramm pro Kilometer erreichen."
Ein Horrorszenario mit vielen Wenn und Aber. Völlig ausgeblendet die schlichte Tatsache, dass die entwickelten Länder eigentlich versprochen haben, ihren CO2-Ausstoß zu senken. Aber das ist der Punkt, um den sich die "Verkehrsexperten" schon beim letzten Weltverkehrsforum herumgemogelt haben.
"Nachfrage-Management im Verkehrssektor kann helfen, Emissionen zu senken", ist ein Fazit der Studie. "Die Steuerung des Bedarfs ist ohnehin dringend notwendig, um andere Verkehrsprobleme wie Staus, Luftverschmutzung oder Lärm zu reduzieren." Man kann den Satz drehen, wie man will: Es steht die Formel "ohnehin dringend notwendig" drin. Normalerweise heißt das selbst im politischen Sprachgebrauch: Jetzt müssen die Weichen umgelegt werden, jetzt müssen die politischen Instanzen die Steuerung übernehmen.
Aber wollen sie? – Die Studie besagt: Nein. Sie weigern sich. Die "ITF-Experten" halten das – gegen die eigenen Erkenntnisse – nicht einmal für ein Hauptinstrument, um das Wachstum von CO2-Emissionen zu begrenzen. Was ja schon deutlich weniger ist als die dringend notwendige Senkung des CO2-Ausstoßes.
"Zum einen wären Eingriffe in einer Größenordnung nötig, die nicht machbar und wirtschaftlich nicht wünschenswert wären, zum anderen könnten technologische Innovationen besser Lösungen liefern, um Klimaziele zu erreichen", heißt es in der Auswertung. Ein Liedchen, das in dieser Weise auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sang bei seinem Auftritt in Leipzig.
Es ist das alte Heilsversprechen, wie man es aus der Autowirtschaft so oft gehört hat. Und Minister um Minister nimmt das als billige Ausrede dafür, die alte, nur durch Subventionen mögliche Verkehrspolitik, ins Endlose fortzuschreiben. Werden sie also – da sie sich so einig sind – einen Wechsel in der Verkehrspolitik aufschieben bis zur nächsten Weltwirtschaftskrise? Werden sie weiter den Toten Mann spielen ganz nach dem Motto: Wer sich zuerst rührt, hat verloren?
Das kann nicht gut gehen. Und: Es ist längst unbezahlbar.
Und so einigt man sich auch wieder nur auf den alten, minimalen gemeinsamen Nenner, der so schön nach einem Großen Schritt klingt: "Nach Meinung der ITF-Wissenschaftler muss die Optimierung beim Brennstoffverbrauch die Kernstrategie beim Abbau verkehrsbedingter CO2-Emissionen sein. Gleichzeitig müsse der Energiemix des Mobilitätssektors dringend verändert werden, um ein erneutes Ansteigen der Verkehrsemissionen nach 2050 zu vermeiden."
Es ist abzusehen: Das wird nicht funktionieren. Es wird die verkehrsbedingten Emissionen – wenn überhaupt – nur minimal senken. Und es verschiebt die Verantwortung: Von dem zum Handeln beauftragten Minister hin zu Konzernen, die keinem Wähler und keinem Steuerzahler gegenüber in der Rechenschaft stehen.
„Die Politik muss diesen langfristigen Prozess jetzt auf den Weg bringen“, erklärte Jack Short, Generalsekretär des International Transport Forum. "Innovation ist der Schlüssel. Wir brauchen ihn in allen Bereichen: Um die bestmöglichen Ergebnisse aus etablierten Technologien zu bekommen und um neue Wege zu eröffnen, die Mobilität sauberer, sicherer, zugänglicher und effizienter machen.“
Große Worte für eine Packung ohne Inhalt. "Die Zukunft der globalen Mobilität" ist ein Verweigerungsthema der visionslosen Verkehrsminister.
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