Europäischer autofreier Tag: Sächsische Energieagentur wünscht sich was
Ralf Julke
22.09.2010
Seltener Anblick: kein Verkehr.
Foto: Ralf Julke
Er fällt, wie er eben fällt, der europäische autofreie Tag. Diesmal ist der 22. September ein Mittwoch. Und natürlich trifft kaum zu, was sich die Sächsische Energieagentur (SAENA) wünscht: "Stellen Sie sich vor, morgen treten Sie auf die Straße und kein Auto kommt ihnen entgegen."
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Man sollte es lieber bleiben lassen, auch aus dem simplen Grund: Der autofreie Tag schafft es einfach nicht, in Leipzig politische Wirklichkeit zu werden. In Sachsen auch nicht.
"Kaum vorstellbar, aber wünschenswert", stellt die SAENA fest. Und legt den frommen Wunsch nach: "Wir können nur alle sächsischen Bürger animieren, auf das Fahrrad oder den öffentlichen Verkehr umzusteigen. Bei kurzen Strecken geht es vielleicht auch zu Fuß“, meint Christian Micksch, Geschäftsführer der Sächsischen Energieagentur.
Durchschnittlich die Hälfte aller Fahrten mit dem Auto sind kürzer als sechs Kilometer, da lohne es sich durchaus nach Alternativen zu suchen: zum Beispiel das Fahrrad. Es verursacht keinen Lärm, keine Schadstoffe und hält den „Betreiber“ fit. Auf Strecken von bis zu 10 Kilometern ist es zeitlich kaum zu schlagen. Ist die Region bergig, ist die Anschaffung eines Fahrrades mit elektronischer Unterstützung, dem Pedelec, interessant.
Eigentlich nur sonntags so zu sehen: Straße ohne Autoverkehr.
Foto: Ralf Julke
Hübsch. Aber politisch noch längst nicht gewollt. Das motorisierte Kraftfahrzeug dominiert bis heute auch in Sachsen alle Planungen und - gerade wieder in den aktuellen Haushaltsdiskussionen zu erleben - die Geldverteilung hin zu neuen Straßenprojekten, weg von energiesparenden alternativen Verkehrsarten wie etwa dem ÖPNV. Solche Botschaften sind deutlicher als die ferne Existenz eines autofreien Tages, zu dem sich kein Bürgermeister medienwirksam aufs Rad schwingt, kein Minister auf seinen Dienstwagen verzichtet, keine einzige Stadt in Sachsen mal probehalber die ganze Bevölkerung aufruft, einfach mitzumachen.
In Leipzig fahren noch immer 58 Prozent aller Erwerbstätigen mit dem Auto zur Arbeit, etliche erzwungenerweise, andere schlicht aus Bequemlichkeit. Und Auto fahren in Leipzig ist deutlich bequemer als etwa die Nutzung des ÖPNV. Nachzulesen in der Auswertung der Bürgerumfrage von 2008. 57 Prozent der Leipziger haben ihr Auto direkt vorm Haus stehen, bei Erwerbstätigen sind es sogar 62 Prozent. Weitere 18 Prozent haben nicht einmal 2 Minuten Weg bis zum Fahrzeug.
Für Nutzer von Bus und Bahn fängt da der morgendliche Weg zur Haltestelle im Grunde erst an: Nur 21 Prozent der Werktätigen hat eine Haltestelle im Umkreis von 2 Minuten Fußweg von der Wohnung aus. Der Rest läuft in der Regel zwischen 2 und 10 Minuten bis zur Haltestelle.
So könnte ein "autofreier" Tag aussehen: die Mobile bleiben stehen.
Foto: Ralf Julke
Kann man natürlich sagen: Das liegt in der Natur der Sache. Aber wenn sich parallel die Rahmenbedingungen auch in anderen Lebensbereichen in Richtung Auto verschieben, steigen natürlich auch immer mehr Werktätige auf das Auto um. Und das betrifft zuallererst die Einkaufskultur in Leipzig, die seit 1998 forciert eine Center-Kultur geworden ist, die die Wege zu Einkauf verlängert hat. Ergebnis: Fuhren 2006 54 Prozent der Leipziger mit dem Auto Einkaufen, waren es 2008 schon 57 Prozent, unter den Erwerbstätigen sogar 71 Prozent.
Der schone autofreie Tag ist also ein nettes Feigenblättchen für eine Politik, die seit Jahren das Gegenteil forciert. Da wirken dann Aufrufe zum Umsteigen eher hilflos, auch wenn sie eigentlich sinnvoll sind. Wie etwa dieser Vorschlag der SAENA: Wer weder mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn fahren kann und möchte, dem empfiehlt die SAENA, sich dem sachsenweiten Berufspendlernetz anzuschließen. Die Internetseite www.sachsen.pendlernetz.de listet Mitfahrgelegenheiten oder Gesuche von Berufspendlern. Rund 600 Nutzer sind diesem angeschlossen. So gibt es Fahrten von Leipzig, Dresden und Chemnitz über Plauen, Zwickau bis nach Marienberg und Oschatz.
„Mitfahrgelegenheiten bringen in vielerlei Hinsicht Vorteile. Die Beteiligten sparen Geld, der Straßenverkehr wird entlastet, es werden weniger Abgase frei, aber auch das Miteinander unter den Kollegen wird gefördert - in der Gemeinschaft müssen sie sich nicht mit dem Radio begnügen“, bekräftigt Christian Micksch.
Der Straßenverkehr ist ein Hauptverursacher der verkehrsbedingten Emissionen, zum Beispiel CO2 und trägt zur globalen Klimaerwärmung bei. In Sachsen werden allein im Straßenverkehr rund 6 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ausgestoßen. Das macht rund 1,4 Tonnen pro Einwohner. Da aber nicht alle Sachsen mit dem Pkw fahren, ergibt das für die eigentlichen Nutzer des Automobils Pro-Kopf-Aufkommen von 2, 3 und mehr Tonnen an CO2 im Jahr. Je nach Fahrweise und -häufigkeit und Spritverbrauch des Fahrzeugs.
Wenn Sachsen oder die Bundesrepublik ihre ehrgeizzigen Einsparungen beim CO2 schaffen wollen, müssen sie aktuell massiv in einen nutzerfreundlichen und flächendeckenden ÖPNV investieren. Tun sie aber nicht. Das Gegenteil ist der Fall.
Wer heute trotzdem mit dem Rad fährt, verhält sich trotzdem umweltfreundlich. Und beweist einen Mut, den die zuständigen Entscheider im Land nicht haben.
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