Kostbare Berufe, Teil 3: Jeden Tag auf Achse mit der Straßenbahn
Marko Hofmann
01.06.2011
Linie 15 erreicht den Augustusplatz.
Foto: Marko Hofmann
Früh um 4 Uhr, wenn die Stadt noch schläft, rollt bereits die erste Bahn durch Leipzig. Auch wenn kein Fahrgast mitfährt, sitzt zumindest der Fahrer drin. Ein Leben auf Schienen – ein Fall der Langeweile und Überforderung? Ein Beruf, bei dem man zwangsläufig breite vier Buchstaben bekommt und von Unfreundlichkeit übermannt wird?
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Zwei Stunden Straßenbahnfahrt zwischen Meusdorf und Miltitz reichen, um Vorurteile über den Beruf des Straßenbahnfahrers zu diskutieren und auch ein paar Vorteile anzusprechen.
Augustusplatz, 11:43 Uhr. Planmäßig biegt die langgezogene, silberne „15“ um die Ecke. Hektisches Treiben auf der Suche nach der richtigen Position beim üblichen Ein- und Ausgangsgedränge bricht aus. „Hoffentlich muss ich beim Einsteigen nicht lange anstehen“ - „Halt schon an, ich will endlich rein und sitzen“. Gedanken, die den Fahrgästen auf der Stirn tätowiert zu sein scheinen. Die Türen öffnen sich. Es wird gedrängelt, denn raus wollen auch ein paar.
Drin sitzt eine, die ihren Platz sicher hat – und das seit 19 Jahren. 8 Uhr morgens hat sie ihren Dienst angetreten, irgendwann gegen 16 Uhr wird sie aus der „15“ aussteigen. Anne-Katrin Schaller ist in einer komfortablen Situation. Normalerweise müsste sie wie die meisten ihrer Kollegen im Dreischichtensystem bimmeln. „Ich habe Glück, dass mir die LVB entgegenkommt und genau wegen dieser Familienfreundlichkeit bin ich nach der Wende hierhergekommen“, denn das Unternehmen „Muttiplan“, wie die LVB von ihren Mitarbeitern auch liebevoll genannt wird, nimmt Rücksicht auf Fahrer wie Schaller, die alleinerziehend ist. „Normalerweise würde ich sonst zwei Tage Früh-, zwei Tage Mittel- und zwei Tage Spätschicht arbeiten und zwischendurch immer ein bis zwei Tage frei haben“.
So ergeht es ihren Kollegen, die auch an den Wochenenden ran müssen. Die erste Bahn fährt 4:18 Uhr. Und auch wenn keine Massen zusteigen: Mindestens einer sitzt drin. Ich jetzt auch, auf dem Notsitz in der Fahrerkabine. In Meusdorf geht es los, es ist bedeckt. Anne-Katrin Schaller erzählt von ihrer Arbeit und fährt dabei in aller Ruhe. Keine Chance für Hektik, der Rundumblick ist an. Immer schauend, ob vielleicht jemand an der Haltestelle Hilfe gebrauchen könnte. Für Rollstuhlfahrer muss sie extra eine Rampe ausheben, doch Schaller kennt ihre Kunden und weiß, wann und wo die Stammgäste zusteigen.
Anne-Katrin Schaller am Steuer der Straßenbahn Linie 15.
Foto: Marko Hofmann
Ursprünglich hat sie Datenverarbeitung gelernt, doch das Schichtsystem war für sie nicht mehr möglich. Ihr Vater war schon 20 Jahre hier. Der Gedanke, auch Straßenbahn zu fahren, lag nicht fern. „Es gibt sehr anstrengende Tage, wenn Events sind oder viele Kunden viele verschiedene Wünsche haben, aber sonst ist der Arbeitstag kein Problem.“
Anne-Katrin Schaller setzt sich selbst hohe Ansprüche, die Kunden müssen freundlich behandelt werden. Für Kinder hat sie schon mal einen Schokoriegel einstecken und Rollstuhlfahrer wissen ihre Hilfe zu schätzen. ",Wenn Sie kommen, ist die Welt in Ordnung’, hat mir letztens einer gesagt“, berichtet die Fahrerin. Jeder Straßenbahnkunde weiß, dass die Freundlichkeit bei den Dienstleistern in der Fahrerkabine stark variiert. „Das geht nicht. Der Kunde ist König“, sagt Schaller, für die der Beruf „fast schon eine Berufung“ ist.
Als sie anfing, musste sie sich sechs Wochen mit der Theorie auseinandersetzen und ist dann schon gefahren. Weil ihr Vater selbst bei den LVB war, hatte die Fahrlehrer immer mal wieder gemutmaßt, dass der Vater die Tochter mal fahren ließ. „Mein Vater war da pflichtbewusst, da ging nichts. Ich hatte es einfach im Blut.“
Heute gibt es die Ausbildung zum FiF, zum Facharbeiter im Fahrdienst. Die praktische Ausbildung ist deutlich länger. „Die Ausbildung ist durch die Schichtarbeit und die verschiedenen Fahrzeugtypen anstrengender als früher“, erklärt Schaller. Messegelände, Prager Straße, Ostplatz, Gutenbergplatz. Ein potenzieller Fahrgast kommt angerannt, als die Bahn schon an der Ampel steht.
Schaller öffnet die Tür nicht. „Dafür werden wir immer kritisiert, aber stellen sie sich mal vor, ich mache dir Tür auf und der Kunde stürzt oder stolpert, dann bin ich dafür haftbar.“ Gefahrenstelle Prager Straße, Stephanstraße. Schaller muss klingeln und bremsen. Zu viele Linksabbieger ignorieren die Bahn. „Hier kracht es fast jede Woche“, so Schaller. Wer hätte es gedacht, am Augustusplatz geht alles gesittet zu. Komischerweise. „Hier sind die Passanten alle sehr diszipliniert und achten auf die Bahn.“
Anne-Katrin Schaller bei der Ankunft mit Linie 15 am Augustusplatz.
Foto: Marko Hofmann
Kein Stress für Anne-Katrin Schaller, die nun langsam in der Haltestelle Hauptbahnhof einrollt. Ihr Kollege, der die erste Bahn fahren musste, hat jetzt schon frei und fast den kompletten Nachmittag vor sich, musste aber auch um 3 Uhr aufstehen. „Straßenbahnfahrer neigen nach ihrem halben Leben bei der LVB dazu, die Frühschichten nur noch ungern zu machen, weil sie nicht mehr aus dem Bett kommen.“ Am beliebtesten sind deswegen die Schlussdienste, aber auch die kann Schaller nicht machen, weil sich kein Babysitter bis in die Nacht um ihre Kinder kümmern kann. Mit ihren Kindern fährt Schaller keine Straßenbahn. „Ich bin Autofahrer, da brauche ich keine Bahn“.
Bus fährt sie auch nicht. „Ich fahre schon rasant Auto.“ Tagsüber hat Schaller viele Schüler und Jugendliche in der Bahn und die haben nicht immer sinnvolle Sachen im Kopf. Schaller schreitet dann ein und bittet darum, dass die Krawallmacher aussteigen. Erst wenn sie etwas sagt, sagen meist auch die anderen Fahrgäste etwas.
Lindenauer Markt. Schaller grüßt die Gleisarbeiter, die ein paar Winterschäden beheben. „Das ist meine Lieblingstruppe.“ Wir sind nicht mehr ganz in der Zeit, der Plan ist eng. „Die Kunden erwarten Pünktlichkeit und dann sind sie zufrieden. Man sieht schon an der Haltestelle wie ihr Gemüt ist. Manche zeigen auch auf die Uhr. Lächeln wäre da das Falscheste. Man hofft vielmehr, dass jemand in der Straßenbahn sitzt, der erklärt, warum die Bahn so spät ist.“ Grünau ist nicht mehr weit. „Hier passieren so viele Sachen. Das ist Wahnsinn. Manche gucken schon komisch, wenn man mit einer anderen Bahn kommt.“ Auf unserer Reise nach Miltitz passiert wenig, es ist tiefste Mittagszeit.
Anne-Katrin Schaller mit ihrem Arbeitsfahrzeug - dem Classic XXL.
Foto: Marko Hofmann
An der Endstelle hat Schaller Zeit für ein kleines Schwätzchen und einen kurzen Spaziergang, die einzige Bewegung für eine knappe Stunde – es sei denn, jemand braucht Hilfe. Viele Fahrer haben mit Rückenproblemen oder Übergewicht zu kämpfen. Wer zuviel wiegt, erhält vom Betriebsarzt Berufsverbot, bis er sein altes „Kampfgewicht“ wieder erreicht hat. Schaller ist von solchen Problemen weit entfernt. „Ich brauche meine Bewegung und die kriege ich durch meine Kinder. Ich nehme die Arbeit auch nie mit den privaten Bereich, sondern schalte dann ab.“
An der Haltestelle winkt ein Fahrgast der Fahrerin zu. Man kennt sich eben. Wir rollen wieder aus Grünau heraus die Lützner Straße entlang. Zeit, um mal mit einem Mythos aufzuräumen. Hat jeder Straßenbahnfahrer eine Fernbedienung, um seine Ampel auf Grün zu schalten? Schaller guckt ein wenig ungläubig, eine Fernbedienung habe ich bis hierhin nicht gesehen und immerhin sind wir schon fast 70 Minuten unterwegs.
„Es gibt ein rechnergesteuertes Betriebsleitsystem und so melden wir uns an den Ampel an." Das sind Kästen, die an Laternen oder Pfählen befestigt sind und automatisch registrieren, wenn die Bahn vorbeifährt.
Werden Straßenbahnfahrer geblitzt? „Theoretisch ist das möglich“, lächelt mich Schaller an.
Von weiteren Vertiefungen ist hier abzusehen. Es zieht sich bis Meusdorf. Die Arbeit ist monoton, in der Fahrerkabine ist es ruhig. Ein Radio gibt es nicht. Ist nicht erlaubt. Bei wichtigen Fußballspielen werden die Zwischenergebnisse von der Leitstelle an jede Straßenbahn geschickt. Schaller hebt die Hand und grüßt die entgegenkommende Bahn, Kollegen, die besonders hoch im Kurs stehen, grüßt man durch links blinken.
Ein eigener Kosmos, diese Straßenbahnfahrerei. Ein Kosmos, der sich in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. „Früher habe ich selbst noch bestimmte Sachen repariert oder habe die Bremsen aufgedreht. Heute schütteln die Leute den Kopf, wenn etwas an der Bahn kaputt ist. ‚Solche modernen Dinger’. Das Anspruchsdenken ist einfach größer geworden“, so Schaller. Der Komfort auch – für Fahrer und Mitfahrende. „Dafür fehlt eine Herausforderung, weil die Technik funktioniert“. Wir sind wieder in Meusdorf angekommen. Ob Anne-Katrin Schaller noch mal etwas anderes machen will, frage ich. „Ja, die Linie 9 fahren, aber die fährt meine Schwester“.
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