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Die Bahn baut rund um Leipzig (7): Bauen mit Aussicht in schwindelnder Höhe – Die Unstruttalbrücke

Matthias Weidemann
Blick aus der Gondel über die im Bau befindliche Unstruttalbrücke.
Blick aus der Gondel über die im Bau befindliche Unstruttalbrücke.
Foto: Matthias Weidemann
Auf mehr als 100 Kilometern durchgängig ist die neue Bahnverbindung von Erfurt nach Halle und Leipzig jetzt im Bau. Im Jahr 2015 wird sie in Betrieb gehen. Eines der sichtbarsten und spektakulärsten Bauwerke ist dabei sicherlich die Unstruttalbrücke, die sich kurz vor der Fertigstellung befindet.

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Bei der Einfahrt von der Straße ins Unstruttal kommend, bietet sich einem ein atemberaubender Anblick. Obwohl das Bauwerk beeindruckende Maße aufweist, immerhin fast drei Kilometer lang ist und sich 50 Meter in die Höhe reckt, stört es den Blick auf das romantische Tal mit seinen mit Weinreben bedeckten Hängen des Osterbergs nicht wirklich. Elegant, fast schwebend, vermittelt die Unstruttalbrücke den Eindruck eines filigranen Bauwerks, das sich trotz der vielen tausend Tonnen Beton, die hier verbaut wurden, in die Bilderbuchlandschaft harmonisch einfügt, die hier durch die steil abfallenden Kalkabhänge auf der Ostseite und die flach geneigte Flanke auf der Westseite geprägt ist.

Im Tal, das öfter von Überschwemmungen betroffen ist, verlaufen die Unstrut, die zeitweise Wasser führende Dissau, zwei Landstraßen, Wirtschaftswege sowie die Bahnstrecke Naumburg-Reinsdorf. Die Brücke verbindet den Bibra- und den Osterbergtunnel. Dr. Marcus Schenkel, der Projektleiter für die Verbindung von Erfurt nach Halle und Leipzig ist stolz auf die Arbeit der Brückenbauer und zeigt von unten auf die Schlanken Säulen und Stützbögen der Brücke: „Wir arbeiten hier mit dem sogenannten 'Vor-Kopf-Verfahren'. Dabei handelt es sich um eine der modernsten Brückenbautechniken, bei der Eingriffe in die Natur so gering wie möglich gehalten werden können.“

Natürlich kann der brückenbautechnisch unbefleckte Laie nichts mit dem Begriff „Vor-Kopf-Verfahren“ anfangen. Zu diesen Laien gehört auch der Autor und ließ sich sachkundig von Dr. Marcus Schenkel in die Geheimnisse des Brückenbaus einweisen: „Die Fahrbahnträger entstehen als Spannbetonüberbau. Und zwar abschnittsweise gleichzeitig von beiden Endpunkten der Brücke, also jeweils vom Bibratunnel aus sowie vom Osterbergtunnel aus. Dabei arbeiten sich sogenannte Vorschubgerüste taktweise über das Tal. Davor werden die Pfeiler und Bögen errichtet, auf die sich dann der fertige Überbau stützt.“

Die Pfeiler stehen im von Überschwemmungen bedrohten Unstruttal.
Die Pfeiler stehen im von Überschwemmungen bedrohten Unstruttal.
Foto: Matthias Weidemann
Von unten sieht das natürlich sehr beeindruckend aus, spürt man doch förmlich welche Massen in Schwindel erregender Höhe da bewegt werden. Genau da oben spielt sich auch das komplette Arbeitsleben der Facharbeiter ab, die sich mit einer wenig Vertrauen erweckenden Gondel je nach Bedarf nach oben oder unten liften lassen. Alleine schon der Anblick des fragilen Tragegestells, das an einem allzu dünn erscheinenden Drahtseil vom Kran sich um die eigene Achse drehend und pendelnd in die Höhe gezogen wird, verursacht bei weniger zarten Gemütern einen gewissen Brechreiz. Der übrigens nicht weniger wurde, als der Chefingenieur allen Ernstes behauptet, dass dies die einzige schnelle Möglichkeit sei, die Baustelle da oben zu erreichen.

Für den Autor bedeutet dies mehr als bedauerlicherweise auch, dass dies die einzige Möglichkeit darstellt, um ent- und ansprechende Fotos aus der Vogelperspektive zu schießen. Das Angebot des Ingenieurs, sich doch ein wenig vom Kranfahrer in der Gondel rund um das Brückenbauwerk schwenken zu lassen, klingt wirklich nett und lieb und kommt tatsächlich mit einer scheinbar nicht zu verleugnenden Arglosigkeit daher. Auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass einige der umstehenden Bauarbeiter ein gewisses Feixen nicht unterdrücken können.

Blick von der Gondel auf eines der gewaltigen Brückensegmente.
Blick von der Gondel auf eines der gewaltigen Brückensegmente.
Foto: Matthias Weidemann
So was spornt natürlich an und fordert den ganzen Mann. Und auch wenn es innen laut „Nein“ schreit, sagt man lässig: „Klar, ich brauche sowieso Fotos von ganz oben.“ Mehr oder weniger freiwillig lasse ich von der mir hart und unnachgiebig erscheinenden Bauarbeiterfaust in den engen roten Drahtkäfig, der mich an eine sehr, sehr kleine britische Telefonzelle erinnert. An einem gar zu klein und wenig Vertrauen erweckenden Karabinerhaken ist das nicht minder fadenscheinig wirkende Drahtseil befestig, das die ganze Last nach oben hieven soll, um dann eine fröhliche Karussellfahrt in etwa 100 Metern Höhe zu starten.

Unfälle mit nicht richtig gesicherten Jahrmarktgondeln schwirren mir durch den Sinn, als der Kran uns mit verblüffend großer Geschwindigkeit Richtung Himmel zieht. Der Magen sackt Richtung Kniekehlen und meine Hände klammern sich an das Drahtgestell, der Puls schnellt in die Höhe. Die Bodenplatte auf der ich stehe erscheint mir auf einmal seltsam dünn. Doch als die Gondel schließlich über der Brücke und dem Unstruttal schwebt, sind die Zipperlein wundersamer Weise Nebensache und die Kamera nimmt zuverlässig sämtliche Motive in den Fokus, die sich bieten. Schließlich setzt der segensreiche Kranfahrer, der Herr möge ihm ein langes und erfülltes Leben schenken, die Gondel wieder sanft auf festen, Vertrauen erweckenden Erdboden auf.

Wieder Zeit für eine paar sachliche Erläuterungen des Ingenieurs: „Die elegante Bauweise, die es ermöglicht, dass das Brückenbauwerk nicht so plump und klobig wirkt, ist der sogenannten semi-integralen Brückenbauweise zu schulden. Das heißt, dass die Fahrbahn auf hintereinander liegenden, fugen- und lagerlosen Stahlbetonträgern verläuft. Das ist insofern ungewöhnlich und interessant, als dass Brücken gewöhnlich auf Rollenlagern ruhen, um die Schwingungen auszugleichen, die durch Fahrzeuge entstehen.“

Durch den Verzicht auf diese Lager sind elegantere und weniger klobige Betonkonstruktionen möglich, wie man es an den Stahlbetonbögen in Form eines umgekehrten „V“ erkennen kann, die das Bauwerk in der Mitte stützen. Die schlanken Großbohrpfähle aus Beton, auf denen die Fahrbahn ruht, reichen bis zu 40 Meter in die Tiefe. Die gesamte Länge des Bauwerks beträgt 2.668 Meter bei einer Breite von bis zu fast 16 Metern. Die Kosten für das Bauwerk betragen rund 60 Millionen Euro. Der Investitionsrahmen wird laut Deutscher Bahn dabei nicht überschritten werden.

Die Strecke ist für eine Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern ausgelegt, die die Züge auf dieser Bahnlinie einmal erreichen sollen. Bei solchen Geschwindigkeiten werden Zugreisende wenig vom schönen Unstruttal mitbekommen, bevor sie wieder im Bibratunnel verschwinden. Im Gegenteil zum Fotografen, hoch oben in seiner gemächlich hin und her schwingenden, fragilen Gondel am Kranhaken. Langsamkeit hat eben doch von Zeit zu Zeit gewisse Vorteile.


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