Russisch Roulette am Flughafen Leipzig: Fliegerschwärme in der Nacht und Starten in jede Windrichtung
Ralf Julke
22.10.2011
Flieger-Roulette frühmorgens über Leipzig.
Screenshot: Lutz Weickert
Am Donnerstag, 20. Oktober, schrieb Lutz Weickert, einer der beharrlichsten Kritiker des vom Flughafen Leipzig-Halle verursachten Fluglärms, einen Brief an Uwe Liebscher. Liebscher ist seit 2009 Tower-Chef der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Flughafen Leipzig/Halle. Seinen Brief überschrieb Weickert kurz und knackig: "Russisch Roulette am Flughafen Leipzig?"
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Er hatte sich ein paar Flugkurven vom frühen 18. Oktober angeschaut. Man hat ja dazu eine Menge Zeit im Leipziger Westen und Nordwesten, denn an Schlaf ist in immer mehr Nächten nicht zu denken. Was er dabei entdeckt hat, ist natürlich so etwas wie Russisches Roulette direkt über den Köpfen der Leipziger. Es war dann aber nur noch der knackige Ausklang einer Nacht, in der im Himmel über Leipzig keine Regeln mehr zu gelten schienen.
Dem Tower-Chef, der schon 2009 angekündigt hatte, dass er für die Nachtruhe der Leipziger wenig tun könne, schrieb Lutz Weickert von den erstaunlichen Flugkurven, die die russischen Uralt-Turbopropmaschinen AN26 in den frühen Morgenstunden über Leipzig drehten. Würde in Leipzig die Bonusliste für geräuscharme Flugzeuge gelten, dürften diese Flugzeuge hier weder starten noch landen und schon gar nicht in der Nacht.
Weickert staunte nur über das, was sich da früh um 5 Uhr auf dem Flughafen abspielte. Eigentlich hätte - nach der vorherrschenden Windrichtung - durchweg in Richtung West gestartet werden müssen. Doch an diesem Tag waren am Flughafen augenscheinlich alle Regeln außer Kraft. Es wurde nach West wie Ost gestartet. Zur gleichen Zeit gab es also Starts und Landungen aus bzw. in die selbe Richtung.
Für Dienstag, 18. Oktober, in der Zeit von 5:00 bis 6:00 listet er auf:
05:00 Startbahn Süd: eine B733 startet Richtung West und fast gleichzeitig hebt eine AN26 Richtung Ost ab
05:45 Startbahn Nord: Landung einer B763 aus Richtung Ost
05:45 Startbahn Süd: dasselbe Spiel wie 05:00 Uhr - nahezu gleichzeitiger Start einer AN26 in Richtung West und einer in Richtung Ost
05:48 Startbahn Süd: Start einer weiteren AN26 in Richtung Ost - obwohl eigentlich Startrichtung West gilt.
Flugspuren zwischen 5 und 6 Uhr am 18. Oktober über Leipzig.
Screenshot: Lutz Weickert von der Website dfld.de
Das Starten in beide Richtungen bedeutet natürlich auch die entsprechende Lärmverteilung in beide Richtungen. Weickert: "Das bedeutet noch mehr Lärm für den Norden von Leipzig, Schkeuditz Ost, Taucha usw."
Und er ergänzt: "Das eigentlich Beunruhigende ist aber für mich das damit verbundene Sicherheitsrisiko. Ich hoffe nur, dass Ihre Fluglotsen und die Flugzeugführer diese sonderbaren Manöver beherrschen. Wenn ich mir die DFLD-Flugspuraufzeichnungen anschaue, sieht das eher nach russisch Roulette aus."
Er erinnerte bei der Gelegenheit den Tower-Chef an §29b Abs. 2 LuftVG: "Die Luftfahrtbehörden und die Flugsicherungsorganisation haben auf den Schutz der Bevölkerung vor unzumutbarem Fluglärm hinzuwirken."
Aber Liebscher wäre in Leipzig wohl nicht Tower-Chef geworden, wenn das für ihn Vorrang gehabt hätte. 2009, bei seinem Amtsantritt, hatte er in einem Interview der LVZ entsprechend auch erklärt: "Unser grundsätzliches Gebot heißt Nutzerneutralität. Außerdem gilt: Der Verkehr muss sicher und geordnet abgewickelt werden. Gleich danach kommt die Anwendung von Verfahren unter Vermeidung von unnötigem Fluglärm, besonders nachts. Tagsüber tritt dieser letzte Punkt hinter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit zurück."
Naja. Nachts, wie man sieht, tritt der Schutz vor Fluglärm in seinem Hause ebenfalls hinter dem zurück, was man in Schkeuditz so Wirtschaftlichkeit nennt. Denn was in dieser Nacht über Leipzig stattfand, erinnert eher an ein Kriegsmanöver als an einen geregelten Flugbetrieb. Allein 14 Maschinen flogen nach Mitternacht direkt über das Leipziger Stadtgebiet ein. Von einem Umfliegen des Stadtgebietes - wie den Bürgern noch im Genehmigungsverfahren für die Landebahn Süd immer wieder vollmundig versprochen - war in dieser Nacht nichts mehr zu merken.
Auf 3.000 Meter flogen kurz nach Mitternacht die Frachtmaschinen über Grünau, Lindenau, Schleußig und Südvorstadt ein, um in weitem Bogen um Taucha herum auf die Landebahn Süd einzuschwenken. Den Boeing 752 folgten Boeing 762. Ab 0:15 flogen sie gleich auf 2.000 Meter Höhe ein. Und wer dann glaubte, dass nach 0:45 Uhr - nachdem noch eine Boeing 77L über Markkleeberg eingeschwebt war und eine B 752 nachfolgte -, der Lärm jetzt vorbei wäre, bekam um 1:00 Uhr wieder Nachschlag. Dann brummte wieder eine B 752 über den Süden. Die nächsten Frachter folgten 15 und 45 Minuten später und kurz nach 2 Uhr nutzte noch eine eilige B752 die Nachtflugfreiheit über Leipzig.
Mit einer Minimierung des Fluglärms für die Leipziger hat das alles nichts mehr zu tun. Gegen 5 Uhr – siehe oben – war die kurze Nachtpause wieder vorbei. Dann durften auch die alten russischen Propellermaschienen die Leipziger aus den Betten pusten.
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